Teuerste Warteschleife der Branche

Lebensversicherung: Anbieter verspielen Neugeschäft im Service

Wenn es darum geht, Anfragen zu Produkten zu beantworten, schwächeln nicht wenige Lebensversicherer enorm. Johannes Bunk und Adrian Waltenberger, Geschäftsführer von Fralytics, stoßen im aktuellen Service-Test auf große Lücken und erklären hier, warum die für die Anbieter so gefährlich sind.
Johannes Bunk (links) und Adrian Waltenberger, Geschäftsführer von Fralytics
© Fralytics
Johannes Bunk (links) und Adrian Waltenberger, Geschäftsführer von Fralytics

Die deutsche Lebensversicherung steht unter erheblichem Transformationsdruck. Steigende regulatorische Anforderungen, zunehmende Produktähnlichkeit und intensiver Wettbewerb um Neugeschäft verschieben die Differenzierung immer stärker vom Produkt auf die Kundenschnittstelle.

Genau dort aber zeigen aktuelle Mystery-Shopping-Studien von Fralytics gravierende Defizite: Nur 55 Prozent der angefragten Lebensversicherer reagierten überhaupt auf Produktanfragen, die durchschnittliche Antwortzeit lag bei 64,7 Stunden.

Diese Befunde sind mehr als ein operatives Randthema. Sie weisen auf ein strukturelles Problem der Branche hin: Viele Anbieter organisieren Kundendialog nicht als integralen Bestandteil der Wertschöpfung, sondern als nachgelagerte Servicefunktion. Aus Sicht des Interessenten ist das jedoch nicht nachvollziehbar, denn der Vertriebsprozess beginnt mit der ersten Anfrage. Wer diesen ersten Kontakt nicht ernst nimmt, verliert nicht nur einen Lead, sondern potenziell die gesamte Beziehung.

Methodischer Rahmen

Die vorliegenden Ergebnisse beruhen auf einem standardisierten Mystery-Shopping-Ansatz mit elektronisch schriftlichen Anfragen unter vergleichbaren Bedingungen. Fralytics arbeitet dabei mit einem Bewertungsmodell, das Reaktionsgeschwindigkeit und inhaltliche Qualität getrennt erfasst; für Top-Performer gilt unter anderem eine Antwort innerhalb von 48 Stunden, eine direkte Beantwortung aller Fragen und eine Mindestpunktzahl von 75 Punkten.

Punkteverteilung in der aktuellen Service-Studie von Fralytics zu Lebensversicherungen (Quelle: Fralytics)
Punkteverteilung in der aktuellen Service-Studie von Fralytics zu Lebensversicherungen (Quelle: Fralytics)

 

Dieser methodische Zugang ist für die Einordnung wichtig, weil er nicht nur die reine Erreichbarkeit misst, sondern auch die tatsächliche Beratungsleistung an der Kundenschnittstelle. Damit wird sichtbar, ob ein Unternehmen Anfragen lediglich „annimmt“ oder ob es in der Lage ist, sie fachlich belastbar zu beantworten. Mystery Shopping ist gerade für Dienstleistungsqualität als Instrument etabliert, weil es die Leistung aus Sicht eines anonymen Testkunden unter realitätsnahen Bedingungen bewertet.

>>>Mehr Informationen zur Studie finden Sie hier.

Vertrieb verliert am Eingang

Die ökonomische Dimension der Ergebnisse ist erheblich. Eine Nicht-Reaktionsquote von 45 Prozent bedeutet, dass fast jede zweite Anfrage ins Leere läuft. Gleichzeitig wird ein erheblicher Teil der Marketing- und Lead-Kosten entwertet, weil aus erzeugtem Interesse keine qualifizierte Interaktion entsteht.

Damit wird Service zu einer vorgelagerten Vertriebsfrage. Wer Service weiterhin als Cost-Center behandelt, unterschätzt seine Wirkung auf Conversion, Abschlusswahrscheinlichkeit und Markenwahrnehmung. Gerade im Lebensversicherungsmarkt, in dem Produkte für viele Kunden nur begrenzt unterscheidbar sind, entsteht der eigentliche Wettbewerbsvorteil nicht erst im Produkt, sondern im ersten verlässlichen Antwort Moment.

Geschwindigkeit reicht nicht

Ein besonders aufschlussreicher Befund zeigt sich in der Berufsunfähigkeitsversicherung. Dort sinkt die durchschnittliche Antwortzeit auf 35,3 Stunden, die Rückmeldequote liegt bei 72 Prozent. Die Qualität der Antworten senkt jedoch auffällig den allgemeinen Schnitt: Statt klarer, individueller und verständlicher Orientierung erhalten Interessierte häufig unvollständige oder wenig konkrete Informationen. Offenbar haben viele Versicherer Schwierigkeiten, BU-Fragen sicher und umfassend zu beantworten – möglicherweise auch aus Sorge, fachlich oder rechtlich angreifbare Auskünfte zu geben.

Das verdeutlicht ein zentrales Muster: Schnellere Reaktionen sind kein Ersatz für fachliche Substanz. Digitalisierung, Workflow-Automatisierung und Ticket-Systeme können Prozesse beschleunigen, aber sie ersetzen keine Beratung. Wenn Systeme lediglich dafür sorgen, dass Anfragen schneller „bearbeitet“ werden, ohne dass die Inhalte substanziell beantwortet werden, wird Effizienz mit Wirksamkeit verwechselt.

Qualifizierte Beratung beginnt früh

Hinzu kommt ein praktischer Punkt, der in vielen Organisationen zu kurz kommt: Qualifizierte Beratung darf nicht schon im ersten Schritt pauschal an Außendienst, Makler oder Ausschließlichkeitsvertreter delegiert werden. Natürlich bleibt die persönliche Beratung insbesondere bei komplexen Produkten wichtig. Aber der Versicherer muss bereits in der Erstreaktion zeigen, dass er die konkrete Frage des Interessenten verstanden hat und fachlich sauber einordnet.

Genau hier liegt eine häufige Schwäche vieler Häuser. Statt die Frage des Kunden in der ersten Linie inhaltlich zu beantworten, wird sie oft mit Verweis auf den Außendienst abgefedert. Das wirkt aus Kundensicht wie ein Ausweichen und nicht wie Beratung. Wer im Erstkontakt nur weiterleitet, statt selbst zu liefern, verschenkt Vertrauen, verlangsamt den Prozess und schwächt die eigene Abschlusschance.

Organisationsdefizite als Risiko

Die Serviceergebnisse deuten damit auf mehr als nur einzelne Prozessmängel hin. Sie können als Indikator für organisatorische Trägheit gelesen werden: schlechte Abstimmung zwischen Einheiten, unklare Verantwortlichkeiten und eine unzureichende Verzahnung von Marketing, Service und Vertrieb.

Für den Markt hat das Folgen. In einem Umfeld zunehmender Produktähnlichkeit wird Servicequalität zum Selektionsmechanismus. Anbieter, die Anfragen zügig und fachlich hochwertig beantworten, erhöhen ihre Attraktivität für Kunden und Vermittler. Anbieter, die daran dauerhaft scheitern, riskieren den Verlust des Direktzugangs zum Markt und damit mittelfristig sinkendes Neugeschäft bei gleichbleibender Kostenbasis.

Steuerung statt Symbolik

Wenn Lebensversicherer ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken wollen, müssen sie Servicequalität als steuerungsrelevante Größe behandeln. Reaktionszeit, Rückmeldequote und inhaltliche Qualität gehören auf die Managementebene, nicht in die Randnotiz des Qualitätsmanagements. Entscheidend ist nicht, ob ein Unternehmen ein Ticketsystem hat, sondern ob dieses System zu belastbarer Beratung führt.

Daraus folgt auch eine organisatorische Konsequenz: Digitalisierung darf nicht als Vorwand dienen, um qualifizierte Erstberatung zu umgehen. Effiziente Workflows sind sinnvoll, aber sie müssen inhaltlich aufgeladen sein. Erst wenn ein Versicherer bereits im ersten Kontakt fachlich überzeugend antwortet, statt lediglich weiterzuleiten, erfüllt er seine Aufgabe als professioneller Anbieter im Lebensversicherungsmarkt.

Marktbedeutung

Die vorliegenden Studien sprechen daher für einen klaren Trend: Servicequalität wird in der Lebensversicherung zu einem strategischen Überlebensfaktor. Wer im Kundendialog dauerhaft schwach bleibt, verliert nicht nur einzelne Abschlüsse, sondern auch Relevanz im Wettbewerb. Die eigentliche Trennlinie verläuft künftig weniger zwischen großen und kleinen Häusern als zwischen organisatorisch lernfähigen und organisatorisch trägen Anbietern.

Gerade deshalb ist der Service-Check keine bloße Momentaufnahme, sondern ein Frühindikator für Marktposition, Abschlussfähigkeit und Zukunftsfähigkeit. In einem zunehmend austauschbaren Markt wird nicht der mit dem kompliziertesten Produkt gewinnen, sondern der mit der besten Antwort.

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