Die Alterung der deutschen Bevölkerung hat das Gesundheitssystem erreicht. Das im Juli beschlossene GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz soll, wie der Name schon sagt, den drohenden Anstieg der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung verhindern. Die Ausgaben sollen sich künftig stärker an den Einnahmen orientieren.
Das bedeutet Einschnitte für alle Bereiche des Gesundheitssystems. Auch die Patienten, also die Versicherten, trifft es. Neben höheren Zuzahlungen und direkten Leistungskürzungen könnte eine Verschlechterung der Versorgung durch die Hintertür drohen, etwa durch die Neuordnung (oder besser gesagt Kürzung) der Ärzte-Vergütung für Kassenpatienten. Zudem lässt eine außerordentliche Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze im kommenden Jahr die Beiträge für Gutverdiener stärker steigen als es die allgemeine Lohnentwicklung ohnehin vorsieht.
Wir wollten wissen, ob mit Blick auf die anstehenden Veränderungen im Gesundheitssystem neue Beratungsanlässe für Vermittler im Bereich der privaten Krankenversicherung (PKV) zu erwarten sind. Wir haben daher PKV-Experten gefragt, wo aus ihrer Sicht 2027 neuer Beratungsbedarf entsteht und wo sie eine stärkere Nachfrage nach privater Absicherung erwarten.
Tim Bökemeier, Mitgründer von PKV-Welt: „Viele Kunden stellen die Systemfrage jetzt neu“

Wir merken die Auswirkungen der GKV-Reform schon heute sehr deutlich in unserer Beratung. Die Zahl der Anfragen zum Wechsel in die private Krankenversicherung ist spürbar gestiegen. Besonders interessant ist, dass sich auch Kunden wieder bei uns melden, die wir bereits vor ein oder zwei Jahren beraten haben und die sich damals noch gegen einen Wechsel entschieden hatten. Viele möchten das Thema jetzt neu bewerten und den Wechsel konkret angehen.
Der eigentliche Trigger ist dabei häufig der Beitrag. Gerade gutverdienende Angestellte und Selbstständige sehen, dass die Beitragsbemessungsgrenze erneut steigt und damit auch der GKV-Höchstbeitrag. Wenn gleichzeitig über Leistungskürzungen und höhere Eigenanteile gesprochen wird, stellen viele die Systemfrage neu.
Für 2027 rechne ich deshalb mit weiter steigender Nachfrage nach der PKV. Auch Zahnzusatzversicherungen dürften profitieren. Sinkende Zuschüsse beim Zahnersatz treffen Versicherte bei Kronen, Brücken oder hochwertiger Versorgung unmittelbar im eigenen Portemonnaie.
Ich erwarte, dass sich deshalb noch mehr gutverdienende Angestellte und Selbstständige bewusst mit der Frage beschäftigen werden: Bleibe ich in der GKV und ergänze einzelne Leistungen oder nutze ich die Möglichkeit zum vollständigen Wechsel in die PKV?
Hagen Engelhard, Medi-Kost: „Gnadenlose Verknappungstendenzen zu erwarten“

Bei der PKV-Vollversicherung ergeben sich aus der GKV-Reform zwei wesentliche Themen: Beim ersten Thema ist Eile geboten. Wegen der überproportional steigenden Jahresentgeltgrenze werden wir im nächsten Jahr vermutlich etwa 250.000 Menschen weniger für die PKV-Vollversicherung haben. Da Bestandsschutz nur für Arbeitnehmer gilt, die vor dem 1. Januar 2027 bereits in der PKV sind, ist es allerhöchste Zeit bis zum 30.September 2026 die Menschen zu sensibilisieren, die jetzt aufgrund ihres Einkommens noch wechseln könnten, im nächsten Jahr aber an der deutlich höheren Jahresentgeltgrenze scheitern werden.
Zweites Thema: Abgesehen von den monetären Einschränkungen, etwa den sinkenden Festzuschüssen zum Zahnersatz, sind die Streichungen in dem Leistungsgefüge der GKV recht kommod ausgefallen. (Ja, der Verlust von Cannabisblüten auf Kassenrezept wiegt schwer. Aber man kann sie auch selbst anbauen). Spannender sind die implizierten Leistungskürzungen. Neue Regeln machen es Leistungserbringern immer unsympathischer, bestimmte Leistungen für Kassenpatienten zu erbringen. Zum Beispiel erhalten Ärzte für ambulantes Operieren künftig keine extrabudgetären Honorierungen mehr. Die Änderungen werden zu gnadenlosen Verknappungstendenzen führen, die die Politik öffentlich gar nicht erklären muss.
So etwas ist in der PKV nicht möglich und Privatversicherte sind von Verknappungen nicht betroffen. Um dies Kunden besser klarmachen zu können, brauchen Vermittler mehr Wissen und Argumentationsketten. Mir fehlt genau das in den Verlautbarungen der Versicherer. Nur über steigende Preise zu sprechen, ist zu kurz gesprungen. Die für die PKV maßgebliche neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) lauert bereits. Und auch die PKV leidet unter Kostenexplosionen.
Bei den Zusatzversicherungen dürfte der Bedarf bei Zahnzusatz steigen. Vermutlich dürften damit Beitragsanpassungen im Bestand einhergehen. Zahnzusatz bietet also eine Chance für Vermittler. Aber es sollte parallel Verbrauchern auch das Risiko der Beitragsanpassungen erklärt werden.
Marcus Knispel, spezialisierter Makler für private Krankenversicherungen: „2027 wird ein starkes PKV-Jahr“

Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz bringt 2027 spürbare Belastungen: Der tatsächliche durchschnittliche Zusatzbeitrag klettert weiter Richtung 4 Prozent, die Beitragsbemessungsgrenze steigt deutlich auf rund 6.375 Euro und gleichzeitig werden Leistungen spürbar gekürzt – etwa beim Zahnersatz.
Für uns Makler zeichnen sich aus der Praxis heraus drei klare Nachfragefelder ab:
- Zahnzusatzversicherungen, um die neuen Leistungslücken sofort abzufedern.
- PKV-Vollversicherungswechselvon Gutverdienern und Selbstständigen, für die das System PKV im Beitragsvergleich noch attraktiver wird.
- Ambulante Ergänzungstarifefür steigende Zuzahlungen bei Heil- und Hilfsmitteln.
Mein Fazit für die Beratung: Die Reform beseitigt das strukturelle GKV-Defizit nicht, sondern kauft nur Zeit. Als Berater dürfen wir uns jedoch nicht von kurzfristiger Panik leiten lassen. Unsere Aufgabe ist es, Kunden nachhaltig und langfristig aufzuklären – inklusive einer sauberen Gesundheitsprüfung vor jedem Systemwechsel. 2027 wird ein starkes PKV-Jahr, wenn wir auf Qualität und Weitsicht setzen.