Viele vermeintlich Corona-Genesene leiden auch noch viele Monate nach ihrer Ansteckung beispielsweise an Erschöpfung, Atemnot, Gelenk- und Muskelschmerzen, Migräne, Gedächtnisproblemen oder anderen Beschwerden. Könnte das als „Long Covid“ bekannte Phänomen womöglich sogar die Fallzahlen in der Berufsunfähigkeitsversicherung nach oben treiben? Noch ist die Datenlage nicht eindeutig, doch erste Erkenntnisse von Wissenschaftlern geben durchaus Anlass zur Sorge.
So hat etwa der Psychologe Michael Sharp von der Universität Oxford dem Versicherungskonzern Swiss Re neue Zahlen vorgelegt, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nun berichtete. Demnach war etwa ein Viertel der in Post-Covid-Rehakliniken behandelten Patienten auch ein halbes Jahr nach der Entlassung nicht fähig, dem eigenen Job nachzugehen.
Für Versicherer, die Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) in ihren Beständen führen, ist das ein aufschlussreicher Hinweis, denn in der Regel müssen die BU-Anbieter ihren Versicherten eine Rente gewähren für den Fall, dass die nachgewiesene Berufsunfähigkeit „voraussichtlich länger als sechs Monate bestehen wird“, wie es beispielhaft in zahlreichen Versicherungsbedingungen heißt.
Doch wie viele Corona-Patienten sind von Long Covid eigentlich betroffen? Experten schätzen, dass 10 Prozent der Corona-Infizierten, die in der Statistik als „genesen“ erfasst sind, auch noch Monate später an einem „postviralen Syndrom“ leiden. Dieses Syndrom ist laut dem US-amerikanischen Covid-Berater und Immunologen Antony Fauci „erstaunlich ähnlich“ zur „Myalgischen Enzephalitis/Chronischem Fatigue Syndrom“, wie die FAZ schreibt.
Was allerdings die genauen Mechanismen und die Zahl der Long-Covid-Erkrankungen angehe, herrsche „noch längst keine Klarheit“, heißt es in dem Bericht. Je nach Größe, Dauer, Design und vor allem Qualität der Beobachtungsstudien komme man auf zwei bis siebzig Prozent aller Infizierten – symptomlose eingeschlossen –, die eine oder mehrere Long-Covid-Störungen „noch monatelang mit sich herumschleppen“.
Nimmt man die eingangs erwähnten 10 Prozent der vermeintlich Wiedergesundeten zur Grundlage, die in Wahrheit aber noch lange mit Folgeerscheinungen kämpfen, so würde dies auf Deutschland bezogen eine Zahl von aktuell gut 264.000 Personen ergeben. Denn laut RKI-Statistik galten am 8. April 2021, 16.30 Uhr, exakt 2.638.320 Bundesbürger als genesen.
Allerdings müssten von den geschätzt 264.000 Langzeitpatienten noch jene abgezogen werden, die sich zum Beispiel bereits vor einem Jahr – also in den Anfängen der Pandemie hierzulande – infizierten und ihre Long-Covid-Auswirkungen schlussendlich doch überwinden und in ihren Job zurückkehren konnten. Ein genaues Bild geben die Daten bislang noch nicht her. Tatsache ist: Täglich finden viele tausend neue – zumindest vordergründig – Genesene den Weg in die Statistik, die aber deshalb noch nicht automatisch als gesund angesehen werden dürfen.
Seite 2: „Extrem gestiegene Nachfrage bei Anschlussheilbehandlungen“ / GDV über BU wegen Corona
Zwar würde wohl nur ein Bruchteil der mutmaßlich rund 260.000 Long-Covid-Patienten auch tatsächlich eine Reha-Maßnahme beantragen oder hat dies bereits getan – allerdings scheint der Bedarf inzwischen erheblich gewachsen zu sein. „Wir verzeichnen eine extrem gestiegene Nachfrage bei Anschlussheilbehandlungen nach einer Covid-19-Erkrankung und bei Reha-Maßnahmen bei Long-Covid-Patienten“, wird Andreas Dösch von der Asklepios Parkklinik Bad Salzungen in einem aktuellen Beitrag des MDR zitiert. „Täglich habe er zwei- bis dreimal so viele Neuanträge auf dem Tisch, wie bisher“, heißt es.
Und auch Jördis Frommhold von der Median-Rehaklinik Heiligendamm macht sich über eine Gruppe von Post-Covid-Patienten „persönlich am meisten Sorgen“, die „durch die Maschen falle“, weil der Reha-Bedarf bei dieser Gruppe nicht unbedingt offensichtlich sei, wie sie kürzlich dem Deutschlandfunk sagte. Es handele sich dabei um jüngere Patienten – „im Alter, 20 bis 50 vielleicht“ – die Frommhold zufolge einen leichten bis mittelschweren Akutverlauf hatten, ohne Krankenhausaufenthalt, und erst ein bis vier Monate nach der Erkrankung wieder Symptome bekommen. Diese Symptome seien sehr heterogen. Im Vordergrund stünden Leistungsminderung, „wirklich bleierne Müdigkeit“, wie sie sagt, Fatigue-Symptomatik, aber auch neurologisch-kognitive Einschränkungen, Wortfindungsstörungen, Gedächtnisstörungen, „schon ein bisschen hin zu dementiellen Symptomen, und das ist wirklich sehr beängstigend“, wird die Expertin zitiert.
Muss diese Entwicklung auch die BU-Versicherer ängstigen? Philipp Greiner, Abteilungsleiter der Schadenregulierung bei einem der größten BU-Versicherer im Lande – bei Swiss Life Deutschland, gab Anfang Februar zunächst einmal Entwarnung (wir berichteten). Wirklich konkrete Corona-Erkrankungen, wie etwa eine chronische „Fatigue“, so Greiner, sehe man bei Swiss Life nach damaligem Stand nur „ganz wenig“. Genaue Zahlen nannte er nicht. Hingegen bekomme der BU-Experte Fälle zu sehen, die er „indirekte Schäden“ nennt. „Die Leute kommen mit dem Lockdown nicht klar“, so Greiner. „Die alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, die eben nicht für zwei Kinder Homeschooling und Homeoffice machen kann. Und das führt zu – meistens – psychischen Beeinträchtigungen.“ Solche Fälle sehe man bei Swiss Life „sehr wohl jetzt schon – und wir rechnen auch damit, dass das mehr wird“.
Unterdessen betont die Versicherungswirtschaft, dass Covid-19 für die BU-Versicherer „eine Erkrankung wie jede andere“ sei. Das heißt, dass sie auch von einer Berufsunfähigkeitsversicherung abgedeckt sei, wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Ende März auf seinem Verbraucherportal „Die Versicherer“ mitteilte. „Sowohl beim Abschluss von Berufsunfähigkeitsversicherungen als auch bei der Leistungsprüfung gelten für Kunden mit einer Corona-Infektion die ganz normalen Regeln“, heißt es dort. Werde ein Versicherter berufsunfähig, das heißt er kann seinen Beruf nur noch zu höchstens 50 Prozent ausüben, erhalte er die vereinbarte Leistung. „Das gilt selbstverständlich auch dann, wenn eine Corona-Erkrankung die Ursache für die Berufsunfähigkeit ist“, stellt der Verband klar.
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