R+V-Chef Norbert Rollinger

„Jede Woche verschwindet eine Volksbank“

Seit Jahresbeginn leitet Norbert Rollinger die Geschicke der R+V Versicherung. In Düsseldorf stellte der Kölner die Digitalisierungs-Strategie seines Hauses vor, formulierte ehrgeizige Wachstumsziele und versicherte: „Digital zu sein, ist für uns nur ein Mittel zum Zweck, der Kern aber bleibt die persönliche Beratung.“ Was das konkret heißt, lesen Sie hier.
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Norbert Rollinger, Vorsitzender des Vorstands der R+V Versicherung, erläutert am 30. Mai im Rahmen des MCC-Kongress „Insurance Today and Tomorrow“ die Digitalisierungsstrategie seines Unternehmens.

„Wir brauchen keine Angst vor Insurtechs zu haben“, leitet R+V-Chef Rollinger seinen Vortrag auf dem MCC-Kongress „Insurance Today and Tomorrow“ in Düsseldorf ein. Es geht ihm vor allem darum, die Digitalisierungs-Strategie seines Hauses darzulegen. „Wenn es eine gute Idee gibt, werden wir sie schnell kopieren“, fügt Rollinger mit einem verbalen Augenzwinkern hinzu. Sein Haus habe einen großen Vorteil gegenüber den Insurtechs: „Wir haben ganz viele Kunden!“ Über 8 Millionen sind es nach derzeitigem Stand – und nach Vorstellung des Versicherungsmanager sollen schon sehr bald viele neue Kunden hinzukommen.

Hingegen würden die Insurtechs gerade feststellen, wie schwer es sei, neue Kunden zu gewinnen. In den nächsten Monaten werde man zudem sehen, dass vielen Anbietern finanziell gesehen „die Luft ausgeht“, prognostiziert Rollinger. „Aber die Ideen der Insurtechs sind gut. Deshalb tun wir alle gut daran, diese Ideen auch in unserem Unternehmen nach vorn zu bringen.“

4 Milliarden mehr Umsatz in 6 Jahren: Dieses Ziel kann man ehrgeizig finden

Das Programm „Wachstum durch Wandel“ soll dies sicherstellen. Die Ziele kann man ehrgeizig finden: Die Beitragseinnahmen der R+V-Gruppe sollen von zuletzt 15,8 Milliarden Euro auf satte 20 Milliarden Euro bis zum Jahr 2022 klettern – dann feiert das Wiesbadener Unternehmen seinen 100. Geburtstag. „Das wurde von manchen als Kampfansage verstanden, ich sehe das aber gar nicht so stark“, beschwichtigt Rollinger. „Wir sind auch in der Vergangenheit schon stark gewachsen.“ Und damit liegt er nicht falsch: Im vergangenen Jahr stand ein Plus von knapp 5 Prozent zu Buche – der Markt konnte hingegen nur um 1 Prozent zulegen.

Die Digitalisierung sieht der R+V-Chef „als große Chance, unser Geschäftsmodell weiterzuentwickeln und kundenfreundlicher zu machen“. Der Kunde wünsche einen persönlichen Berater, möchte aber zugleich auch selbstständig einen Marktvergleich durchführen, stellt er fest. Man sei daher dabei, die Produktpalette zu überarbeiten, um den Wunsch der Kunden nach „Selbst-aktiv-werden“ gerecht zu werden. Dies soll auch neue Möglichkeiten zum Selbstabschluss einschließen.

Rollinger: Jede Woche verschwindet eine Volksbank und bis zu 15 Bankfilialen

Aktuell beschäftigt die R+V 5.000 festangestellte Berater. „Wir sind auch fest davon überzeugt, dass der Kunde die meisten Abschlüsse über den persönlichen Berater – zumindest in den nächsten Jahren – tätigen werden.“ Man wolle jedenfalls „kein reines digitales Geschäftsmodell machen, wie es einige Mitbewerber anstreben“, sagt Rollinger. „Digital zu sein, ist für uns nur ein Mittel zum Zweck, der Kern aber bleibt die persönliche Beratung.“ In diese wolle man „die Möglichkeiten der Digitalisierung integrieren.“

Der R+V-Chef sieht sein Haus vor allem an der Kostenfront gut gerüstet für den Branchenwandel. „Wir haben gute Kostenquoten, die zwischen 20 und 50 Prozent unterhalb des Marktes liegen.“ Das sei ein Wettbewerbsvorteil, so Rollinger, denn die gesamte Branche werde mit den Kosten weiter runtergehen müssen.

Allerdings dürfe man sich darauf nicht ausruhen, warnt der Versicherungsmanager. Jede Woche verschwänden eine Volksbank und 10 bis 15 Bankfilialen. „Es ist nicht so, dass wir hier ein Geschäftsmodell haben, an dem alles vorbeigeht.“ Das setze auch die R+V unter Druck, die viel Geschäft über Bankfilialen schreibt. „Das zwingt uns ganz klar, auch andere Kontaktwege zu Kunden der Banken suchen“, sagt Rollinger. Es gehe darum, das Geschäftsmodell anzupassen, indem man darin Elemente der Digitalisierung zu integrieren, die den Kunden „dort abholen, wo er aktiv ist“.

Dabei sei es ein Nachteil für Versicherer, dass sie ein Geschäft betrieben, dass „keine hohe Frequenz im Kundenkontakt“ habe – das zeige sich am deutlichsten in der Lebensversicherung. In der Schaden-und Unfallversicherung sähe das schon anders aus. „Den Reiz der Kfz-Versicherung macht die hohe Kontakthäufigkeit aus, auch wenn die Margen dort vielleicht etwas kleiner sind.“

Die Kontaktfrequenzen der Banken seien im Vergleich zu den Versicherern deutlich höher – und das sei „eine Riesenchance und eine Quelle für Wachstum, um sich dort einzubringen“, so Rollinger, der sich in seinem Vortrag dann auch noch Themen abseits der Digitalisierung zuwendete.  

Bei Solvency II trennt sich im Moment „die Spreu vom Weizen“

So trenne sich etwa im Hinblick auf die Solvency-II-Kennzahlen im Moment „die Spreu vom Weizen“. Auch das könne die Kunden verunsichern, so Rollinger, und werde „die Tendenz zu einem Qualitätsversicherer befördern – und das werden wir auch ausspielen“.

Darüber hinaus sei der Versicherer auch in der betrieblichen Altersversorgung stark aufgestellt. So sei man davon überzeugt, dass Garantien auch mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz, „ein wesentlicher Bestandteil der betrieblichen und privaten Altersversorgung sein werden – einfach, weil es die Kunden so wollen.“

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Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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