Julia Wiens, Bafin

„Künstliche Intelligenz wird die Branche sehr verändern“

Im dritten und letzten Teil unserer Interview-Reihe mit Versicherungsaufseherin Julia Wiens von der Finanzaufsicht Bafin sprechen wir über künstliche Intelligenz (KI) und ihren Einsatz in der Versicherungsbranche.
Selbstbewusste Geschäftsfrau mit Brille und grauem Blazer.
© Bafin/Matthias Sandmann
Julia Wiens ist Exekutivdirektorin für den Geschäftsbereich Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der Bafin.

Pfefferminzia: Ein großes Thema ist künstliche Intelligenz. Wie stehen Sie zum Thema KI und ihrem Einsatz in der Versicherungsbranche?

Julia Wiens: Künstliche Intelligenz wird die Branche verändern. Wir sehen jetzt schon, dass die Versicherer an vielen Stellen KI einsetzen. Wir als Bafin stehen dem positiv gegenüber. Wir sehen viele Chancen und viele Vorteile, sowohl für Versicherer als auch für Verbraucherinnen und Verbraucher. Wenn die Versicherer durch KI effizienter werden, Leistungsfälle schneller bearbeiten und besser erreichbar sind, nutzt das allen. Aber es gibt natürlich auch neue Risiken – zum Beispiel die Halluzination. Die KI verkauft dann Inhalte sehr selbstbewusst als wahr und richtig, die aber vielleicht irreführend oder falsch sind. Außerdem gibt es Konzentrationsrisiken, beispielsweise wird die Abhängigkeit von den großen Tech-Anbietern größer. Und schließlich nehmen Cyberrisiken zu.

>>> Das Interview mit Julia Wiens können Sie auch hören. Hier geht es zu unserem Podcast-Interview.

Die Bafin hat konkrete Anforderungen für den Umgang der Versicherer mit künstlicher Intelligenz gesetzt, zum Beispiel im Underwriting. Was ist Ihnen da als Aufsicht besonders wichtig?

Wiens: Wenn KI im Underwriting eingesetzt wird, vor allem in der Kranken- oder Lebensversicherung, dann ist das Hochrisiko-KI. Das heißt: Es gibt besondere Governance-Anforderungen und besondere Dokumentations- und Aufsichtspflichten. Wie die konkret ausgestaltet werden, erarbeitet der Gesetzgeber aktuell noch. Die Timeline für die Hochrisiko-KI wurde auf Dezember 2027 verschoben. Aber klar ist: Wenn eine Prämienentscheidung getroffen wird oder die künstliche Intelligenz ein Ablehnungsschreiben erstellt, muss das objektiv nachvollziehbar sein. Die KI-Verordnung hat vor allem den Verbraucherschutz im Fokus. Es soll keiner ausgeschlossen oder benachteiligt werden.

Und wie sieht es in der Schadenregulierung aus?

Wiens: Schadenregulierung ist meist keine Hochrisiko-KI. Aber es gibt bestehende Richtlinien, die trotzdem eingehalten werden müssen. Da geht es um verbotene Praktiken und um Transparenzpflichten. Verboten wären zum Beispiel automatisierte Regulierungsvorschläge, die Kundinnen und Kunden so manipulieren, dass sie einem nachteiligen Vergleich zustimmen. Betrugserkennung dagegen ist zulässig. Man muss aber darauf achten, dass die verwendeten Faktoren objektiv, gerechtfertigt und verhältnismäßig sind. Insgesamt gilt: Für die Verwendung von KI, im Underwriting wie in der Schadenregulierung, braucht man gutes Modellrisikomanagement. Die Versicherer müssen sicherstellen, dass die Qualität der KI gut ist und dass der Output verlässlich und geprüft ist. Es gibt also einiges zu tun, wenn man KI einsetzt.

Was auch problematisch ist – da sind wir wieder an der Schnittstelle Kunde: Kunden stellen bei ChatGPT und Co. Versicherungsfragen. Und bekommen inzwischen zum Teil sogar konkrete Versicherungstarife empfohlen. Wie steht die Bafin dazu?

Wiens: Das ist ein Thema für die Industrie- und Handelskammern, bei denen die Aufsicht über die Versicherungsvermittler liegt. Das ist aber meiner Meinung etwas, das wir europäisch lösen müssen. Denn durch Anbieter wie ChatGPT sind wir nicht mehr nur national in Deutschland unterwegs. Die europäische Aufsicht Eiopa befasst sich bereits dem Thema, um eine gemeinsame Linie zu finden.

> Interview-Serie mit Julia Wiens, Teil 1: „Die Altersvorsorgereform ist für die Versicherer ein massiver Einschnitt“

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Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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