Studie

Deutsche Industrieversicherer keine digitalen Träumer mehr

Die deutschen Industrieversicherer bewerten ihre digitale Fähigkeiten zunehmend realistischer: Während sich vor zwei Jahren noch rund jeder dritte nationale Anbieter als überdurchschnittlich digital bezeichnete, tun dies heute nur noch 5 Prozent. Die Lücke zwischen ihnen und den internationalen Unternehmen droht damit größer zu werden, wie eine aktuelle Studie zeigt.
© picture alliance/Christian Charisius/dpa
Maschinen im Airbus Werk in Finkenwerder: Die deutschen Industrieversicherer hinken bei der Digitalisierung hinterher.

Nur 5 Prozent der Industrieversicherer hierzulande bewerten ihren Digitalisierungsgrad über die Wertschöpfungskette als überdurchschnittlich. Vor zwei Jahren teilte noch jedes dritte Unternehmen diese Einschätzung, wie die Studie „State of Play – Vol. 2“ des Risikoberaters Marsh und der Strategieberatung Oliver Wyman zeigt.

Zu dieser Einschätzung habe beigetragen, dass die Konkurrenz nun digital besser und sichtbarer sei: „Die Einordnung der eigenen digitalen Fähigkeiten wird realistischer“, teilen die Autoren mit.

Die hiesigen Anbieter müssen sich in einem international geprägten Markt erwehren, stellen die Studienexperten klar. Kunden möchten zum Beispiel nicht nur einen Standort absichern, sondern Deckungen für ihr Gesamtgeschäft, wenn sie internationale Produktionsstandorte oder Kundenbeziehungen ihr Eigen nennen. Die Folge: Konkurrenz droht auch von ausländischen Anbietern.

Immerhin: Zwischen 15 und 45 Prozent der Versicherer aus dem Inland sehen sich bei Technologien wie Big-Data-Analytics, künstlicher Intelligenz oder maschinellem Lernen als führend im Branchenvergleich beziehungsweise schätzen ihre Fähigkeiten als voll ausgebaut ein.

„Es ist insgesamt positiv zu bewerten, dass der interne Ausbau über alle genannten digitalen Technologien tatsächlich voranschreitet und damit auch eine klarere Positionierung und Wettbewerbsvorteile einzelner Anbieter im Markt abzusehen sind“, so Jens-Daniel Florian, einer der Studienautoren von Marsh. Mit einer großen Portion Skepsis schaut Florian allerdings darauf, dass sich auch jeweils jedes siebte Versicherungsunternehmen in den doch nahezu unerschlossenen Technologien IoT und Blockchain als erfahren sieht.

Digitale Schnittstellen zu Kunden und Maklern weiter ausgebaut

In den nächsten zwei bis drei Jahren wollen die Industrieversicherer laut Studie Beträge von jeweils unter einer bis zu 100 Millionen Euro primär in Big-Data-Analytics, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen investieren. Insgesamt plant jedes zweite Unternehmen, mehr als 10 Millionen Euro in die digitalen Technologien zu investieren. Jedes fünfte will mehr als 10 Millionen Euro für Big-Data-Analytics ausgeben. Für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen möchte im Durchschnitt jeder siebte Versicherer diesen Betrag in die Hand nehmen.

Als Digitalisierungsziele setzen sich die Unternehmen überwiegend die Verbesserung der internen Abläufe im Underwriting, bei Serviceprozessen, Schadenabwicklung und der Risikobeurteilung. Aufgrund des sich ändernden Selbstverständnisses der Versicherungsunternehmen hin zu Dienstleistern für Schadenprävention und Risikomonitoring konzentrieren zwei Drittel der befragten Unternehmen ihre digitalen Investments auch auf diesen Bereich.

„Das unterstreicht die klare Positionierung von 20 Prozent der Studienteilnehmer, die sich proaktiv zum Risikopartner entwickeln und davon überzeugt sind, dass das klassische Versicherungsangebot weiter verdrängt wird. „Hier fängt eine klarere Differenzierung im Markt an. Der Fokus auf das Risiko wächst und es wird versucht, dies mit neuen Technologien und Datenströmen proaktiver zu managen“, so Florian.

„Der Maklervertrieb ist für den überwiegenden Anteil der Teilnehmer von großer Bedeutung. Mehr als die Hälfte der befragten Industrieversicherer erzielt mindestens 75 Prozent ihres Geschäfts über diesen Vertriebskanal. Alle Unternehmen am Markt haben daher die digitalen Schnittstellen zu Kunden und Maklern weiter ausgebaut“, sagt Thomas Olaynig, ebenfalls Experte aus dem Marsh-Team.

Das Fazit der Studienautoren:

Ja, es gibt Unterschiede zwischen nationalen und internationalen Industrieversicherern. Die Untersuchung zeigt: Vor allem im Einsatz der Digitalisierung zur Entscheidungsunterstützung, basierend auf Big-Data-Analytics und künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen, können international agierende Versicherer ihre Skalenvorteile ausspielen. Sie haben entsprechende Technologien schon doppelt so häufig im Einsatz wie rein nationale Anbieter – wobei der Abstand seit der letzten Studie vor zwei Jahren sogar gestiegen ist.

„In der Digitalisierung der Industrieversicherung kommt es vor allem darauf an, mit Daten und analytischen Systemen schneller bessere Entscheidungen zu treffen“, sagt auch Dietmar Kottmann, Partner bei Oliver Wyman. „Und dabei haben internationale Industrieversicherer dank ihrer Größe die Nase deutlich vor den nationalen Anbietern.“

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Autorin

Juliana Demski gehörte dem Pfeffi-Team seit 2016 an. Sie war Redakteurin und Social-Media-Managerin bei Pfefferminzia. Das Unternehmen hat sie im Januar 2024 verlassen.

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