Hans-Joachim Karopka, Mitinhaber des Rheingold-Instituts, untersucht seit vielen Jahren, wofür die Menschen in Deutschland ihr Geld gerne sparen und ausgeben, indem er sie ausführlich befragt.
In einem großen Interview mit dem Anleger-Magazin Capital geht er unter anderem auf die (zugespitzte) These ein, wonach die meisten Menschen lieber zum Zahnarzt gingen als zu ihrem Anlageberater bei der Bank.
Karopka stimmt dieser Beobachtung zu – und hält diese auch für nachvollziehbar.
„Wenn Sie zum Zahnarzt gehen, bekommen Sie in der Regel schnelle Lösungen für Ihre Probleme. Wenn Sie sich nicht um Vorsorge und rentable Anlagen kümmern, verschlechtert sich ja zunächst nichts, und die Konsequenzen spüren Sie erst in Jahrzehnten.“
Konsumverzicht zu leisten für das vage Versprechen, es in einer immer weniger berechenbaren Zukunft in Jahrzehnten einmal besser zu haben – das verlange viel von Menschen, sagt Karopka.
Die Mehrheit der Leute sei so gestrickt, dass sie ihr Geld sehr konservativ anlegten, orientiert an Sicherheit und Verfügbarkeit. Das erklärt dem Analysten zufolge auch die hohe Nachfrage nach Tages- und Festgeldkonten – im Gegensatz zur Aktienanlage.
Die Scheu der Deutschen vor Aktien sei zum einen durch das Platzen der New-Economy-Blase ab dem Jahr 2000, zum anderen durch die Anschläge vom 11. September 2001, massiv befördert worden. „Die Maximierungskultur der Nachkriegszeit, die da schon seit einigen Jahren wackelte, brach mit diesen beiden Ereignissen endgültig zusammen“, sagt der Wissenschaftler.
Gleichwohl sei auch der Verzicht auf Aktien „oft eine bewusste Entscheidung, keine Frage von Unwissenheit“, betont Karopka – und gibt folgendes zu bedenken:
„Wenn man sein eigenes Leben als angenehm empfindet, warum soll ich dann Entscheidungen treffen, mit denen ich dieses angenehme Leben riskiere, indem ich mich dem Auf und Ab der Märkte aussetze? Anleger sind schlicht nicht bereit, für den Genuss einer Rendite dieses permanente Auf und Ab auszuhalten.“
Dieses Verhalten sei in allen Bildungsschichten anzutreffen. So herrsche bei Aktien stets das Bild eines „dramatischen Glücksspiels“ vor, bei dem man alles gewinnen oder alles verlieren könne. Diese Anlageform Menschen nahezubringen, die nicht von sich aus ein Interesse daran entwickeln, sei schwierig.
Hingegen ist es aus Sicht des Forschers kein Widerspruch, wenn die sicherheitsbewussten Deutschen so stark beim Immobilienboom mitmischen – im Gegenteil.
„Wenn jemand den Wunsch hat, dass die Dinge so bleiben sollen, wie sie sind, dann verfestigt eine eigene Immobilie genau das und senkt Abhängigkeiten.“
Man wolle mit sich mit einer Immobilie eine Art Denkmal setzen. Man könne es sehen und anfassen. „Das ist etwas ganz anderes als eine Aktie oder ein Fonds“, fügt Karopka hinzu.
Darüber hinaus kritisiert der Analyst die Werbestrategien der Finanzdienstleister. So zeige die Reklame für Altersvorsorge und Vermögensaufbau meist Rentner, die das Leben genießen.
Dazu meint Karopka: „Und wenn man schon alt ist, startet man am besten noch mal durch, sollte aber auf alle Fälle genug Geld für den Konsum haben.“ Damit bekämen die Deutschen einerseits suggeriert, das Altern lieber hinauszuzögern. Andererseits sollen sie sich „aber bitte hinsetzen und um das Altern kümmern“. Ihn wundere es nicht, dass viele Menschen dieses Problem dann lieber ausblendeten. Sie seien verwirrt.
Im Übrigen verärgere es die Menschen eher, wenn man ihnen permanent erklärt, sie machten aus Unwissenheit oder Faulheit einen Fehler, indem sie zinslos sparen oder ihr Geld verkonsumieren statt vorzusorgen.
Auf die Frage, ob die Menschen durch Aufklärung in Sachen Finanzen zu besseren Anlegern gemacht werden, antwortet der Analyst so:
„Diejenigen, die diese Informationen suchen: ja. Aber es setzt die grundsätzliche Bereitschaft voraus, überhaupt aufgeklärt werden zu wollen. Nach unseren Studien ist das gerade mal ein gutes Viertel der Bevölkerung.“