In der Biomex.TV-Sendung vom 15. September 2023 weist Jens Göhner auf ein Dilemma hin: „Die Kunden wollen es, sprechen es aber nicht an. Und die Berater haben es, sprechen es aber auch nicht an“, stellt der Leiter Produktmanagement bei der Stuttgarter in einer Diskussionsrunde fest und bezieht sich dabei auf eine aktuelle Umfrage unter Vermittlern und Kunden.
Worum es in dieser Runde geht? Um das Thema nachhaltige Altersvorsorge. 97 Milliarden Euro steckten die Menschen in Deutschland im Jahr 2022 in Altersvorsorgeprodukte der Versicherer, meldet deren Branchenverband GDV. Das ist ein enormer Hebel, den die Branche damit in der Hand hält. „Sie kann bei der Transformation in eine nachhaltige Welt in ihrer Funktion als Kapitalsammelbecken ganz, ganz viel bewegen“, sagt Göhner und nennt die Zahl von 1,8 Billionen Euro, die die Branche unter ihren Fittichen hat. Das ist fast viermal so viel wie der komplette Bundeshaushalt für 2023.
Was also, wenn dieses viele Geld dorthin fließen würde, wo es am Ende Gutes bewirkt? Schließlich braucht die Wirtschaft rund um den Globus Geld, aber eben auch Druck, um in eine saubere, nachhaltige Bahn zu gelangen. Druck, den solch hohe Summen an Anlegergeld zweifellos erzeugen können. Seit Jahren gibt es dafür die Abkürzung ESG für Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance). Wobei die Punkte S und G das Thema Umwelt sinnvoll um menschenfreundliche Verhaltensmuster ergänzen sollen.
Inzwischen ist es über ein Jahr her, dass Vermittlern eine entsprechende Abfragepflicht aufgedrückt wurde. Seit dem 2. August 2022 müssen sie also jedem Kunden die ESG-Gretchenfrage stellen: „Kunde, nun sag, wie hältst du’s mit der Nachhaltigkeit?“ Grob umrissen geht es nicht nur darum, ob Kunden überhaupt Lust darauf haben, sondern auch in welchem Ausmaß. Verfolgen sie echte, ausdrückliche Nachhaltigkeitsziele? Sollen ihre Investments einfach nur keinen Schaden anrichten? Oder sollen sie zu einem oder mehreren Zielen beitragen und kein weiteres gefährden? Inzwischen gibt es dazu ganze Fragebögen und ein spezielles ESG-Modul zum Beratungswerk DIN-Norm 77230 „Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte“.
Und offensichtlich halten es die Kunden auf Nachfrage hin mit der Nachhaltigkeit gar nicht so schlecht, wie Göhner schon andeutete und der ebenfalls bei Biomex.TV anwesende Versicherungsmakler Stephan Busch von Progress Finanzplaner bestätigt. Er und sein Kollege Tom Wonneberger bringen Nachhaltigkeit in jedem Erstgespräch auf den Tisch, mit der erbaulichen Erkenntnis: „Über 80 Prozent unserer Kundinnen und Kunden sagen dann, es ist für sie unverzichtbar“, so Busch.
Doch leider gibt es bei allem guten Willen noch immer einige Probleme, denn die Produkte erfüllen noch nicht die reine Lehre der Nachhaltigkeit. Man könnte das mit einem veganen Gericht vergleichen, in dem dann doch noch ein Stück Butter schwimmt. Und damit ist es eben nicht mehr vegan.
Der erste Punkt ist das Sicherungsvermögen und betrifft somit in erster Linie klassische Renten- und Lebensversicherungen, aber auch hybride Produkte aus Fonds und Sicherungsvermögen – und am Ende sogar alle Fondspolicen, wenn die Rente noch klassisch aus dem Sicherungsvermögen fließt. In dem gilt nämlich das „Prinzip der kollektiven Kapitalanlage“, wie es der Aktuar und Mathematikprofessor Karl Michael Ortmann in einem Gutachten bezeichnet. Heißt etwas salopp ausgedrückt: Alles Geld wandert in denselben Pott, und auch die Erträge lassen sich nicht nach nachhaltig und nicht nachhaltig auseinanderklamüsern. Dass Versicherer ihr komplettes Sicherungsvermögen nachhaltig hinbekommen, bezweifelt nicht nur Ortmann. Auch der Nachhaltigkeitsspezialist Andreas Kick vom Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) meint: „Es ist in der Breite heute gar nicht möglich, die Sicherungsvermögen der Versicherer kurzfristig nachhaltig zu gestalten.“
Seite 2: Bafin muss auf deutsche Eigenart reagieren
In der sogenannten Taxonomie hat die EU nämlich festgelegt, welche Geschäftsfelder von Unternehmen als nachhaltig gelten. Seit 2022 ist sie anzuwenden.
Ortmanns Urteil ist schon über drei Jahre alt, gilt aber grundsätzlich noch immer. Um das zumindest ein Stück weit zu ändern, hat die Finanzaufsicht Bafin im Juli den sogenannten Zuordnungsansatz veröffentlicht. Danach können Versicherer Teile des Sicherungsvermögens direkt als nachhaltig ausweisen und sauberen Vermögensgegenständen zuordnen. Das dürfen sie aber nur bei neuen Produkten, was wiederum der GDV bemängelt. Ihm wäre lieber, wenn man das auch unter bestimmten Voraussetzungen für Bestandsverträge anwenden könnte.
Doch das ist nur ein Nebenaspekt. Denn etwas anderes lässt den ganzen Zuordnungsansatz zur reinen Augenwischerei verkommen: Die Bafin stellt klar, dass die Erträge auf keinen Fall getrennt werden dürfen. In dieser Hinsicht muss das alte Kollektivsystem bestehen bleiben. Damit kann also eine Vorsorge auf dem Papier zwar nachhaltig sein – in den Überschüssen können aber sehr wohl noch Zinsen aus Kohle und Öl enthalten sein. Das ist nicht Sinn der Übung.
Die Bafin griff zu der Maßnahme, weil Sicherungsvermögen eine deutsche Eigenart sind. Die berühmt-berüchtigte Offenlegungsverordnung (SFDR) der Europäischen Union (EU) geht zum Beispiel gar nicht darauf ein. Stattdessen dreht sie sich in erster Linie um Investmentfonds, die sie in drei Stufen einteilt. Produkte nach Artikel 6 haben keine speziellen ESG-Merkmale, sind also herkömmlich. Produkte nach Artikel 8 berücksichtigen bei der Auswahl der Anlageobjekte ESG-Kriterien. Und Produkte nach Artikel 9 verfolgen ausdrücklich Nachhaltigkeitsziele.
Wobei es sich bei der SFDR um reine Transparenzregeln handelt. Welcher Fonds nach welchem Artikel was kaufen darf und was nicht, steht dort nicht drin. Und die Investmenthäuser müssen die Produkte selbst einordnen – später bei Kontrollen wird sich zeigen, ob sie richtig liegen.
Es ist noch wahnsinnig viel Chaos und Stückwerk aus Regeln, Ambitionen und Unklarheiten, die die einzelnen Produkthäuser auch noch für sich unterschiedlich auslegen. „In der Realität sind wir aktuell mit einem Wirrwarr sich teils widersprechender Informationen konfrontiert“, beklagt zum Beispiel Daniel Regensburger, Geschäftsführer bei Pangaea Life, der nachhaltigen Marke der Bayerischen.
Was aber ganz besonders peinlich ist, bringt Magdalena Kuper, Leiterin Nachhaltigkeit beim Investmentverband BVI in dessen Jahrbuch 2023 auf den Punkt: „Unklarheit besteht außerdem darüber, welche Kriterien ein Fonds erfüllen muss, um als nachhaltig bezeichnet und beworben zu werden.“ Das heißt: Nicht einmal der Kern des Ganzen, der Begriff Nachhaltigkeit selbst, ist geklärt.
Seite 3: Spezielles Fondspolicen-Rating vom IVFP
Somit muss man Nachhaltigkeit in Geldanlage und Vorsorge als das sehen, was sie zurzeit ist: Eine gute Absicht, die zwar auf dem Weg, aber noch lange nicht sauber und vollständig umgesetzt ist. Das gilt auch für Fondspolicen. Zwar ist bei solchen Verträgen bekannt, in welche Fonds das Geld fließt. Aber eben nicht, wie nachhaltig diese denn nun wirklich sind – Artikel 8 oder 9 hin oder her. Dasselbe gilt fürs eventuell mit einbezogene Sicherungsvermögen in der Rentenphase oder – auch das ist sogar bei Fondspolicen noch üblich – Überschüsse in der Sparphase, die im Sicherungsvermögen angelegt werden. In jedem Vertrag kann ein Stück Butter auftauchen.
Wer das akzeptiert, kann auf zahlreiche immerhin weitgehend nachhaltige Vorsorgeprodukte zugreifen. Sie bewegen sich in die richtige Richtung, wie Rating-Agenturen zunehmend bestätigen. So bescheinigten beispielsweise die Häuser Zielke Research Consult und Morgen & Morgen in ihrem „ESG Unternehmensranking Versicherungen 2022“, dass das ESG-Niveau der Versicherer insgesamt nach oben zeigt. Wobei es dort um die Nachhaltigkeitsberichte der Versicherer geht.
Die Fondspolicen selbst hat sich das IVFP in Hinblick auf Nachhaltigkeit besehen. Aber auch interne Abläufe, Produktqualität, Sicherungsvermögen, klassische Nachhaltigkeitskennzahlen spielen wichtige Rollen. Mit Ergebnissen, die einige Auswahl verheißen. So schneiden im „Fondspolicen-Nachhaltigkeits-Rating 2023“ 38 Tarife von 18 Versicherern mit der Nachhaltigkeitsnote „Exzellent“ ab. 13 Häuser erreichen außerdem mit 20 Tarifen ein „Sehr gut“. Abrufbar sind solche Ratings auch auf der IVFP-Seite www.fairgleichen.net.
Interessanterweise sind darunter auch einige Tarife, die gar nicht explizit nachhaltig daherkommen. Dazu befragt, erklärt Nachhaltigkeitsmann Andreas Kick: „Auch diese Tarife ermöglichen auf exzellente Art und Weise eine nachhaltige Ausgestaltung einer Fondspolice. Es sind also im Benchmark-Vergleich überdurchschnittlich viele nachhaltige Investmentfonds vorhanden.“
Diese kommen aber von noch einmal anderen Anbietern – bei denen es ebenfalls um Vertrauen geht. Meinen sie es ernst mit den ESG-Abläufen? Wie spiegelt sich das in den Fonds wider? Wie nutzen sie die Stimmrechte? Und so weiter. Da diese Mengen an Informationen einen schlicht erschlagen können, wie Kick einräumt, halten sich die IVFP-Leute an die gut etablierten ESG-Ratings der Agenturen Morningstar und ISS ESG Fund Rating. Und die Versicherer prüfen die Fonds ja noch zusätzlich, unter anderem auf Nachhaltigkeit, bevor sie sie in ihr Angebot aufnehmen.
Auf Fairgleichen.net gibt es auch Zahlen zu den Fondspaletten. Doch die sind mit etwas Vorsicht zu genießen. Denn je nachdem, wie hart die ESG-Kriterien sind, können deutlich weniger Fonds übrig bleiben. Beispiel Helvetia Clevesto Select: Laut IVFP-Statistik stehen dort 318 Fonds zur Wahl. Die Einzelfondsauswahl direkt auf der Helvetia-Seite umfasst sogar 327 Fonds. Davon wiederum sind 207 Aktienfonds. Nach Artikel 8 sind von denen 136 Fonds eingeordnet und nach Artikel 9 ganze 15 (Abrufdatum: 8. November 2023). Nachhaltigkeit dünnt das Angebot somit zwar aus, es bleibt aber trotzdem eine große Palette.
Seite 4: Was am Ende trotzdem noch am wichtigsten bleibt
Als Gegenbeispiel steht die Axa mit der Fondsrente Greeninvest und dort 27 Fonds. Nach eigenen Angaben sind für Greeninvest 24 Fonds zugelassen, 20 davon sind Aktienfonds. Das ist sehr überschaubar. Aber immerhin fallen keine Fonds mehr weg, denn alle sind nach Artikel 8 oder 9 eingestuft, weil die Police selbst schon nachhaltig ist. Helvetia Clevesto hingegen kann man auch mit Fonds nach Artikel 6 bestücken, was die Palette insgesamt natürlich enorm verbreitert. Es sind solche Feinheiten, die nicht schlimm sind, die man aber bei der Auswahl beachten muss.
Was man nie vergessen sollte: Trotz allem Hang zur Nachhaltigkeit geht es in erster Linie um vernünftige Vorsorge. Vertrauen zum Versicherer ist wichtig, sagt Andreas Kick. Und man dürfe das grundlegende Ziel der Vorsorge nicht aus den Augen verlieren: „Ein Altersvorsorgeprodukt muss von der Grundausgestaltung her zum Vorsorgenden passen.“
Das würde Bastian Hopf sofort so unterschreiben. „Letztlich kommt es für den Kunden auf die Ablaufleistung in Verbindung mit einer Rente an“, so der Makler aus Coburg, der im vergangenen Jahr den Titel „Nachhaltigster Makler Deutschlands“ gewann. Wichtige Faktoren seien Schlussüberschüsse, Rentenfaktoren (aktuell und garantiert), Zuzahlungen und Kosten. Hopfs Favorit ist die Alte Leipziger: „Sie überzeugt mich in allen Punkten. Außerdem bevorzuge ich für solche langfristigen Verträge Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit.“
Auch die in den Policen enthaltenen Fonds sieht er sich regelmäßig an. Er achtet auf Ratings, Wertentwicklung, aber auch fortlaufende, aktuelle Informationen. „Ich tausche mich regelmäßig mit Fondsexperten bei der Alten Leipziger aus und besuche Veranstaltungen von Investmentgesellschaften“, erklärt Hopf.
Damit bleibt nur noch zu klären, warum die Pangaea-Life-Invest-Tarife in solchen Fondspolicen-Ratings nicht auftauchen – was dort übrigens regelmäßig für Schluckauf sorgt. Schließlich besteht der in den Policen eingebaute Fonds Blue Energy ausschließlich aus Infrastrukturobjekten für erneuerbare Energien. Und der Blue Living enthält ausdrücklich Immobilien, die bestimmte nachhaltige Kriterien erfüllen, zum Beispiel Energiestandards und soziale Komponenten. Geht’s noch ESG-mäßiger? Wohl kaum.
Des Rätsels Lösung ist der Umstand, dass die Policen bei Rating-Agenturen gar nicht wirklich als Fondspolicen laufen. Das IVFP ordnet sie zum Beispiel bei „Privatrenten-Tarife (Comfort)“ ein. Und das, obwohl beide Blue-Fonds ordentlich reguliert daherkommen.
Immerhin ging das Institut im jüngsten Rating auf die Problematik ein und schrieb: „Der Nachhaltigkeitsansatz der Fondspolice ‚Pangaea Life Investment Rente‘ wurde aufgrund der Einzigartigkeit im Anlagekonzept mit einem Spezialfonds in einer gesonderten Untersuchung als ausgezeichnetes Produkt vom IVFP bewertet.“
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