Internationale Studie

ESG bleibt wichtig: Was Versicherungskunden erwarten

Eine internationale Studie zeigt: Deutschland hinkt bei ESG-Themen im Vergleich zu anderen Ländern hinterher, während soziale Nachhaltigkeit unter anderem in der Schweiz hoch im Kurs steht. Die Gastautorinnen Eva Baumgart und Jasmin Schreg von Wavestone erklären, woran das liegt und warum das „S“ in ESG für deutsche Kunden so wichtig ist.
Jasmin Schreg, Managing Consultant (links), und Eva Baumgart, Senior Managerin (rechts) bei der Unternehmensberatung Wavestone: Das S aus ESG hat für deutsche Versicherungskunden Priorität.
© Wavestone, Pfefferminzia/Canva
Jasmin Schreg, Managing Consultant (links), und Eva Baumgart, Senior Managerin (rechts) bei der Unternehmensberatung Wavestone: Das S aus ESG hat für Versicherungskunden Priorität.

Geopolitische Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und diverse gesellschaftliche Diskussionen haben die Themen Nachhaltigkeit und ESG aus dem öffentlichen Fokus verdrängt. Doch für die Mehrheit der Versicherungskunden sind die Themen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (ESG: Environmental, Social, Governance) nach wie vor wichtig.

Das zeigt eine internationale Studie des Beratungsunternehmens Wavestone. Demnach bewerten in Deutschland 62 Prozent der Befragten die Dimension Soziales als wichtig, gefolgt von Governance mit 59 Prozent Zustimmung. Etwas überraschend: Der Bereich Umwelt liegt mit 53 Prozent nur auf Rang drei.

Nachhaltigkeit ist für Versicherer zentral, um Kundenerwartungen zu erfüllen und so in einem zunehmend kompetitiven Umfeld Kunden zu halten und neue zu gewinnen.

Soziale Nachhaltigkeit im Fokus – Deutschland mit Rückstand

Im internationalen Vergleich fallen zwei Punkte auf: Das S aus ESG hat für Versicherungskunden Priorität – und Deutschland liegt hinter anderen Märkten zurück. Wavestone hat mehr als 7.000 Menschen in insgesamt sechs Ländern befragt, neben Deutschland auch in der Schweiz, im Vereinigten Königreich (UK), in Frankreich, den USA und Kanada.

Spitzenreiter bei den Erwartungen an Nachhaltigkeit ist die Schweiz: 77 Prozent der Befragten hier bewerten Soziales wichtig, gefolgt von UK mit 75 Prozent und Frankreich mit 72 Prozent. Auch in Kanada (68 Prozent) und den USA (65 Prozent) ist das S von großer Bedeutung. Die USA bilden dabei die einzige Ausnahme: Hier steht Umwelt mit 67 Prozent an erster Stelle. In den fünf anderen Märkten ist Soziales einheitlich der wichtigste ESG-Faktor – wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung.

ESG-Klischees und Traditionen

Diese regionalen Unterschiede lassen sich durch kulturelle und politische Prägungen erklären. In der Schweiz beispielsweise besteht ein stark ausgeprägtes und historisch tief verankertes Gemeinwohlverständnis. Daher überrascht die hohe Bedeutung von Social die Studienautorinnen nicht.

Im Vereinigten Königreich nehmen sozialpolitische Themen einen breiten Raum in der öffentlichen Debatte ein, etwa Fragen der Gleichstellung, Diversität und sozialen Teilhabe. Frankreich ist das Land starker Gewerkschaften und einer langen sozialpolitischen Tradition, basierend auf einem ausgeprägten Bewusstsein der Bevölkerung für diese Themen.

In Deutschland legen die Befragten dagegen mehr Wert auf regulatorische Aspekte. Zudem lässt sich die politische Nachhaltigkeitsagenda derzeit als fragmentiert beschreiben. Das führt auch dazu, dass es bei Kunden an Wissen fehlt, was „nachhaltig“ konkret bedeutet, gerade auch bei Versicherungen.

Nur 25 Prozent der deutschen Befragten in der Studie wussten zu Beginn, was mit dem Begriff Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit Versicherungen gemeint ist. Weiterhin zeigte sich, dass Kunden hierzulande konkrete Informationen zu Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsmaßnahmen seltener explizit einfordern, etwa im Beratungsgespräch.

Welche Kundengruppe am ehesten von nachhaltigen Finanzprodukten begeistert ist, lesen Sie auf der zweiten Seite.

Vor allem Eltern wollen nachhaltige Finanzprodukte

Für Versicherer in Deutschland ergibt sich daraus eine klare Chance: Wer die eigene Nachhaltigkeitsstrategie transparenter macht und eigene nachhaltige Maßnahmen gezielt kommuniziert, kann sich positiv vom Wettbewerb abheben.

Denn die Zahlungsbereitschaft ist da – viele Kunden sind laut Studie bereit, für nachhaltige Versicherungsprodukte einen Aufpreis zu zahlen (61 Prozent in Deutschland).

Darüber hinaus lohnt ein differenzierter Blick auf Zielgruppen. Die Erwartungen an Nachhaltigkeit sind nicht nur regional, sondern auch demografisch unterschiedlich ausgeprägt. Laut der Studie bewerten Frauen ESG-Aspekte durchgängig höher als Männer.

Besonders ausgeprägt ist das Nachhaltigkeitsbewusstsein zudem bei Eltern mit Kindern unter 18 Jahren: Diese Gruppe legt in allen Ländern deutlich mehr Wert auf soziale und nachhaltige Unternehmenspraktiken als kinderlose Kunden – mit Spitzenwerten in den USA, Deutschland und der Schweiz.

Eltern zeigen also ein ausgeprägtes Bewusstsein für langfristige Entwicklungen, die das Leben ihrer Kinder, direkt oder indirekt, beeinflussen können.

Diese zielgruppenspezifischen Unterschiede verdienen besondere Aufmerksamkeit. Denn Kundenerwartungen bestmöglich zu bedienen, ist entscheidend, um neue Kunden zu gewinnen und bestehende zu halten. Versicherer sollten sich hier in ihrer Kommunikation und auch bei ihrer Produktgestaltung und -beratung klar an den Anforderungen der jeweiligen Zielgruppen orientieren.

ESG als Entscheidungskriterium von morgen

Denn auch mit Blick in die Zukunft lohnt sich eine klare ESG-Positionierung: Besonders die unter 35-Jährigen wollen Nachhaltigkeitskriterien aktiv in ihre Versicherungsentscheidungen einfließen lassen. In allen untersuchten Ländern – mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs – geben über 70 Prozent dieser Altersgruppe an, dies künftig zu berücksichtigen.

Wer ESG-Themen also differenziert adressiert, gezielt kommuniziert und in Produktstrategien integriert, schafft nicht nur Vertrauen, sondern auch Marktvorteile – heute wie morgen. Nachhaltigkeit hat sich zwar aus den Schlagzeilen verabschiedet, nicht aber aus den Köpfen.

Zu den Autorinnen

Eva Baumgart ist Senior Manager bei Wavestone und verfügt über mehr als sechs Jahre Erfahrung in der Beratung von Versicherungsunternehmen. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Produktentwicklung, wobei ihr besonderes Augenmerk auf strategischen und konzeptionellen Projekten liegt.

Jasmin Schreg ist Managing Consultant bei Wavestone und verfügt über vier Jahre Erfahrung in der Beratung von Versicherungsgesellschaften. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Umsetzung und Optimierung von Kundenmanagement- und Vertriebsprozessen.

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