Das Allianz Zentrum für Technik (AZT) sieht Ablenkung als wichtigen Faktor in mindestens jedem dritten Verkehrsunfall. Grundlage sind unter anderem die Analyse von mehr als 34.000 Unfallfällen, Eye-Tracking-Studien in realen Fahrzeugen, kognitive Modelle mit cogniBIT, eine internationale Fahrerbefragung in neun Ländern mit je 1.200 Personen sowie mehr als 80 veröffentlichte Studien. Vorgestellt hat die Allianz die Ergebnisse auf dem 14. Allianz Motor Day am 21. Oktober 2026.
Frühere Schätzungen gingen laut Allianz von lediglich rund 10 Prozent der Verkehrsunfälle in Deutschland aus. „Wir gehen inzwischen davon aus, dass mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen ist. Das ist deutlich häufiger als bislang angenommen“, sagt Frank Sommerfeld, Chef der Allianz Versicherungs-AG.
Wie stark der Effekt ausfallen kann, zeigt eine gemeinsame Studie von AZT und cogniBIT. Das Modell bildet nach, wie Menschen Verkehrslagen wahrnehmen, Informationen verarbeiten und reagieren. In kritischen Szenarien veränderten die Forscher den Fahrerzustand: aufmerksam, durch eine Nebentätigkeit abgelenkt oder unter simuliertem Alkoholeinfluss von 0,8 Promille.
Das Ergebnis fällt deutlich aus. In einem simulierten Notbrems-Szenario auf der Autobahn stieg der Anteil der Unfälle von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Fahrern auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrern. In einem Szenario, in dem ein Kind unvermittelt die Fahrbahn betritt, erhöhte sich die Unfallquote von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent. In 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Fahrer überhaupt nicht.
Die Allianz fasst das so zusammen: Ablenkung kann das Kollisionsrisiko verdreifachen. Zudem war es in allen vier simulierten Szenarien höher als unter einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille.
Warum das passiert, liegt nahe. Wer den Blick von der Straße nimmt, erkennt Gefahren später. Damit verlängern sich Reaktionszeit, Bremsweg und Ausweichweg. Schon wenige Sekunden reichen dann.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf digitalen Cockpits. Viele Funktionen, die früher blind oder mit kurzem Blick bedient wurden, liegen heute in Menüs. Das gilt etwa für Klimaanlage oder Radio. Fahrer müssen tippen, wischen oder suchen. Der Blick wandert weg vom Verkehr.
Eine Fahrstudie des AZT unter realen Bedingungen zeigt, dass identische Aufgaben je nach Bedienkonzept zu unterschiedlichen Blickabwendungszeiten führen. Durch günstiger gestaltete Bedienkonzepte ließen sich bei einzelnen Aufgaben bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden Blickabwendungszeit einsparen.
Klaus-Peter Röhler, Vorstandsmitglied der Allianz SE, sagt dazu: „Unsere Forschung zeigt, dass derselbe Bedienvorgang in einem Fahrzeug bis zu 25 Prozent weniger visuelle Aufmerksamkeit beanspruchen kann als in einem anderen. Das macht deutlich: Ablenkung ist nicht nur eine Frage des Verhaltens, sondern auch der Benutzeroberfläche.“
Für den 14. Allianz Motor Day hat die Allianz Versicherung 1.200 Autofahrer in Deutschland zum Thema Ablenkung am Steuer befragt. 77 Prozent sehen in moderner Fahrzeugtechnik einen Grund dafür. 39 Prozent berichten, dass sie durch Touchscreen-Nutzung während der Fahrt in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal in eine kritische Lage geraten seien.
Als besonders problematisch nennen Befragte langes Scrollen durch Menüs (48 Prozent), komplexe Menüs (46 Prozent) sowie kleine oder schwer zu treffende Touchflächen (40 Prozent). 70 Prozent bevorzugen klassische Schalter statt rein digitaler Steuerung. Unter den 18- bis 25-Jährigen liegt der Anteil bei 79 Prozent.
Auch das Smartphone bleibt Thema. 42 Prozent der Befragten geben an, zumindest gelegentlich während der Fahrt das Smartphone in die Hand zu nehmen, um Nachrichten zu schreiben. 27 Prozent berichten von einer kritischen Situation im Zusammenhang mit der Smartphone-Nutzung am Steuer. Unter besonders intensiven Nutzern steigt dieser Anteil auf 66 Prozent.
Trotz Kritik an Cockpits sehen 87 Prozent der Befragten die Hauptverantwortung dafür, Ablenkung zu vermeiden, bei sich selbst. Zugleich sprechen sich 60 Prozent für höhere Bußgelder bei Ablenkungsverstößen aus, 48 Prozent für strengere rechtliche Sanktionen wie Fahrverbote oder Strafpunkte und 41 Prozent für technische Einschränkungen komplexer Bedienmöglichkeiten während der Fahrt.
Die Allianz selbst fordert sicherheitsoptimierte Cockpits, klare regulatorische Vorgaben und mehr Verantwortungsbewusstsein im Straßenverkehr. Für die Schadenpraxis bleibt damit vor allem ein Punkt hängen: Ablenkung ist schwerer nachzuweisen als Alkohol. Ihr Anteil am Unfallgeschehen dürfte nach den AZT-Daten aber deutlich größer sein, als viele Statistiken zeigen.
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