Die Versicherten spüren es im Geldbeutel: Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) muss sparen. Weswegen der Gesetzgeber mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz die Axt an gleich mehrere Leistungen angesetzt hat.
So sinkt der Festzuschuss der Krankenkassen für die Regelversorgung bei Zahnersatz ab 2027 von 60 auf 50 Prozent. Auch der Bonus für regelmäßige Vorsorge schrumpft. Wer fünf Jahre lückenlos nachweisen kann, bekommt künftig 60 statt 70 Prozent, nach zehn Jahren sind es 65 statt 75 Prozent. Bei Kronen und Brücken wächst der Eigenanteil damit spürbar.
Kassenleistung sinkt, Kunden suchen Zusatzschutz
Zweiter Einschnitt: die Zuzahlungen. Bei Arznei-, Verband- und Hilfsmitteln bleibt es zwar bei 10 Prozent der Kosten, doch die Grenzen steigen. Versicherte zahlen künftig mindestens 7,50 und höchstens 15 Euro, bisher waren es 5 und 10 Euro. Bei Heilmitteln wie Physiotherapie kommt zu den 10 Prozent eine feste Zuzahlung von 15 statt 10 Euro je Verordnung hinzu. Im Krankenhaus werden 15 statt 10 Euro pro Tag fällig, begrenzt auf höchstens 28 Tage im Jahr. Das sind bis zu 420 statt bisher 280 Euro. Homöopathie ist ganz raus aus der Kassenleistung. Bei bestimmten Vorsorgeuntersuchungen wie dem Hautkrebsscreening prüft die Politik bis Ende 2027, ob sie nicht nur Menschen mit erhöhtem Risiko bezahlt bekommen.
Kurzum: Die Reform verstärkt eine Entwicklung, die es eh schon gibt. Denn eingeschränkte Kassenleistungen sind vor allem der Grund dafür, dass sich Bürger eine Krankenzusatzversicherung zulegen. In einer Umfrage des Vergleichsportals Verivox gaben das 46 Prozent der Befragten an. Dabei handelte es sich um Zahnzusatzpolicen. Weitere häufig genannte Gründe sind erwartete kostenaufwendige Behandlungen in der Zukunft (27 Prozent) und der Wunsch nach finanzieller Unterstützung bei Prophylaxe-Maßnahmen (26 Prozent).
48 Prozent haben eine private Zusatzversicherung
Die Mehrheit der Personen, die kostenaufwendige Behandlungen in der Zukunft erwarten, rechnet mit Kronen (54 Prozent) und Implantaten (52 Prozent). Jeder Dritte (34 Prozent) glaubt, dass er Brücken brauchen wird. Entsprechend gehören für die breite Mehrheit hochwertiger Zahnersatz (für 86 Prozent) und hochwertige Füllungen (83 Prozent) zu den wichtigen und sehr wichtigen Leistungen einer Zahnzusatzversicherung.
Dass die private Ergänzung des GKV-Schutzes kein Nischenthema mehr ist, zeigen auch die aktuellen Marktzahlen. Nach Angaben des PKV-Verbands gab es Ende 2025 insgesamt 32,2 Millionen private Zusatzversicherungen – rund 873.000 mehr als ein Jahr zuvor. Das entspricht einem Plus von 2,8 Prozent.
Auch mit Blick auf die Haushalte zeigt sich, wie weit Zusatzschutz inzwischen verbreitet ist. Eine Auswertung von GDV-Daten durch den PKV-Verband kommt für 2023 auf einen Anteil von 47,5 Prozent der Haushalte mit einer privaten Krankenzusatzversicherung. 2018 waren es noch 31,6 Prozent. Innerhalb von fünf Jahren ist der Anteil damit deutlich gestiegen.
GKV-Reform wird die Zusatz-Nachfrage bestärken
„Bereits heute besitzen deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher über 32 Millionen private Krankenzusatzversicherungen. Ein klares Signal, dass das Bewusstsein für die Grenzen der gesetzlichen Absicherung längst in der Gesellschaft angekommen ist“, sagt Stephan Böhm, Hauptabteilungsleiter Markt, Produkte, Partner bei der Arag Krankenversicherung. Und weiter: „Die GKV-Reform wird diesen Trend weiter verstärken. Wir gehen davon aus, dass die ohnehin kontinuierlich wachsende Nachfrage nach privater Zusatzabsicherung durch die konkreten Effekte der Reform nun zusätzlichen Schub bekommt.“
Vor allem im Dentalbereich sehen Versicherer dabei Chancen. „Wir rechnen im Zuge der Reform und damit über den Jahreswechsel mit einer erhöhten Nachfrage nach Zahnergänzungstarifen aufgrund der Senkung der gesetzlichen Zuschüsse zum Zahnersatz“, sagt Annette Niessen-Wegener, Leiterin Produkt- und Geschäftsentwicklung bei der Barmenia Krankenversicherung. Ihr Kollege Michael Albrecht, Hauptabteilungsleiter Maklervertrieb bei der Barmenia, ergänzt: „Aber auch insgesamt rechnen wir mit einer erhöhten Sensibilisierung von GKV-Versicherten zur eigenverantwortlichen Ergänzung ihres Versicherungsschutzes durch private Vorsorgeprodukte.“
Unmittelbar erlebbare Leistungen gefragt
Auch bei Ergo und DKV verzeichnet man bei Zahnzusatz- und ambulanten Zusatzversicherungen aktuell „ein deutlich wachsendes Interesse“, so eine Unternehmenssprecherin. Und in der betrieblichen Krankenversicherung (bKV) fragen Mitarbeitende und Betriebsräte inzwischen wohl öfter, warum es im eigenen Unternehmen eigentlich noch kein bKV-Angebot gibt. Bei der Hanse-Merkur indes merkt man noch keinen „sprunghaften Nachfrageanstieg“. Langfristig erwartet der Versicherer aber eine zunehmende Bedeutung privater Zusatzabsicherungen. „Besonders gefragt sind dabei Leistungen, die für Versicherte unmittelbar erlebbar sind“, erklärt Niels Aden, Leiter Produktmarketing bei der Hanse-Merkur.
Reformtarife plant keiner der von Pfefferminzia befragten Versicherer. Aden sagt: „Insgesamt sind unsere Produkte so konzipiert, dass derzeit kein Bedarf für spezielle ‚Reformtarife‘ besteht.“ Sollte sich dauerhaft abzeichnen, dass bestimmte Leistungen künftig in stärkerem Maß privat abgesichert werden müssen, „werden wir diese Entwicklungen selbstverständlich in die Weiterentwicklung unseres Angebots einbeziehen“, so Aden weiter. Ähnlich argumentiert Stephan Böhm von der Arag: „Die Vielzahl der im Markt bestehenden Tarife deckt die wesentlichen Effekte der Reform bereits heute ab.“
Produkte werden laufend weiterentwickelt
Die Barmenia darf Bedingungen dort anpassen, wo Leistungen konkret die Erstattungssätze nennen, allerdings nur in Abstimmung mit dem juristischen Treuhänder. „In vielen Fällen gibt es aber auch keinen Änderungsbedarf, weil die vorhandenen Produkte die neue Situation automatisch abdecken“, so Albrecht.
Die Sprecherin von Ergo und DKV geht weiter: Man werde das Portfolio fortlaufend weiterentwickeln und neue Tarife auf den Markt bringen. Zugleich gelte: „Prozentuale Kürzungen in der GKV führen in der PKV häufig zu einem Anstieg des Versicherungsschutzes in entsprechendem Umfang.“
Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für die Ansprache
Für die Beratung heißt das: Bestandstarife lohnen einen genauen Blick. Ob eine Police die größere Lücke automatisch auffängt, hängt an ihrer Leistungslogik: Wer den Anteil erstattet, den die Kasse nicht zahlt, dessen Leistung wächst mit. Nennt ein Tarif dagegen feste Erstattungssätze, lohnt der Blick in die Bedingungen. Auch die Qualität streut stark. Im aktuellen Rating von Franke und Bornberg (QR-Code oben rechts) erreichen von 265 Zahnzusatztarifen 17 Prozent die Bestnote FFF+ (hervorragend), 12 Prozent fallen durch.
Für Maklerinnen und Makler ist die GKV-Reform auf jeden Fall ein Gesprächsanlass. „Die Wochen vor dem Jahreswechsel sind erfahrungsgemäß ohnehin eine Phase, in der Menschen offen für Bestandsaufnahmen sind. Die Reform liefert jetzt den passenden inhaltlichen Rahmen dazu“, so Arag-Experte Böhm. Er empfiehlt, das Thema flott auf den Tisch zu bringen. Böhm: „Denn je früher Kundinnen und Kunden abschließen, desto früher genießen sie vollen Versicherungsschutz – insbesondere mit Blick auf mögliche Wartezeiten oder zeitlich gestaffelte Summengrenzen.“
Erst informieren, dann beraten
Bleibt die Frage nach dem Wie. Die Barmenia empfiehlt einen zweistufigen Ansatz. Zuerst sollten Kunden über Newsletter, Anschreiben oder digitale Formate sachlich informiert werden, danach folge bei Kunden mit Beratungsbedarf das persönliche Gespräch. „Erst informieren, dann beraten“, lautet die Kurzformel. Den richtigen Zeitpunkt sieht Niessen-Wegener „idealerweise zwischen Oktober und November, um ausreichend Zeit für eine fundierte Beratung zu haben und den Endjahresstress zu vermeiden“.
Auch Aden hält Rundschreiben für geeignet, um Orientierung zu geben, der Hanse-Merkur-Experte betont aber: „Die individuelle Beratung sollte stets im persönlichen Gespräch erfolgen. Unterm Strich gilt: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheitsabsicherung ist keine Frage politischer Debatten oder Reformvorhaben, sondern vor allem eine sehr persönliche Entscheidung.“
Bei allem Vertriebspotenzial bleibt die Reform vor allem ein Beratungsthema. Oder, wie es Michael Albrecht von der Barmenia formuliert: „Die GKV-Reform ist weniger ein Vertriebsthema als vielmehr eine Gelegenheit, Kundennähe, Kompetenz und Beratungsqualität sichtbar zu machen.“