Neodigital und Adam Riese

„Wir haben eine klare Wachstums-Ambition“

Neodigital und Adam Riese arbeiten künftig strategisch zusammen. Neodigitals Sach-Bestand geht auf die Württembergische-Tochter über. Verwaltet werden die jetzigen und künftige Bestände aber auf der Plattform von Neodigital. Im Doppelinterview erklären Stephen Voss (CEO Neodigital) und Julian Grauer (Geschäftsführer Adam Riese), warum sie sich zusammentun, wie der Zeitplan aussieht und was sich für Vertriebspartner ändert.
Stephen Voss (links), CEO von Neodigital, und Julian Grauer, Geschäftsführer von Adam Riese.
© Jennifer Weyland/Adam Riese
Stephen Voss (links), CEO von Neodigital, und Julian Grauer, Geschäftsführer von Adam Riese.

Pfefferminzia: Neodigital gibt seine Rolle als Risikoträger auf und wird künftig ausschließlich als Insurance-as-a-Service-Anbieter am SHU-Markt auftreten. Warum dieser Schritt?

Stephen Voss: Wir haben mit Adam Riese und der Wüstenrot & Württembergischen, W&W, einen Partner gefunden, der einen signifikanten Bestand hat. Julian und sein Team haben in den vergangenen Jahren knapp 50 Millionen Euro an Bestand aufgebaut. Der wird jetzt auf die Neodigital-Plattform übertragen und dort gemeinsam mit unserem eigenen Bestand verwaltet. Das ist etwas ganz Besonderes für uns, weil es am Ende beweist, dass unsere Plattform nicht nur effizient, sondern auch technisch skalierungsfähig ist. Eine Plattform gewinnt ihre Effizienz und ihre Skaleneffekte ja gerade dadurch, dass sie möglichst viel Bestand verwaltet. Das schaffen wir jetzt mit der Zusammenlegung unserer Bestände.

Für uns war es ein logischer Schritt zu sagen: Lasst uns als Neodigital auf Technologie, Vertrag, Schaden und Prozess konzentrieren – und die Risikotragung einem starken Partner überlassen, der ihn weiterentwickelt. Julian und sein Team haben bewiesen, dass sie das sehr gut können.

Ihr seid nicht das einzige Insurtech, das die Versicherungslizenz wieder abgibt – in der jüngsten Zeit haben mehrere diesen Schritt gemacht.

Voss: Die Beweggründe sind unterschiedlich. Wir haben über 200 Sachversicherer im deutschen Markt und große Herausforderungen bei Technologie, künstlicher Intelligenz und Regulatorik. Wenn man das alles einbezieht, finde ich diese Entwicklung nicht ungewöhnlich. Mir ist dabei wichtig zu betonen: Wir wollten diesen Bestand nicht verkaufen – und er wurde auch nicht verkauft. Er geht in eine gemeinsame Partnerschaft über.

Julian, ihr knackt jetzt fast die Marke von einer Million Kunden. Was bedeutet dieser Sprung für euch operativ und strategisch?

Julian Grauer: Mit mehr Kundinnen und Kunden steigt auch die Verantwortung, das muss klar sein. Für uns als Assekuradeur der Württembergische Versicherung ist das Thema Skaleneffekte aber ganz zentral. Und da ist der Bestand, den Neodigital mitbringt, ein Riesenschritt nach vorne. Wir wollen wachsen, einen starken Partner im Hintergrund haben und arbeiten seit Jahren daran, die Marke Adam Riese im Maklermarkt, im Internet und bei Endkunden fest zu etablieren. Jetzt gibt es dafür noch einmal richtig Aufschwung.

Wie integriert man einen Fremdbestand, ohne dass es Reibungsverluste gibt?

Grauer: Wir schließen eine Partnerschaft auf technologischer Basis der Neodigital – die Zusammenlegung bedeutet eher, dass wir unseren Bestand zu Neodigital bringen, nicht umgekehrt. Die Risikoträgerschaft liegt bei der Württembergische Versicherung. Wir übernehmen weiterhin die gesamte Portfoliosteuerung sowie Konzeption und Design der Produkte, aber die technische Umsetzung und in weiten Teilen später auch die Verarbeitung übernehmen die Kolleginnen und Kollegen von Neodigital aus dem Saarland. Deshalb ist das eine Aufgabe, die wir gemeinsam stemmen werden – sobald die Bafin-Freigabe da ist. Der nächste Schritt wird sein, unser Neugeschäft auf die neue Plattform zu routen.

Wie sieht der grobe Zeitplan aus? Wie lange dauert so eine Bafin-Zustimmung?

Grauer: Die kommt noch dieses Jahr, vermutlich im Oktober. Dann werden wir die Kundinnen und Kunden informieren, Produkte neu bauen und so weiter. Unsere Ambition ist, im ersten Quartal 2027 mit dem Neugeschäft auf die neue Plattform zu wechseln. Der Zeitplan ist sportlich. Aber wir sind schließlich zwei Digitalversicherer, die für Geschwindigkeit stehen.

Voss: Genau, das ist keine bloße Ambition – das kriegen wir hin.

Stephen, ihr habt so eine Migration schon einmal gemacht. Gibt es beim Anschreiben der Kunden auch welche, die das nicht gut finden?

Voss: Es gibt natürlich das aktive Opt-out. Wenn man das gut macht, liegt man aber unter einem Prozent. Bei uns hat das bisher immer gut funktioniert.

Wollt ihr gemeinsam über den SHU-Bereich dann neue Sparten erschließen?

Grauer: Stephen und sein Team stellen uns eine technische Plattform bereit, die das ermöglicht. Ob wir bei Adam Riese gemeinsam mit dem Risikoträger tatsächlich entscheiden, unseren Spartenmix zu erweitern, wird die Zukunft zeigen.

Was ändert sich für Vertriebspartner?

Voss: Wir ziehen uns mit der Marke Neodigital aus dem SHU-Markt zurück. Vorne steht künftig Adam Riese, die Verbindungen zu den Vertriebspartnern für SHU-Produkte laufen dann über sie. Für die Neodigital Autoversicherung – ein Unternehmen der Huk-Coburg – werden wir weiterhin die KFZ-Versicherung unter der Marke Neodigital aktiv vermarkten und vertreiben. Wir ziehen uns also nicht aus dem Versicherungsmarkt zurück, sondern entwickeln unsere Rolle weiter. Während Adam Riese künftig die SHU-Produkte im Maklermarkt verantwortet, bleibt Neodigital mit der KFZ-Versicherung präsent und baut gleichzeitig seine Position als Technologie- und Plattformpartner der Versicherungswirtschaft weiter aus.

Grauer: Wir haben noch einige regulatorische Themen mit der Bafin zu klären, aber der Übergang für die Vermittler sollte relativ nahtlos verlaufen. Sollte es Vertriebspartnerinnen und -partner geben, die heute schon mit Neodigital, aber noch nicht mit uns zusammenarbeiten, werden wir gemeinsam eine Courtagezusage hinbekommen. Wir können jetzt mit ganz anderer Power am Markt auftreten. Wir haben eine klare Wachstumsambition und ich freue mich über jede neue Partnerschaft.

Voss: Das Schöne ist, dass wir mit unserer Technik Vertriebspartner erreichen, die Neodigital vorher vielleicht gar nicht auf dem Schirm hatten. Und umgekehrt. Das ist genau dieser Synergieeffekt. Wir können in dieser Partnerschaft mehr erreichen: mehr Vertrieb, mehr Beitragswachstum, eine größere Kundenbasis. Unser Ziel ist, auf unserer Plattform so viel Beitrag wie möglich zu verwalten – und das so schnell und so effizient wie möglich. Warum? Damit die Produkte besser, günstiger und attraktiver für die Kunden werden, damit die Partner auf der Plattform mehr verkaufen und damit wieder mehr Bestand auf die Plattform kommt.

Ich frage mal ketzerisch: Ihr seid beide digital aufgestellt – warum baut ihr nicht einfach digitale Abschlussstrecken, für die ihr den Vertriebspartner gar nicht mehr braucht?

Grauer: Ich muss mein Vertriebsmodell am Verhalten der Endkundinnen und Endkunden ausrichten. Und ein Blick in die GDV-Statistik zeigt, dass Direktabschlüsse nur einen kleinen Teil des Geschäftes ausmachen. Die Menschen wollen also Beratung. Ich selbst bin 35 Jahre alt, leite einen Digitalversicherer und habe mich bei meiner Wohngebäudeversicherung trotzdem dazu entschieden, mit einem Makler zusammenzuarbeiten. Einfach, weil es so viele wichtige Fragen gibt und ich nicht im Schadenfall bemerken möchte, dass ich etwas falsch gemacht habe. Deshalb brauchen wir Vertriebspartner. Uns macht es Spaß, mit Maklern zusammenzuarbeiten, sie durch bessere Produkte und Prozesse zu unterstützen und ihren Alltag einfacher zu machen. Es gibt einen Grund, warum unser Geschäftsmodell und das von Neodigital bereits heute Anklang im Markt finden, und wenn wir das jetzt zusammenlegen, wird das noch stärker der Fall sein.

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Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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