Makler Sven Hennig über digitalen Krankenversicherer Ottonova

„Viele Schwachstellen mit No-Gos“

Ottonova – für viele Makler und Versicherungsmanager kommt der neue digitale Krankenversicherer einem Reizwort gleich. Dass das Münchener Start-Up nicht nur anders, sondern auch besser sein will, als die etablierten Unternehmen der privaten Krankenversicherung (PKV) nervt viele Branchenvertreter gewaltig. Versicherungsmakler und PKV-Experte Sven Hennig hat sich das Geschäftsmodell mal genauer angeschaut.
© Sven Hennig
Versicherungsmakler Sven Hennig.

„Rechnung kommt, Handy an, App auf, Foto gemacht, drei Tage später zeigt mir die Konto-App auf dem iPhone die Erstattung der Rechnung“ – Makler Sven Hennig ist ein großer Fan der Rechnungs-App seines privaten Krankenversicherers. Die App sei „natürlich nur ein kleiner Schritt in Richtung Digitalisierung aber einer, den der Kunde – und damit ich auch –, direkt merke“, schreibt Hennig in seinem Blog.

Zunächst der Blick auf die Homepage

Der Makler begrüßt es, dass Fin- und Insurtechs den etablierten Versicherern im Bereich der Verwaltung „auf die Füße treten“, denn schlanke Prozesse und elektronische Unterlagen kämen „nicht ohne Druck der Masse“. Doch braucht es auch eine völlig neue private Krankenversicherung?

Mehr zum Thema

Arztpraxen verlieren laut PKV-Studie 50.000 Euro Honorar im Jahr

Im anlaufenden Bundestagswahlkampf dürfte die Debatte um die Bürgerversicherung erneut hochköcheln. Entsprechend wappnet sich die…

Urteil über mögliche unrechtmäßige Beitragsanpassungen der Axa verschoben

Im Oktober 2016 urteilte das Amtsgericht Potsdam, dass Beitragsanpassungen der Axa in der privaten Krankenversicherung…

Warum Freunde und Bekannte keine guten Ratgeber bei der PKV-Wahl sind

Hier geht es zum Blogbeitrag von PKV-Experte Sven Hennig.

Mit dieser Frage hat sich Hennig ausführlich beschäftigt und hat dazu mal das Geschäftsmodell des neuen digitalen Krankenversicherers Ottonova unter die Lupe genommen – und zollt den Machern erst einmal Respekt: „Ottonova will die erste, voll digitale private Krankenversicherung werden. Ein ehrgeiziger Ansatz, in jedem Fall Hut ab vor dem Mut.“ So etwas ginge nicht nur mit „Versicherungskaufleuten der alten Schule“. Darum fänden sich bei Ottonova neben Versicherungsexperten und Mathematikern auch Programmierer, Ärzte und Designer.

Hennig beginnt seine Prüfung mit einen Blick auf die Homepage. Dabei fällt ihm auf, dass der Prozess von Antragstellung bis Abrechnung und Abwicklung komplett digital verläuft. „So zumindest verspricht es der Gründer und sein Team“, merkt Hennig an – und weiter: „So, nun vergessen wir mal das Marketing und die Aussagen, und schauen uns die Fakten an.“

Auf den ersten Blick macht nur die App den Unterschied

Auch Ottonova zahle in den Sicherungsfonds der privaten Krankenversicherung ein, in einen Fonds der die dauerhafte Leistungsfähigkeit und damit die Erfüllung der Leistungen sicherstellen solle. Damit unterscheide Ottonova „erstmal rein rechtlich nichts von einem anderen Krankenversicherung, die ‚digitale‘ Krankenversicherung wäre dann eine, wie jede andere auch“, stellt der Makler fest.

Anders sein solle hingegen der Prozess, also von Antragstellung bis Abwicklung. Dazu soll es zudem eine App geben, eine App die eine Art „Concierge“ sei, wie Hennig schreibt, der „eine Hilfestellung bei Fragen, Hilfe wie die Suche nach einem Arzt und die auch eine Einreichung der Rechnungen zur Erstattung ermöglicht“.

„Was unterscheidet nun Ottonova?“, fragt er. Auf den ersten Blick nur die App, so der Makler, denn alle anderen Dienstleistungen hätten „andere Versicherer (teilweise in anderer Form) auch schon, nicht alle, aber einige“.

Die ermögliche es App, Erstattungen zu beschleunigen. „Das können heute viele Versicherer noch nicht. Hinter der App steht (anscheinend) eine automatisierte Abrechnungssoftware. Diese liest die relevanten Daten aus der Rechnung aus, gleicht diese mit dem Schutz ab und löst eine Erstattung aus. Die Nachricht wie und was erstattet wurde, folgt dann auch in der App, besser in der Timeline der App“, erläutert Hennig – und ergänzt: „Das ist zum Beispiel etwas, was mich derzeit ärgert bei meiner PKV.“ Die Rechnungen würden dort „per Foto eingereicht, diese dann abgerechnet und das Abrechnungsschreiben kommt dann per Post, meist sogar später, das Geld auf dem Konto ist dann oft schon da“, kritisiert er die „alte Versicherungswelt“.

Keine unabhängige Beratung und bislang auch kein digitaler Abschluss möglich

Weiter unterscheide Ottonova von anderen Anbietern, dass keine unabhängige Beratung stattfände, da nicht an andere Unternehmen vermittelt werde. „Der Kunde muss sich also entweder von einem Makler oder unabhängigen Versicherungsberater beraten lassen und den für sich passenden Tarif finden, welcher dann natürlich auch der von Ottonova sein kann“, erläutert er.

Der Abschluss selbst solle ausschließlich digital erfolgen. „Wie dieses ohne Unterschrift beziehungsweise mit nicht ganz klaren rechtlichen Hürden und der Beweisbarkeit genau läuft, das werden wir sehen wenn der Prozess komplett auf der Homepage sichtbar ist.“ Derzeit sei ein Abschluss noch nicht möglich – auch der Beitragsrechner sei noch nicht nutzbar, so Hennig.

No-Go: Ottonova will keine Beamten

Das erste No-Go macht er beim Punkt Versicherungsfähigkeit – speziell im Hinblick auf Beamte – aus: „Während bei anderen Versicherern eine Umstellung in einen Beihilfetarif möglich ist, geht das bei Ottonova nicht. Auch Soldaten, Polizisten und andere mit einem Anspruch auf freie Heilfürsorge sind hier raus‘.“

Apropos raus – auch diesen Fall hat Hennig unter die Lupe genommen: „Tritt während der Versicherungszeit für eine versicherte Person Versicherungspflicht in der deutschen gesetzlichen Krankenversicherung ein oder entsteht ein Anspruch auf Beihilfe beziehungsweise freie Heilfürsorge im Krankheitsfall, endet für die versicherte Person die Versicherung.“ Im Klartext: Der Kunde wird von Ottonova vor die Tür gesetzt, wenn dieser die Eingangsbedingungen der PKV nicht mehr erfüllt.

Die weitreichende Konsequenz dieser Regelung erläutert Hennig an einem Fall eines fiktiven Ottonova-Kunden: „Irgendwann im Laufe seines Lebens ändern sich seine beruflichen Pläne, Familie oder Beruf führen zu einer Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenkasse. Leider ist unser Kunde krank, chronisch krank sogar und musste/wollte vielleicht gerade deshalb seine Arbeitszeit reduzieren und wurde versicherungspflichtig.“

Keine Umwandlung in Zusatzversicherung möglich

Bei „normalen“ Anbietern kann dann der PKV-Tarif in eine Zusatzversicherung umgewandelt werden, erklärt Hennig – meist für ambulante, stationäre oder zahnärztliche Tarife getrennt oder zusammen. „So sichert sich der Versicherte auch weiterhin hochwertige Leistungen, denn eine neue Versicherung würde er nicht mehr bekommen.“ Allerdings: „Bei Ottonova geht das leider nicht“, stellt Hennig fest, denn es gäbe bei Ottonova gar keine Zusatzversicherungen. „Unser Kunde steht also komplett ohne Versicherungsschutz da und kann den dann anderweitig aus gesundheitlichen Gründen auch nicht mehr abschließen. DAS muss man wissen, VORHER.“ Ähnliche Probleme stellten sich bei der von Ottonova angebotenen Krankentagegeldversicherung.

Anwartschaft, die nichts nützt

Zudem gilt, dass sich der Kunde bei Eintritt von Arbeitslosigkeit oder Berufsunfähigkeit von Ottonova in eine Anwartschaft umstellen lassen könne, das „nützt ihm nur nix“, meint Hennig, „da dann kein Schutz mehr besteht“. Auch eine Weiterführung als ergänzendes Krankengeld zur gesetzlichen Krankenkasse sei leider nicht vorgesehen. Auch hier, „ein absolutes No-Go“, konstatiert der Makler verärgert, „denn wer kann sein Leben garantieren und weiß heute, wie es die kommenden Jahrzehnte aussieht?“, denn gerade die Personen, die sich oftmals mit dem System der PKV beschäftigten, hätten „ein wechselndes Berufsleben“, so Hennig.

Welche Tarife Ottonova bietet, für welche Zielgruppe sich die Tarife eignen und wie es um Leistungen und Kosten bestellt ist, erläutert der Makler hier.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia