Pfefferminzia: Die Verhandlungen zu einer Jamaika-Koalition sind gescheitert. Sondierungsgespräche mit der SPD um eine neue Große Koalition laufen derzeit. Was könnten man von einer neuen Regierung in Sachen Altersvorsorge erwarten?
Claus Mischler, Generalbevollmächtigter Leben, Gothaer: Nun, eine starke Verstaatlichung des Altersvorsorgesystems – Stichwort Staatsfondslösung – ist damit wohl erstmal vom Tisch. Ebenso ein Provisionsverbot, das unter einer rot-grünen Regierung wahrscheinlich wäre. Große Drohkulissen gibt es also nicht. Ich erwarte aber auch keine besonders positiven Impulse.
Sascha Risse, Referent Makler und ungebundene Vermittler, Inter: Ein Vorhaben finde ich gut, und zwar die Flexibilisierung des Renteneintrittsalters. Dass es also dem Arbeitnehmer überlassen wird, je nachdem, wie er sich fühlt und wie er finanziell aufgestellt ist, wann er in Rente gehen möchte. Aus Sicht der Privatversicherer ist das recht charmant, würde sich damit die gesetzliche Versorgung den flexiblen privaten Altersvorsorgeprodukten annähern.
Andrea Schölermann, Leiterin Produktmanagement private Altersvorsorge, Condor: Das halte ich auch für spannend. Wer die Höhe der Grundsicherung erreicht hat, dem steht es frei, die gesetzliche Rente vorzeitig in Anspruch zu nehmen. Das wäre mal ein Schritt in Richtung mehr Selbstbestimmung.
Carsten Mathé, verantwortlich für das Produktmanagement Versicherungen, Plansecur: Wenn ich mir etwas von der neuen Regierung wünschen könnte, wäre es, dass das Thema Anrechnung auf die Grundsicherung noch einmal angepackt wird. Da würde ich mir höhere Freigrenzen etwa bei der Riester-Rente wünschen.
Schölermann: Bei Riester hat man mit der Anhebung der Grundzulage nun den ersten Schritt zu einer höheren Förderung gemacht. Der neue Gesetzgeber könnte nun noch eine Dynamisierung einführen oder die prozentuale Verbindung an eine Sozialversicherungsgröße herstellen. Das würde dem Sinn entsprechen, dass man mit der Riester-Rente ein Stück Rentenlücke schließen will.
Mischler: Ich hätte auch noch einen Wunsch an den neuen Gesetzgeber. Dass man dem Unsinn von unterschiedlichen Garantieanforderungen in der Altersvorsorge ein Ende bereitet. Im Sozialpartnermodell gibt es jetzt ein Garantieverbot und bei Riester und in der Direktversicherung ein Garantiegebot. Dass die Garantie bei dem einen Produkt zu viel Rendite kostet und bei dem anderen nicht, erschließt sich mir nicht.
Michael Hinz, Marktmanager Freie Vertriebe und Leiter Vorsorge, Signal Iduna: Man will da den Arbeitgeber aus der Haftung nehmen, damit die Bereitschaft steigt, sich mehr in der bAV zu engagieren.
Mischler: Aber die Kommunikation nach außen war eine andere. Und in der Niedrigzinsphase – das wissen wir alle – ist eine 100-prozentige Beitragsgarantie bei laufenden Prämien extrem schwierig darzustellen. Insbesondere dann, wenn der Rechnungszins vielleicht nochmal sinkt. Warum lässt man auch da dem Kunden und dem Berater nicht die Wahlfreiheit? In der dritten Schicht muss ich den Kunden nach seiner Risikoneigung beraten. Wenn ich dem Kunden in der dritten Schicht ein Garantieprodukt anbiete und er keine Garantie will, ist das Falschberatung. In der bAV verpflichtet der Gesetzgeber somit den Berater in gewissen Fällen zu einer Falschberatung.

Mathé: Aber hier haben wir das Problem der Entgeltumwandlung. Wenn der Arbeitnehmer die Summe seiner eingezahlten Beiträge nicht herausbekommt, ist das eine rückwirkende Gehaltskürzung.
Jürgen Horstmann, verantwortlich für das Lebensversicherungsgeschäft, Helvetia Deutschland: Wenn Sie 100 Euro in Fonds anlegen und der Fonds bricht ein, führt das doch nicht zu einer rückwirkenden Gehaltskürzung.
Mathé: Natürlich nicht, weil es ja keine Gehaltszahlung ist. Aber bei einer Betriebsrente ist es nun mal eine. Die bAV steht ja nicht umsonst auf den Gehaltsabrechnungen.
Mischler: Eine Beitragsgarantie von 100 Prozent über 30 Jahre ist ein Scherz. Je nachdem, welchen Inflationswert Sie nehmen, entspricht das einem garantierten Kaufkraftverlust von 40 Prozent. Ob da dann noch 5 Prozent aus Kapitalverlust oben drauf kommen, ist doch für den Kunden egal. Diese Garantie suggeriert dem Kunden eine Sicherheit, die er nicht hat.
Mathé: Das heißt, jeder Arbeitnehmer sollte die Möglichkeit bekommen, sein Gehalt zu verwetten? Denn darauf läuft es im schlimmsten Fall hinaus.
Hinz: Ich finde das Garantieversprechen ist ein Leistungsmerkmal der Versicherungswirtschaft. Man sollte jetzt nicht hingehen und fordern, dass alle Garantien aus Versicherungsprodukten verschwinden müssen. Dann stehen wir nämlich komplett im Wettbewerb mit den Kapitalanlagegesellschaften, und da weiß ich nun nicht genau, wer auf der Kostenseite interessanter ist.
Mischler: Die Kapitalgarantie ist aber keine Erfindung der Lebensversicherungsbranche. Es gibt auch Fondssparpläne, die das darstellen. Das Kerngeschäft der Versicherung ist die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos. Ich finde es auch wichtig, dem Kunden Garantieprodukte anzubieten. Aber der Kunde sollte eben die Wahlfreiheit haben. Er soll entscheiden, ob er bei Riester eine 80-prozentige Garantie möchte, eine 100-prozentige oder gar keine.
Risse: Das Betriebsrentenstärkungsgesetz hat auf jeden Fall dazu geführt, dass das Thema Altersvorsorge weiter in den Köpfen der Verbraucher verbleibt. Wo es aber noch verbessert werden muss, ist beim Sozialpartnermodell. Da wurde die Versicherungsbranche bewusst außen vor gelassen. Ich habe von den beteiligten Tarifparteien aber noch nicht gehört, wie sie die bAV-Modelle umsetzen wollen. Ich behaupte mal, weil sich noch keiner dran traut, weil das entsprechende Wissen fehlt.
Christian Nuschele, Vertriebschef Deutschland, Standard Life: Ich glaube, wir bräuchten allgemein weniger Flickschusterei von der Politik. Riester, Rürup, die ganzen unterschiedlichen bAV-Durchführungswege – das versteht doch kein Mensch mehr. Man müsste ein übergreifendes System haben, in dem man sein Geld vernünftig anlegen kann. Die Vereinfachung dieser so wichtigen sozialen Sicherung, das wäre mein größtes Anliegen.
Wird die IDD den Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten verändern?
Risse: Es wird der ganzen Branche helfen, noch einmal die Reputation zu steigern. Die Beratungsqualität wird nachhaltig zunehmen. Aber für die Vermittler wird das erstmal eine Umstellung.
Mathé: Ich würde mir hier wieder etwas wünschen. Die Plansecur ist ein Allfinanzvertrieb. Wir vermitteln Finanzierungen, Fonds, Versicherungen – alles. Und es gibt keinen einheitlichen Risikobegriff in der Kapitalanlage über alle Produktgattungen. Zudem können wir zum Beispiel denselben Fonds in vergleichbar kalkulierten Versicherungen vermitteln – allerdings in unterschiedlichen Schichten. Die Folge der politischen Transparenzoffensive: In der betrieblichen Altersversorgung ist eine Police kein Versicherungsanlageprodukt. In der Basisversorgung darf für dieses Produkt höchstens mit 5 Prozent und in der dritten Schicht muss es – bei entsprechender Performance in den vergangenen Jahren – mit 24 Prozent pro Jahr hochgerechnet werden. Das ergibt doch keinen Sinn. Es wäre schön, wenn man ein einheitliches Verständnis von Risiko und guter Beratung hätte, über alle Produkte hinweg.
Horstmann: IDD ist ein Bürokratiemonster. Dem Kunden nochmal längere PRIIPs und PIBs vorzulegen – das liest doch sowieso keiner.
Mischler: Nutzen und Risiko des Produkts müssen dem Kunden transparent gemacht werden. Was das im Detail bedeutet, ist vollkommen irrelevant.
Mathé: Da sind wir aber wieder beim Thema. Welches Produkt hat welches Risiko in welcher Schicht und wie soll ich das als Vermittler bewerten? Daher auch meine Bitte an die Versicherungswirtschaft, dass wir als Makler vernünftige Informationen bekommen. Wie funktioniert das Drei-Topf-Hybrid? In welcher Marktsituation ist wie viel in welchem Topf? Diese Informationen rückt keiner freiwillig heraus.
Hinz: Die Versicherer müssen die Produkte auch vielmehr auf die Bedürfnisse der Kunden ausrichten. Wir müssen also noch mehr den Kundenfokus bei der Produktentwicklung berücksichtigen.
Horstmann: Den haben wir aber doch immer schon berücksichtigt.
Sie schauen skeptisch, Herr Nuschele.
Nuschele: Ich selber habe ein Produkt einer nicht anwesenden Gesellschaft, das man eher als vertriebsorientiert bezeichnen könnte. Ich zumindest merke jedes Jahr an meiner Standmitteilung, dass es nach meinen Bedürfnissen als Kunde nicht ausgerichtet ist. Wir müssen die Kundenbelange beim Produktdesign beleuchten und bewerten. Wenn das Produkt für den Kunden keinen ausreichenden Ertrag erwirtschaften kann, dann dürfen wir ein Produkt nicht starten. Wir haben in der Vergangenheit natürlich schon auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtete Produkte auf den Markt gebracht. Aber dass das jetzt nochmal strenger dokumentiert und beleuchtet wird, halte ich für sinnvoll. Für Makler ändert sich durch IDD nicht wahnsinnig viel. Ich muss zwei, drei Fragen mehr stellen, ich muss eine Geeignetheitserklärung unterschreiben und die Risikotragfähigkeit feststellen. Das kann man alles machen. Was wirklich entscheidend ist: Das Aussprechen einer Empfehlung, dieses Produkt ist für dich geeignet lieber Kunde, das sollte man nicht unterbewerten. Ich muss mich da als Berater outen. Ich muss sagen, in deiner Situation Kunde passt das Produkt am besten. Das ist ein ganz wesentlicher Schritt.
Was muss ein Produkt heute bieten, um langfristig erfolgreich zu sein?
Horstmann: Ich denke, man braucht heute sehr flexible Produkte. Man weiß ja nicht, was in 20 oder 30 Jahren ist. Eine Garantie würde ich nicht empfehlen, aber bestimmte Sicherungselemente, wie Rebalancing, Cost-Average, das man mal vorübergehend in sicherer Anlagen umschichten kann.
Risse: Ich kann Ihren Ansatz nur unterstützen. Der Kunde hat ein Sicherheitsbedürfnis. Bei uns in der Branche wird Sicherheit aber automatisch mit Garantien verbunden. Ein sicheres Produkt muss aber nicht zwangsläufig mit Garantien ausgestattet sein. Da fehlte es in der Vergangenheit häufig an Transparenz.
Nuschele: Wir neigen als Branche dazu, hier nochmal ein Feature einzubauen und da nochmal eins. Wir haben Kunden gefragt, was sie von einem Produkt wollen. Und die Kunden wollen Produkte, die einfach sind – die eine klare Kante haben, nachvollziehbar sind. Das ist vielleicht nicht einfach zu verkaufen, weil da die Einzigartigkeit des einzelnen Versicherers schwer herauszuarbeiten ist. Aber wenn ich nach fünf Jahren meinen Versicherungsordner rausziehe und da ein einfaches Produkt drin finde, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich dann dagegen entscheide, geringer.
Horstmann: Da habe ich eine ganz andere Meinung. In meinem Auto ist viel hochkomplexe Technik drin, aber es ist leicht zu bedienen. Und so ähnlich sehe ich das auch in der Lebensversicherung. Die Produkte sind im Hintergrund sehr komplex, aber sie müssen leicht erklärbar sein.
Mischler: Richtig, wir müssen den Nutzen in den Vordergrund stellen und nicht die Technik. Beispiel Kopfschmerztablette. Der Kunde weiß: Kopf tut weh, Tablette rein, Kopfschmerzen weg. Was das Medikament genau macht, steht noch nicht mal im Beipackzettel. Da wird nur über Nutzen und Risiken aufgeklärt. Und da müssen wir als Versicherungsbranche auch hin.
Schölermann: Wir reden jetzt die ganze Zeit von Produkten. Aber eigentlich muss man weiter vorne anfangen und schauen, wie das Unternehmen aufgestellt ist. Ich gehe einen Versicherungsvertrag oft über 40, 50, 60 Jahre ein – da sollte der Versicherer am Ende auch noch da sein und leisten. Da rücken die Produktfeatures ein Stückweit in den Hintergrund.
Mathé: Ich glaube auch, die Produkte sind heute bei 99 Prozent aller Anbieter flexibel genug. Prozesse und Kommunikation sind entscheidend. Und das darf nicht nur in eine Richtung gehen – Kunde oder Berater – der Versicherer muss für beide da sein. Das ist das Wesentliche.