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Genaugenommen fischen beide in unterschiedlichen Teichen. Doch wenn der Neobroker Scalable Capital vollmundig verkündet, wie billig das neue Altersvorsorgedepot bei ihm wird, verstehen Anbieter von Fondspolicen das als Weckruf. Als Warnsignal. Als Druckmittel. Laufende Kosten knapp über null, keine Abschlussgebühr, keine Kaufgebühr – so billig soll Altersvorsorge also sein können? Interessant. Sogar unter dem Vorbehalt, dass Scalable irgendwann an der Preisschraube drehen wird. Drehen muss.
„Der Markt für Fondspolicen wird sich durch die Reform der privaten Altersvorsorge spürbar verändern. Damit rücken die Kosten aller anderen Produkte stärker in den Fokus“, meint Philipp Wedekind, der die Abteilung Ratings Vorsorge und Nachhaltigkeit in der Rating-Agentur Franke und Bornberg leitet.
Bisher geht es der Fondspolice recht gut. Wedekind zitiert aus dem hauseigenen Map-Report, wonach das Neugeschäft mit Fondspolicen 2025 um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen ist. Der Bestand wuchs um 2,6 Prozent. „Damit ist die fondsgebundene Lebensversicherung derzeit die einzige Produktart in der Lebensversicherung mit kontinuierlichem Wachstum“, folgert Wedekind.
Der neue Blick auf die Kosten ist gar nicht so neu, sondern verstärkt. „Der Preisdruck ist längst da, schon seit einigen Jahren“, meint Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. Er spielt damit auf die Finanzaufsicht Bafin an, die im Jahr 2023 ihr Merkblatt „zu wohlverhaltensaufsichtlichen Aspekten bei kapitalbildenden Lebensversicherungsprodukten“ veröffentlichte. Um Kundennutzen geht es darin. Und der steigt nun mal, wenn Renditen steigen und Gebühren sinken.
Erfolge dank dieser Druckerzeugnis meldete Versicherungsaufseherin Julia Wiens schon mehrfach. Zuletzt im Gespräch mit Pfefferminzia im August, als sie feststellte: „Produkte, die diesen angemessenen Kundennutzen nicht erzielen, wurden vom Markt genommen. Und die Effektivkosten insgesamt sind gesunken. Gerade bei langen Laufzeiten, also 30 Jahre plus, sind sie im Standardbereich um rund 40 Basispunkte zurückgegangen. Das ist viel. Es hat also ein Umdenken stattgefunden. Die Versicherer wissen: Wir nehmen das Thema sehr ernst.“
Mit Zahlen lässt sich das durch einen Blick in die Datenbank des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) unterfüttern. Dort ist für jeden Tarif ein Musterfall durchgerechnet: 37 Jahre Laufzeit, 100 Euro Beitrag im Monat und ein ETF auf den Aktienindex MSCI World oder etwas vergleichbares, um ein paar Eckdaten zu nennen. Im Ergebnis reicht bei 86 Tarifen die Spanne der Effektivkosten von 0,44 Prozent bis 2,66 Prozent pro Jahr hinauf. Über 1,5 Prozent liegen nur zwölf Tarife.
Doch warum können die Kosten so gut sinken? Lars Heermann zufolge sind nicht etwa die Versicherungsmäntel deutlich günstiger geworden oder Verwaltungs- und Abschlusskosten. Das meiste spielt sich auf Fondsebene ab. „Entweder nimmt man von aktiven Fonds günstigere Anteilsklassen, oder man geht einfach mehr in Richtung ETFs“, so Heermann.
Das Hamburger Analysehaus Smart Asset Management befasst sich seit Jahren damit, welche Fondspaletten in Fondspolicen verfügbar sind und wie sich daraus Portfolios bauen lassen. Auch dort beobachtet man, dass viele teure Fonds aus den Regalen fliegen und durch ETFs ersetzt werden. Geschäftsführer Thorsten Dorn findet das nicht verwerflich. „Gerade in solchen Kernkategorien wie globale Aktien, Europa und USA ist es ohnehin schwer, den Markt zu schlagen. Dann greift sogar unser eigenes System auf ETFs zurück“, sagt er. Zugleich äußert er Zweifel, ob dieser Kampf um die Kosten wirklich der Stein der Weisen ist: „Versicherer glauben, dass es gut ist, billige Portfolios anzubieten. Dort läuft gerade der Preiskampf.“
Vor allem die Fondsgesellschaft Amundi marschiert derzeit recht flott vorne weg. Für ETFs der Serie „Prime“ berechnet sie Gesamtkostenquoten von 0,05 bis 0,07 Prozent und steht damit ziemlich weit vorn, wie Thorsten Dorn weiter berichtet. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis der globale Branchenprimus Blackrock mit seinen iShares-ETF nachzieht. Für Anleger sind das jedenfalls gute Nachrichten.
Doch nicht nur klassische ETFs sind das Mittel der Wahl. Für institutionelle Anteilsklassen zahlen Anleger verringerte Managementgebühren. Das ist eigentlich als Mengenrabatt für Großanleger vorgesehen. Kommen aber über Fondspolicen gesammelt die richtigen Beträge zusammen, passt das. Clean-Share-Klassen wiederum lassen Bestandsprovisionen für Vermittler weg, was die Fondskosten mal eben halbieren kann.
Und am Ende ist da noch der aktive ETF. Er ist der Indexfonds mit gemanagtem Überbau, weshalb seine Kosten zwischen klassischem ETF und aktivem Fonds liegen. Laut Thorsten Dorn werden aktive ETFs zunehmend populär in Policen. Die IVFP-Datenbank zeigt: Von den 86 Tarifen bieten 30 solche aktiven ETFs an. 64 ermöglichen institutionelle Anteilsklassen. Wer sorgfältig auf die Fondsangebote schaut, kann Kosten deutlich drücken.
Gleichwohl bleiben zählbare Mehrkosten gegenüber dem direkten Depot vorhanden, die Vermittler gegenüber ihren Kunden irgendwie rechtfertigen müssen. Durch Steuervorteile etwa, dauerhafte Begleitung, auch in schwierigen Zeiten, spätere lebenslange Rente. Eine weitere Möglichkeit sind gemanagte Portfolios, die verstärkt auf den Plan treten, wie Analyst Lars Heermann seit Jahren beobachtet. „So etwas eignet sich hier sehr gut. Denn der typische Versicherungskunde ist nicht der, der aktiv am Kapitalmarkt handelt und jeden Tag nachsieht, wie sich die Kurse entwickeln. Er ist ja eher … sagen wir mal … der bequeme Sparer“, so der Assekurata-Mann.
Für das „Handelsblatt“ hat er sich mittlerweile zum siebten Mal mit solchen gemanagten Depots auseinandergesetzt. 17 Gesellschaften mit 104 Produkten nahmen teil. Es ging dabei um Rendite, Risiko, Reaktionsvermögen und Risikoprämien. Wie Lars Heermann feststellte, schlagen sich die Produkte wacker, auch in den kurzen Crash-Phasen der jüngeren Vergangenheit. Hinzu kommen Kostenquoten von durchschnittlich 0,5 Prozent im Jahr. Das ist deutlich weniger als für aktive Fonds oder manche Dachfonds fällig werden. Allerdings reicht die Gebührenspanne bis hinauf zu kaum noch erklärbaren 1,8 Prozent. Vermittler sollten also auch da genau hinschauen.
Als nach wie vor vorhandenen Schwachpunkt sieht IVFP-Geschäftsführer Michael Hauer die vorzeitige Kündigung von Verträgen. „Abschlusskosten verteilen sich dann auf eine kürzere Laufzeit und belasten das Kundenergebnis stärker“, sagt er. Das ist übrigens auch der Bafin ein Dorn im Auge. Sie fordert schon eine Weile, dass Versicherer Kundennutzen auch für abgebrochene Verträge bieten. Julia Wiens etwa erwähnt in ihren Vorträgen gern einen vorzeitig gekündigten Vertrag, der es auf Effektivkosten von über 4 Prozent im Jahr bringt. Noch ist nicht zu beobachten, wie Versicherer das in den Griff bekommen wollen.
Was sich hingegen weiterbewegt, das sind private Märkte als Anlagebausteine. Darunter fallen Investmentvehikel, die in direkte Unternehmensanteile (Private Equity), direkte Kredite (Private Debt) und Infrastruktur gehen. Das können European Long Term Investment Funds (Eltif) sein, aber auch interne Produkte und Referenzportfolios, wie Michael Hauer berichtet.
Sein Haus weist in einem Marktüberblick derzeit sechs Policen von fünf Anbietern aus. Hauer rät: „Für Makler kommt es darauf an, hinter die Bezeichnung ‚Private Markets‘ zu schauen: Was wird tatsächlich finanziert? Wie breit ist das Portfolio gestreut? Welche Erfahrung hat das Management? Und welche Kosten entstehen auf sämtlichen Anlageebenen einschließlich des Versicherungsmantels?“
Dass solche Geldanlagen enorm langfristig ausgerichtet sind, passt in Hauers Augen genau zur Altersvorsorge. Allerdings müsse klar sein, was passiert, wenn Kunden trotzdem vorzeitig ranmüssen. „Es muss klar sein, welche Entnahmen der Vertrag ermöglicht, wer die Liquidität bereitstellt und welche Einschränkungen bestehen. Eine geringe ausgewiesene Wertschwankung sollte zudem nicht mit einem entsprechend geringen wirtschaftlichen Risiko gleichgesetzt werden“, so der IVFP-Mann.
Dann könnte es unerfreulich werden, wenn man nicht rauskommt. Oder es wird schlicht teuer. Und das wäre im aktuellen Preiskampf definitiv keine gute Idee.
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