Finanzprofessor warnt

„Nur ein Fünftel der Finanzberater wird es schaffen“

Sich dem Trend zu Digitalisierung in der Finanzberatung entgegenzustellen, ist falsch, warnt Finanzprofessor Christian Rieck. Berater sollten lieber zusehen, wie sie die Entwicklung zu ihrem Vorteil nutzen können. Aber wie genau geht das?
© Panthermedia
Männer bei der Finanzberatung.

Da steht der Gärtner im Gemüse – plötzlich kommt ein Bagger ins Beet gefahren. Der Gärtner gerät in Panik. Mit diesem bildhaften Vergleich umschreibt Christian Rieck von der Frankfurt University of Applied Sciences seine Sicht auf die Situation, in der sich Finanzberater heute befinden. Der Finanzprofessor erforscht Chancen und Gefahren durch die Digitalisierung in der Beratung. Seine provokante These, mit der Rieck jüngst in einem Webinar auf dem Informationsportal „Die Fondsplattform“ auftrat: „Finanzberater werden aussterben“.

Die Zahl der Finanzberater in Deutschland werde sich bis 2030 wohl auf ein Fünftel reduzieren – im bestmöglichen Fall könne immerhin noch die Hälfte von ihnen überleben, prognostiziert Rieck. Drei Umstände beförderten den Rückgang:

Erstens: Berater agierten mit falschen Anreizen. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollten: Bei der Vermittlung von Produkten sähen Berater stets den eigenen Vorteil, so Rieck. Experimente mit Studenten hätte ihm gezeigt, dass bereits ein relativ niedriger Anreiz ausreiche, damit Menschen ihre Unvoreingenommenheit über den Haufen werfen würden. Den Kunden sei das Anreiz-Problem bekannt, sie vertrauten einem menschlichen Berater daher nur bedingt, so Riecks These.

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Zweitens: Selbst wenn Berater es wollten, sie könnten gar nicht das vollständige Wissen sammeln, um ihren Kunden die ganze Produktvielfalt des Marktes anbieten zu können. Der menschliche Berater könne seine Kunden immer nur auf eine begrenzte Zahl von Produkten verweisen.

Drittens: Bereits heute seien digitale Berater ihren menschlichen Pendants mindestens ebenbürtig. Zudem seien sie preisgünstig. Künftig könnten sie ihr Wissen noch ausbauen: Selbstlernende Systeme können eigene kreative Lösungen entwickeln – damit hätten sie endgültig die Nase vorn, sagt Rieck voraus.

Und wie sieht es aus mit Empathie – ein in dem Zusammenhang gern angeführter Pluspunkt, den menschliche Berater jeder künstlichen Intelligenz entgegensetzen könnten? Zwar sehr wichtig, aber als Argument überbewertet, findet Rieck. Die heutigen Formen des menschlichen Kontakts seien oft verbesserungswürdig. Zudem gebe es Programme, die bereits die psychologisch beratende Funktion von Beratern einnähmen – wie zum Beispiel Sport-Apps – Programme, die Menschen zu sportlicher Leistung anspornten.

Der bekennende Fan von künstlicher Intelligenz („Ich mag Maschinen“) skizziert jedoch auch einen Ausweg aus dem Dilemma: Immerhin die Hälfte der Berater könne überleben, wenn sie sich dem Trend nicht entgegenstemmten, sondern versuchten, ihn sich so schnell wie möglich zunutze zu machen.

Keine wirklichen Antworten

Wie das genau geschehen solle? Auf Nachfrage durch Webinar-Moderator Björn Drescher hat auch Finanzprofessor Rieck keine ganz schlüssige Antwort parat, sondern bleibt im Vagen: Freie Berater sollten einfach ausprobieren, in ihrem Alltag feste Zeiten einplanen, um die digitalen Möglichkeiten zu erforschen. Sie sollten auch mal die Kundensicht einnehmen und Fintech-Angebote selbst testen. Welches letztendlich der richtige Weg sei, werde sich erst im Laufe der Zeit herausstellen.

Ein schwerwiegendes Problem – nach Lösungen muss noch gesucht werden. Rieck offenbart damit den charmanten Vorteil des Wissenschaftlers, der von außen auf die Dinge blickt: Er weist in erster Linie auf das Problem hin. Konkrete Lösungsvorschläge, zumal praxistaugliche, stehen dahinter zurück. Riecks wichtigste Botschaft indessen: Der Gärtner soll den Bagger im Beet nicht fürchten.

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