Der Vorreiter für Telematik und digitale Innovationen weist derzeit etwa eine Marktdurchdringung von 15 Prozent im Bereich der Telematik-basierten Kfz-Versicherungen auf und heißt: Italien. Durch die deutlichen Einsparungen gegenüber den vergleichsweise hohen Beiträgen konventioneller Kfz-Tarife waren die italienischen Versicherungsnehmer sehr offen, sich für die günstigeren Telematik-Tarife zu entscheiden.
Auch deutsche Versicherer erkennen mehr und mehr die Chancen hinsichtlich individualisierbarer Produkte und nehmen – vor allem im Kfz-Bereich – Telematik-basierte Angebote in ihr Portfolio auf. Die Möglichkeit eines günstigeren Beitrags macht das Angebot besonders für junge Fahrer, die auf keinen oder einen nur geringen Schadenfreiheitsrabatt zurückgreifen können, attraktiv. Neben der Belohnung für umsichtiges und defensives Fahrverhalten versprechen sich die Versicherer auch einen erzieherischen Effekt und demzufolge sinkende Unfallzahlen.
Vorreiter Italien
Italien ist das Vorreiterland bei Telematik-Produkten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass dort bereits erste Schritte unternommen werden, die positiven Erfahrungen aus dem Kfz-Bereich auch auf andere Versicherungssparten wie Gesundheits-, Lebens- oder Immobilienversicherungen zu übertragen.
Die Einrichtung von Think Tanks wie dem „Observatory on Telematics, Connected Insurance & Innovation“ soll diese Entwicklung unterstützen. Im Observatory haben sich 30 Versicherer und drei Rückversicherer, der Verband italienischer Versicherer ANIA und die italienische Versicherungsaufsichtsbehörde IVASS sowie Technologie- und Softwareanbieter wie Guidewire zusammengeschlossen.
Ziel ist es, eine Innovationskultur innerhalb der Versicherungsbranche zu schaffen, die es erlaubt, zukunftsfähige Produkte wie „Connected Insurance“ oder Telematik-Tarife zu entwickeln, von denen Versicherungen und Versicherungsnehmer gleichermaßen profitieren.
Trotz dieser ersten Schritte in Richtung Telematik-Tarife steht Deutschland noch am Anfang der Entwicklung. Der Trend zu Telematik-Produkten lässt sich jedoch kaum aufhalten. Spätestens ab 2018, wenn alle Neuwagen in der EU mit dem automatischen Notrufsystem eCall ausgestattet werden müssen, wird jedes Fahrzeug Daten übermitteln können. Die dann vorhandene technische Ausstattung der Fahrzeuge kann auch für die Übermittlung von Daten genutzt werden, die für Telematik-Tarife benötigt werden.
Vorteile für Risikoprüfer und Versicherungsnehmer
Für Versicherer ist einer der großen Vorteile von Telematik-Produkten auf Ebene der Risikoprüfung (Underwriting) zu finden. So verbessern die Daten den Underwriting-Prozess bereits in der Vorbereitungsphase deutlich. In Verbindung mit einer Predictive-Analytics-Lösung, die basierend auf historischen Daten durch intelligente Mustererkennung Vorhersagen über zukünftige Entwicklungen erstellen kann, wird eine fundierte individuelle Preisgestaltung mit maßgeschneiderten Vertragsoptionen möglich.
Das erlaubt eine flexible Tarifierung, die risikovermeidendes Verhalten in Form von günstigeren Beiträgen belohnt. Gleichzeitig reduziert es die tatsächlichen Risiken, da es zu defensiverem Fahrverhalten motiviert und damit direkten, positiven Einfluss auf Zahl und Höhe der Schäden hat.
Neben den „Pay-how-you-drive“-Tarifen, die Faktoren wie Bremsverhalten, Beschleunigung oder Geschwindigkeit bewerten, sind vor allem „Pay-as-you-drive“-Tarife für Versicherer und Versicherungsnehmer interessant, die die tatsächliche Nutzung des Fahrzeugs berücksichtigen.
So zahlen Kunden, die weniger fahren, auch geringere Beiträge als diejenigen, die viel mit dem Auto unterwegs sind. Besonders in Kombination beider Varianten lassen sich höchst individuelle Tarife gestalten.
Eingebauter Diebstahlschutz oder automatische Schadenmeldung denkbar
Außerdem sind weitere zusätzliche Services denkbar, wie ein eingebauter Diebstahlschutz oder Dienste mit automatischer Schadenmeldung. Damit erhält der Versicherer automatisch Informationen, was wann wo und wie geschehen ist, sodass Autofahrer sich im Falle eines Unfalls nicht auch noch Sorgen um die korrekte Übermittlung ihrer Daten machen müssen.
Im Gegenzug erhalten Versicherer objektive Daten als Grundlage für die Bearbeitung ihrer Schadenprozesse. Eine weitere denkbare Einsatzmöglichkeit ist die Abwicklung des Zahlungsverkehrs über das Telematik-Gerät. Beispielsweise beim Parken, beim Bezahlen von Maut oder beim Tanken.
Engere Kundenbindung
Neue Datenquellen wie das „Internet of Things“ bieten Versicherern die Gelegenheit, ihre Risikoselektion zu verbessern, moderne Produkte und Services zu entwickeln sowie die Tarifierung und den gesamten Schadenprozess neu zu gestalten. Entsprechend wird in absehbarer Zukunft nicht mehr das Versichern allein, sondern zusätzlich das Verhindern von Risiken im Vordergrund stehen.
Außerdem kann durch die neuen Technologien eine noch engere, individuelle Beziehung zum Kunden aufgebaut werden, auf der eine nachhaltige, vertrauensvolle und langfristige Kundenbindung basiert. Gerade in Zeiten, in denen die Versicherungsnehmer zunehmend mehr Bereitschaft zeigen, ihren Anbieter kurzfristig zu wechseln, sind enge Beziehungen zum Kunden von großem Wert.
Mehr Service, günstigere Tarife, mehr Vertrauen
Trotz aller Möglichkeiten: Der Datenschutz ist ein entscheidendes Thema für die Versicherungsnehmer – gerade in Deutschland. Dabei ist ein umfassender Datenschutz aus technischer Sicht durchaus mit Telematik-Tarifen vereinbar. Es fehlt diesbezüglich allerdings häufig die Aufklärung seitens der Versicherer. Doch auch hierzulande scheint sich die öffentliche Meinung in Bezug auf den Datenschutz zu ändern.
So geben Millionen Nutzer freiwillig Facebook, Google und Co. Zugriff auf ihre persönlichen Daten. Entsprechend wahrscheinlich ist es, dass sich die Bereitschaft, Daten zu teilen, auch auf das Verhältnis zwischen Versicherungsnehmern und Gesellschaften überträgt. Kunden erhalten schließlich zählbare Vorteile in Form von günstigen Tarifen und bekommen einen deutlich besseren Service geboten.
Entscheidend ist, dass die Versicherer Vertrauen auf- und ausbauen und ihre Kunden über den Mehrwert, der sich ihnen durch Telematik-Tarife eröffnet, informieren. Der Schlüssel zum Erfolg dürfte hier Transparenz sein: Der offene Umgang mit der Frage, welche Daten erhoben und wie sie verarbeitet werden, und vor allem wie sie zum Vorteil des Kunden genutzt werden.
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