Pfefferminzia: Ihr ETF-Konkurrent Blackrock hat sich vor über vier Jahren mit dem Robo-Advisor Scalable einen Vertriebsarm für seine Indexfonds gesichert. Ist Ihr neues Projekt, der Vanguard Invest Anlageservice, die Antwort darauf?
Jesper Wahrendorf: Nein, der Gedanke war schon früher da. Ich habe Vanguard noch nie als ein Haus wahrgenommen, das auf die Konkurrenz schaut und darauf reagiert. Vielmehr will es sein Geschäft ausbauen, um Skaleneffekte zu erzielen und dadurch die Produktgebühren senken zu können. In den USA hat es bereits mit einem ähnlichen Online-Anlageservice rund 275 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Im Vereinigten Königreich und Australien gibt es so etwas auch schon. Und um in Kontinentaleuropa zu starten, hat man Deutschland gewählt.
Wo sich vom Strafzins genervte Menschen plötzlich verstärkt mit Investmentfonds befassen. Präziser Plan oder einfach Glück?
Da war schon ein bisschen Glück dabei. Außerdem hat die Corona-Pandemie die Digitalisierung extrem vorangebracht. Das war vorher so auch nicht zu erwarten, hilft uns jetzt aber.
Verbraucherschützer trommeln sehr für ETFs. Hätten Sie rein aus Marketing-Gründen nicht auch ETFs nehmen sollen, anstatt normale Indexfonds?
Im Rest der Welt sind die Indexfonds stärker verbreitet. Deshalb lag es für Vanguard als Erfinder des ersten Indexfonds für Privatanleger zunächst erst einmal nahe, diese in das Produkt einzubinden. Was nicht heißt, dass nicht auch ETFs irgendwann mit hinzu kommen.
Warum wehren Sie sich dagegen, Ihr Angebot als Robo-Advisor zu bezeichnen?
Ich finde, der Begriff klingt sehr technokratisch und ist auch ein Stück weit verbrannt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Gedanke auf Nicht-Kunden anziehend wirkt, dass Roboter die Geldanlage betreuen. Wir wollen ja Menschen gewinnen, die sich bisher noch nicht intensiv mit Geldanlage befasst haben. Da schreckt so ein Begriff eher ab. Hinzu kommt, dass bei uns auch Menschen arbeiten, die man anrufen kann und die einem dann helfen. Das Wort Roboter passt da einfach nicht. Aber auch der Begriff Advisor, also Berater, stimmt nicht, weil wir die Kunden nicht ausdrücklich beraten.
Was machen Sie stattdessen?
Wir möchten eine Möglichkeit bieten, so einfach wie nur möglich an den Kapitalmarkt zu gehen und dort Geld anzulegen. Wir nehmen Anleger an die Hand, führen sie schrittweise an die Geldanlage heran und möchten ihnen dabei die Angst nehmen.
Das wollen viele.
Zweifellos, und wir haben es uns ebenso auf die Fahne geschrieben. Kunden registrieren sich bei uns und geben ihre persönlichen Daten sowie mögliche Einmalbeträge und eventuelle Sparraten an. Hinzu kommen das Risikoprofil und die Kontoverbindung. Nach fünf Minuten ist das erledigt, und dann kümmern wir uns komplett um den Rest.
Nach welchen Kriterien bauen Sie die Portfolios der Kunden zusammen?
Dafür nutzen wir ein Tool, mit dem wir in den USA schon gute Erfahrungen gesammelt haben. Es berücksichtigt alle vorgegebenen Parameter und gibt dann ein Zielportfolio aus. Das kann der Kunde noch ein bisschen verändern und feinjustieren, bis das Risikoverhalten genau passt. Stark abweichen kann er jedoch nicht.
Welche Detailparameter geben den Ausschlag?
Das sind folgende drei Faktoren: der Anlagehorizont, das Risikoprofil basierend auf dem wissenschaftlichen Test und die aktivierte automatische Risikoreduzierung, der sogenannte Glide Path. Wenn der Anleger nun an einem der drei Parameter während des Onboardings etwas ändert, sprich den Anlagehorizont von beispielsweise zehn auf fünf Jahre verändert, oder den Glide Path aktiviert oder deaktiviert oder sogar das persönliche Risikoprofil ändert, dann ergibt sich eine andere Zielallokation.
Wie pflegen Sie das Depot, wenn es aufgebaut ist?
Wir passen es regelmäßig an. Wenn sich also die Gewichtungen der einzelnen Depotpositionen durch Kursentwicklungen verschieben, stellen wir die originale prozentuale Struktur wieder her. Und wenn der vorgegebene Anlagehorizont näher rückt, senken wir auf Wunsch des Kunden schrittweise die Risiken.
Wie oft greifen Sie ein?
Wir prüfen jede Nacht, ob wir anpassen müssen. Damit das aber nicht zu oft der Fall ist, haben wir Schwellenwerte festgelegt, bis zu denen die Gewichtungen von der Grundstruktur abweichen dürfen. Erst wenn die überschritten sind, handeln wir. Denn wenn wir zu oft umschichten, wird es zu teuer. Wie oft wir also anpassen, hängt am Ende vom Markt ab.
Haben Sie auch ein Anlagekomitee oder so ähnlich, das immer bestimmt, welche Märkte jetzt interessant sind und welche nicht?
Nein, wir bilden den Markt passiv ab. Wir streuen mit unseren Produkten möglichst breit und arbeiten mit ruhiger Hand. Hinter dem Produkt stehen Menschen mit langjähriger Expertise und Erfahrung in der Vermögensallokation und im Portfoliomanagement. Dieses Fachwissen ist in der Investment Management Group von Vanguard angesiedelt und wird durch das Research-Team der Investment Strategy Group von Vanguard stark unterstützt. So fließt in Vanguard Invest über 45 Jahre Erfahrung am Markt ein.
Für ein Haus, das auf niedrigere Gebühren so viel Wert legt, klingen 0,65 Prozent im Jahr für die Geldanlage erstmal nicht nach Kampfkondition.
Es soll auch keine sein. Es ist ein Startpreis, mit dem wir erst einmal in den Markt gehen. Wir wollen sehen, wie sich die Sache dann entwickelt. Es mag sein, dass andere Häuser zurzeit weniger berechnen als wir. Aber wir sind auf jeden Fall bei den günstigen Anbietern mit dabei.
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