Experten sind die neuen Stars

Was Versicherungsvermittler von Politikberatern lernen können

In allen Umfragen über die Reputation und Vertrauenswürdigkeit von Berufsgruppen gibt es nur eine, die im Ranking regelmäßig noch hinter den Versicherungsvermittlern steht: die Politiker. Und doch scheint es, dass die Finanz- und Versicherungsbranche in der Corona-Krise einiges von den Politikern – und vor allem von ihren Beratern – lernen kann, sind unsere Gastautoren Klaus Möller, Defino Institut, und Andreas Schwarz, Bundesvorsitzender des Bundesverbands der Sachverständigen für das Versicherungswesen (BVSV), überzeugt.
© BVSV/Defino
Andreas Schwarz (links) und Klaus Möller.

Wer könnte für sich in Anspruch nehmen, dass ihm vor zwei Monaten die Namen Lothar Wieler, Christian Drosten, Hendrik Streeck oder Melanie Brinkmann geläufig gewesen wären? Die wenigsten von uns. Heute laufen sie in der Popularität selbst den wenigen seit Jahren regelmäßig im Rampenlicht stehenden Wissenschaftlern wie Ifo-Chef Clemens Fuest den Rang ab und sind definitiv bekannter und vor allem populärer als manche Bundesminister wie Christine Lambrecht, Anja Karliczek oder Gerd Müller. Sie sind die neuen „Stars“ der Nachrichtensendungen und Talkshows.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat Melanie Brinkmann und Christian Drosten zu neuen „Sexsymbolen“ gekürt, Brinkmann zur „Virologin fürs Herz“ und Drosten zum „Posterboy der Stunde“. Für derlei Kultstatus haben Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans noch heftig zu arbeiten.

Die Fachleute sind auf dem Vormarsch in unserer Gesellschaft und auf der ganzen Welt. Sie laufen gerade den Politikern, den lautsprechenden Manipulatoren, denen, die nicht informieren, sondern im eigenen Interesse Meinung machen wollen, den Rang ab. In den USA hat der mahnende und Trump-kritische Virologe Anthony Fauci einen Zustimmungswert von 80 Prozent, Trump selbst einen von 45 Prozent.

Die Unsicherheit ist immens

Diese Entwicklung ist nicht verwunderlich. Wenn selbst die Wirtschaftsweisen formulieren: „Die Unsicherheit ist immens“ und damit ihre üblicherweise sehr fundierten Prognosen meinen, dann beschreibt das prägnant den Grad der Verunsicherung in allen Teilen unserer Gesellschaft. Und es ist verständlich, dass dieser Verunsicherung ein starkes Bedürfnis nach echter, begründeter Sicherheit entspringt.

Das spüren alle: Politiker, Journalisten, Wissenschaftler. Deshalb gehen diejenigen, die am meisten fundierte, objektive Expertise zu bieten haben, jetzt voran und geben den Ton an: Die Vorschläge für die sukzessive Lockerung der aktuellen Restriktionen kamen nicht von Parteien oder aus Bundestagsausschüssen, sondern von der Nationalen Akademie Leopoldina und dem Robert-Koch-Institut.

Die Journalisten geben diesen Einrichtungen derzeit mehr Raum in Zeitungen, Radio und Fernsehen. Und die Politiker halten sich mit ihren oberflächlichen Streitereien, mit Kraftmeierei und Macho-Tum wohltuend zurück und übernehmen in einer nie gekannten Sachlichkeit die Expertenmeinungen. Die sonst lautstark polarisierenden Ränder des politischen Spektrums sind aktuell kaum wahrnehmbar. Wenn die Politiker diskutieren, dann an den Konzepten der Wissenschaftler entlang. Selbst ein Donald Trump hat sich vor wenigen Tagen zu der unglaublichen Äußerung verstiegen: „Ich will geleitet werden.“

Es zählt der ganzheitliche Blick

Der Grund für die relative Zurückhaltung der Politiker mag darin liegen, dass sie damit überfordert sind, dass ihr übliches Verhaltensmuster, sich sensible Einzelthemen zu greifen und bis zur kollektiven Übelkeit zu penetrieren, gerade nicht verfängt. Denn aktuell zählt nur eines – alle Facetten des Lebens, Gesundheit, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Soziales sorgsam abzuwägen und auszutarieren.

Dafür bedarf es der Fähigkeit und der Instrumente für eine differenzierte Blickweise auf das Ganze und nicht nur auf einzelne instrumentalisierbare Einzelthemen. Diese Fähigkeit haben viele in Berlin und den anderen Hauptstädten Europas und der Welt verloren. Deshalb hören sie derzeit mehr als früher auf diejenigen, die den differenzierten Blick und die Suche nach fundiertem, objektivem Wissen gewohnt sind und täglich praktizieren: die Wissenschaftler, die Experten.

Unsicherheit herrscht auch in den privaten Haushalten

Vieles von dem, was derzeit in der großen Welt zu beobachten ist, spiegelt sich in den Mikrokosmen der Haushalte und Familien in ganz ähnlicher Weise. Auch dort herrscht große Unsicherheit, ja Zukunftsangst. Clemens Fuests Aussage: „Wir müssen uns auf schwierige Zeiten einstellen“ sticht von der Gesamtwirtschaft über jedes einzelne Unternehmen direkt in die Privatsphäre der Menschen durch. Und die Feststellung aus Kreisen des Internationalen Währungsfonds „Die Krise ist wie keine zuvor“ lässt auch für jede Privatperson Schlimmes befürchten. Auch hinter den deutschen Wohnungstüren ist „die Unsicherheit immens“.

Das betrifft nicht nur die Ängste um die eigene Gesundheit jedes einzelnen und die der Familien. Die Unsicherheit betrifft auch den Arbeitsplatz und daraus folgend die gesamte finanzielle Existenz. In vielen Haushalten ist die Krise durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit bereits angekommen.

Folgerichtig stellen sich viele Menschen jetzt so sehr wie nie die Fragen: „Habe ich genügend Liquiditätsreserve, um für die nächsten Wochen oder Monate über die Runden zu kommen?“ „Erdrücken mich meine Kredite?“ „Habe ich die richtige Absicherung? Fehlen mir wichtige Versicherungen, um Krisen wie die aktuelle zu überstehen, und habe ich überflüssige oder weniger wichtige, die mir jetzt ein Loch in das Budget reißen?“

Glaubwürdigkeit und Objektivität sind gefragt

Diese Fragen stellen sie sich freilich nicht nur jetzt und nicht nur für den Moment. Diese Fragen werden über die Krise hinauswirken. Die Menschen wollen – von den aktuellen Ereignissen sensibilisiert – Lehren für die Zukunft ziehen, sich krisenfest für die Zukunft machen.

Für die Beantwortung dieser Fragen erwarten sie jetzt mehr denn je ehrliche Antworten und ganzheitliche Orientierung von verantwortungsbewussten Beratern. Sie wollen mehr denn je Sicherheit und Orientierung, sie wollen geleitet werden.

Wie im Großen der Politik so sind auch im Kleinen die Lautsprecher und Manipulatoren, die klassischen Produktverkäufer, also Anbieter von Einzellösungen, ungeeignet, das Problem in seiner Komplexität zu lösen. Denn auch in den Privathaushalten ist nun die Herausforderung: Was zuerst, was ist am wichtigsten, was ist verzichtbar? Deshalb hilft auch hier gerade in dieser Zeit nichts Anderes als der ganzheitliche Blick.

Vom Berater zum Experten

Und deshalb sind gerade jetzt Glaubwürdigkeit und Objektivität die wichtigsten Verbündeten jedes Beraters, weil sie ihn als Experten ausweisen. Dabei kann die DIN 77230 „Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte“ unterstützen, die das Wissen von Marktteilnehmern, Verbrauchervertretern, Politikern und Wissenschaftlern bündelt. Sie zeigt in der Analyse der Kundensituation Defizite und Prioritäten auf und befreit damit vom Verdacht, andere als die Kundeninteressen in den Vordergrund zu stellen.

Krisen sind die Zeiten der Neuausrichtung

Die Fragen, die sich die Verbraucher jetzt stellen, betreffen nicht weniger auch die Berater und Vermittler in der Finanzbranche selbst, allen voran diese: „Bin ich richtig und krisenfest aufgestellt?“. Denn Krisen sind die besten Gelegenheiten zur Überprüfung der eigenen Position, zur Neuaufstellung. Sie sind die besten Zeiten für Paradigmenwechsel: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Genau jetzt ist die Zeit, nicht nach dem kurzfristigen Verkaufserfolg zu schielen, sondern echte Verantwortung für die Kunden zu übernehmen und Orientierung zu geben.

Das erfordert nicht einmal viel Mut; denn es ist evident, dass die Ausrichtung zu mehr Verantwortung gegenüber den Kunden die einzige Chance für Vermittler und Berater ist, in Zeiten wie diesen zu überleben. Die Zeit der Selbstdarstellung ist für Berater und Vermittler ebenso vorbei wie für Wichtigtuer in der Politik. Die notwendige Neu-Ausrichtung fordert nicht viel: Einsatz, geistige Flexibilität und die Bereitschaft, sich den Notwendigkeiten dieser Zeit zu stellen.

Umdenken eröffnet neue Chancen

(Neu-)Ausrichtung und Umdenken sind freilich in Krisenzeiten nicht nur notwendig, sie eröffnen zugleich neue Chancen. Nie sonst ist die Bereitschaft der Dienstleister größer, Neues in Angriff zu nehmen. Autolackierer lackieren momentan wenig Autos und schwenken um auf Heizkörper oder Küchenabdeckungen. Autozubehörlieferanten erstellen Plexiglasscheiben als Spuckschutz. Schnapsbrennereien und Bierbrauereien produzieren Desinfektionsmittel.

Noch wichtiger: Nie ist die Bereitschaft der Kunden größer, Neues zu akzeptieren. Umdenken gehört für alle zum Krisenalltag, Innovationen sind Teil der neuen Normalität, die zu verschlafen existenzgefährdend ist. Zu den unvermeidlichen, aber von den Kunden angenommenen Veränderungen gehört auch der neue Umgang mit der Kommunikationstechnik: Jeder kennt jetzt Zoom, Bridge, Google Meet und GoToMeeting. Und jeder nutzt es und wird das auch nach dem schwer absehbaren Ende der Corona-Krise tun.

Dazu noch ein wichtiger Gedanke: Viele Berater fürchten, dass sie in der Online-Beratung nicht erfolgreich sein können, weil die persönliche Bindung das wichtigste Fundament ihres Erfolges sei und diese online schwer aufgebaut werden könne. Umso mehr kommt es jetzt darauf an, Vertrauen mit Expertise, mit Fachlichkeit und Objektivität Vertrauen aufzubauen. Das funktioniert nämlich bestens auch über Telefon und Video.

Der alte Spruch: „Wer nicht mit der Zeit geht…“, hat in diesen Tagen eine besondere Bedeutung. Eines ist aus dieser Krise ganz gewiss zu lernen: Nur noch auf einem Bein zu stehen und nur noch an alten, bewährten Denkschemata festzuhalten, kann schnell zur Existenzbedrohung werden. Neu denken lohnt sich und ein richtiger Schritt ist sicher: Experte werden.

Über die Autoren

Klaus Möller ist Vorstand des Defino Instituts für Finanznorm und Obmann des Arbeitsausschusses „Finanzdienstleistungen für Privathaushalte beim Deutschen Institut für Normung DIN.

Andreas Schwarz ist Sachverständiger für das Versicherungswesen und Bundesvorsitzender des Bundesverbands der Sachverständigen für das Versicherungswesen (BVSV) und maßgeblich mit dem Aufbau der BVSV Verbraucher- und BVSV Gewerbezentren bundesweit beschäftigt.

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