Sogenannte Big Techs – dazu gehören unter anderem Amazon, Google und Facebook – drängen zunehmend auf den Versicherungsmarkt, wie der „World Insurance Report 2020“ des Beratungsunternehmens Capgemini und der Non-Profit-Organisation Efma zeigt. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie, in der Kunden großen Wert auf digitale Kompetenzen legten, könnten traditionelle Versicherer viel von den Big Techs aber auch von digitalen Start-ups (Insurtechs) lernen – oder gar mit ihnen kooperieren.
Um „wettbewerbsfähig zu bleiben“, heißt es in der Studie weiter, „müssen sich die etablierten Versicherer in entscheidenden Bereichen verbessern – etwa in Sachen Kundenzentriertheit, bei intelligenten Prozessen, der Produktflexibilität und offenen Ökosystemen.“
Vor allem bei der Kundenorientierung – der Königdisziplin der Big Techs – gebe es in der Versicherungsbranche Nachholbedarf:
Gegenüber 57 Prozent im April sagten im Juli laut Studie 61 Prozent der Versicherer weltweit, dass sich Corona auf die Neukundengewinnung auswirkt. In Deutschland habe dies im Juli jeder zweite Versicherer bemerkt. Gleichzeitig sei die Bereitschaft der Versicherungsnehmer, Versicherungen von Big Techs zu kaufen, von 17 Prozent im Jahr 2016 über 36 Prozent im Januar 2020 auf 44 Prozent im April 2020 gestiegen.
„Um mit Big Techs konkurrieren zu können, müssen Versicherer Prioritäten setzen und sich auf die entscheidenden Themen konzentrieren“, kommentieren die Studienautoren. Angesichts der Corona-Krise halten laut der Untersuchung 94 Prozent der Versicherer weltweit sowie 88 Prozent in Deutschland ein überragendes Kundenerlebnis für zentral, 90 Prozent international beziehungsweise 88 Prozent in Deutschland krisensichere Prozesse und 87 Prozent beziehungsweise 75 Prozent Echtzeit-Reaktionen.
Zudem wollten 86 Prozent der Versicherungshäuser international sowie 75 Prozent hierzulande ein fürsorglicher Partner für Kunden sein. Bedarfs- und nutzungsbasierte Versicherungen hielten weltweit 70 Prozent und 25 Prozent der Versicherer in Deutschland für wichtig.
Über digitalisierte Prozesse verfüge international fast jeder dritte Versicherer (29 Prozent), in Deutschland tue dies bereits jeder zweite. Nachholbedarf bestehe indes unter anderem bei der Cloud-Nutzung: Nur 49 Prozent weltweit, aber 63 Prozent in Deutschland, seien Cloud-affine-Unternehmen.
Lediglich 19 Prozent der befragten Versicherer weltweit – doch 38 Prozent der deutschen – gaben laut Studie an, über durchgängig automatisierte Prozesse zu verfügen. International 29 Prozent beziehungsweise 17 Prozent in Deutschland beherrschten human-centered Design (HCD).
„Versicherer müssen in allem, was sie tun, kundenorientierter werden“, rät Efma-Chef John Berry. „Die Reife von Insurtechs und ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um Versicherern neue Technologielösungen zu bieten, nehmen zu und helfen den Versicherern, die steigenden Erwartungen der Kunden zu erfüllen.“
Immerhin: Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit sei unter den Akteuren im Versicherungsbereich erneut gestiegen, heißt es. In Zahlen sieht das so aus:
- 67 Prozent der Versicherer weltweit und 50 Prozent in Deutschland wollten mit Insurtechs zusammenarbeiten.
- 83 Prozent der Insurtechs weltweit und 77 Prozent der deutschen seien an Partnerschaften mit Versicherern interessiert.
- 85 Prozent der Insurtechs international sowie 92 Prozent in Deutschland wollten mit Technologieanbietern kooperieren.
- Mehr als 60 Prozent sowohl der Versicherer als auch der Insurtechs weltweit seien an einer Zusammenarbeit mit Big Techs interessiert. In Deutschland treffe dies auf 54 Prozent der Insurtechs zu, aber noch nicht auf etablierte Versicherer.
Der Appell der Autoren:
„Unternehmen müssen eine neue Denkweise entwickeln, wenn sie vom Besitz eigener Fähigkeiten und Assets zu einer gemeinsamen Nutzung übergehen, um ihre Effizienz zu steigern und Partnerschaften mit Spezialisten zu vertiefen.“

