An die Zukunft denken

„Garantieverzicht bedeutet nicht gleich eine schlechtere Altersvorsorge“

Wie wird sich das Rentensystem in Deutschland in der Zukunft entwickeln? Gibt es in der anhaltenden Niedrigzinsphase überhaupt Produkte, die für die private Altersvorsorge geeignet sind? Im Interview spricht Klaus Morgenstern vom Deutschen Institut für Altersvorsorge über die aktuelle Renten- und Altersvorsorgesituation in Deutschland.
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Ein Golfspieler: Mit der richtigen Altersvorsorge können Rentner einen sorgenfreien Ruhestand genießen.

Pfefferminzia: Wie sicher ist die staatliche Rente wirklich?

Klaus Morgenstern: Die Antwort hängt davon ab, was man unter Sicherheit versteht. Meint man damit, ob in 30 oder 40 Jahren noch Renten aus dem Umlagesystem gezahlt werden oder meint man damit die Rentenhöhe? Ersteres wird ohne Frage der Fall sein. Die Antwort auf die Frage nach der Rentenhöhe ist schon schwieriger. Das Umlagesystem hängt von der Entwicklung der Lohnsumme ab. Daher wird für die Rentenhöhe entscheidend sein, wie sich die Arbeitswelt künftig verändert und wie die Politik auf die Veränderung des Altenquotienten reagiert, der das Verhältnis der Rentner zu den Erwerbstätigen beschreibt. Er verdoppelt sich nahezu bis 2060, das heißt, die Erwerbstätigen müssen für doppelt so viele Rentner die Rente finanzieren wie heute.

Wie weit wird das Rentenniveau sinken, wenn es nach heutigem Stand keine weiteren Eingriffe gibt?

Es wird nach 2030 auf jeden Fall unter die 43 Prozent sinken, die heute noch im Gesetz als Untergrenze festgezurrt sind.

Welche Möglichkeiten hätte die Politik, gegenzusteuern? Kommt ein Ausstieg aus dem Umlageverfahren infrage?

Ich sehe gar keinen Grund, aus dem Umlageverfahren auszusteigen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Mischsysteme, die auf die Lohnsumme und auf den Kapitalmarkt aufbauen, stabiler sind im Vergleich zu den Mono-Systemen. Daher brauchen wir das Umlagesystem auch künftig, aus dem ja immer noch der überwiegende Teil der Alterseinkünfte stammt. Abgesehen davon, ist der Umstieg auf ein komplett neues Rentensystem unwahrscheinlich schwer zu bewältigen. Für einen längeren Zeitraum müssen zwei Systeme finanziert werden. Die Anwartschaften aus dem Altsystem bleiben ja weiterhin bestehen. Daher wird es nur Reformen innerhalb des Systems geben können.

So wird sicherlich noch mal eine Diskussion über das Renteneintrittsalter stattfinden, weil das jene Stellschraube ist, mit der am schnellsten Veränderungen erreicht werden können. Allerdings gehe ich davon aus, dass wir in den nächsten Monaten erst einmal eine massive Diskussion über Veränderungen an der Rentenformel bekommen werden. Dafür gibt es bereits eine Reihe von Vorschlägen. Wer allerdings den demografischen Faktor in der Rentenformel ändern oder gar ganz ausschalten will, um so eine Absenkung des Rentenniveaus zu verhindern, muss auch sagen, wie dies finanziert werden soll. Das kostet viel Geld.

Gibt es im Ausland vielversprechende Renten-Modelle, die sich auf Deutschland übertragen ließen?

Man kann nicht einfach ein komplettes Modell aus einem anderen Land auf Deutschland übertragen. Das ist eine rein theoretische Diskussion. Jedes hat für sich genommen Stärken und Schwächen. Daher lassen sich einzelne Elemente übernehmen, zum Beispiel bei der Gestaltung des Rentenübergangs. So lohnt ein Blick nach Skandinavien, wo das Renteneintrittsalter zum Teil an die Entwicklung der Lebenserwartung gekoppelt ist.

Warum bestehen 26 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch unterschiedliche Rentenniveaus in Ost- und Westdeutschland? Wann wird das Vergangenheit sein?

Ganz einfach, weil die Politik noch nicht den Mut gefunden hat, das Rentenrecht zu vereinheitlichen. Aber ich warne vor einfachen Antworten auf diese Frage. Wenn die Rentenwerte in Ost und West vereinheitlicht werden und im gleichen Zuge die Höherwertung der Löhne im Osten eingestellt wird, gibt es auch Verlierer, nämlich die heute Erwerbstätigen in den neuen Ländern. Von dieser Entscheidung profitieren nur die derzeitigen Rentner im Osten. Die Jüngeren, die durch künftig steigende Rentenbeiträge bei gleichzeitig sinkendem Rentenniveau schon ein erhebliches demografisches Päckchen schultern müssen, wären schlechter gestellt. Das sollten alle Politiker den Menschen im Osten sagen, wenn sie die Angleichung fordern.

Hat sich das Bewusstsein junger Menschen für Ihre Altersvorsorge in den vergangenen zehn Jahren nachhaltig verändert? Sorgen heute also mehr Menschen privat vor?

Nein, das glaube ich nicht. Zumindest können wir das aus den Umfragen, die wir regelmäßig erheben, nicht ableiten. Die Niedrigzinsen und die öffentliche Meinung führen derzeit eher zu Attentismus. Viele meinen inzwischen, kapitalgedeckte Altersvorsorge lohne sich nicht mehr.

Ruiniert die anhaltende Niedrigzinsphase die private Altersvorsorge nachhaltig?

Sofern die Altersvorsorge vor allem auf zinstragende Kapitalanlage aufbaut, wie es derzeit in Deutschland der Fall ist, trifft das zu. Es findet eine schleichende Enteignung der Altersvorsorgesparer statt. Daher werden wir auch nicht umhinkommen, für die Altersvorsorge in größerem Umfang Sachwertanlagen mit einzusetzen.

Agiert die Versicherungsbranche richtig, wenn Sie weiter auf Garantiemodelle in der Altersvorsorge setzt, weil der Kunde das ja so haben möchte?

Es gibt ja bereits erste Ansätze zu anderen Garantieformen. Die Branche ist in diesem Punkt ein wenig gespalten. Einige Anbieter haben neue Garantiemodelle auf den Markt gebracht, andere sehen gerade in der Garantie ein wichtiges Merkmal ihrer Produkte und wollen daran festhalten. Bei der Riester-Rente wiederum können die Anbieter gar nicht auf die Garantie verzichten, weil diese gesetzlich vorgeschrieben ist.

Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft weniger Garantien in den Altersvorsorgeprodukten haben werden. Dafür gibt es neben der Diskussion in der Branche einige Ansatzpunkte. So stammte der Vorschlag für eine reine Beitragszusage in der betrieblichen Altersvorsorge immerhin aus dem sozialdemokratisch geführten Arbeitsministerium. Das wäre noch vor einigen Jahren nicht vorstellbar gewesen. Erst als Ministerin Nahles deswegen der Wind ins Gesicht blies, hat sie einen teilweisen Rückzug angetreten. In dem Gutachten, das sie zu ihrem Sozialpartnermodell hat anfertigen lassen, steht mit der Zielrente aber ein Vorschlag, der durchaus Chancen auf Verwirklichung hat. Eines sei allen Skeptikern gesagt: Verzicht auf Garantie bedeutet nicht automatisch eine schlechtere Altersvorsorge.

Was beschäftigt die Zielgruppe der noch berufstätigen Menschen um 50plus besonders, wenn Sie an Ihre Altersvorsorge denken?

In dieser Lebensphase spielt wahrscheinlich die Gestaltung des Übergangs in die Rente bereits eine erhebliche Rolle. Wir haben bei der Rente mit 63 ja gesehen, in welchem Maße solche Angebote angenommen werden, wenn die Politik – wider der gebotenen Schritte – solche Türen öffnet.

Welche Bevölkerungsgruppe ist derzeit am schlechtesten dran, wenn es um die Rente geht?

Ich übersetze „schlecht dran sein“ mal als Risiko, in die Altersarmut zu fallen. Da gibt es ganz klar drei große Risikogruppen: Erwerbsgeminderte, Frauen, die ihre Kinder über längere Zeiten allein erzogen haben, und Menschen mit Migrationshintergrund. In allen drei Gruppen haben wir perforierte Erwerbsbiografien, die nur zu geringen Anwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung führten und wenig Spielraum für ergänzende eigene Altersvorsorge ließen.

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