Nachhaltigkeitskriterien bei der Altersvorsorge gewinnen für die Bürgerinnen und Bürger immer mehr an Relevanz. So halten 48 Prozent der deutschen Bevölkerung das Thema Nachhaltigkeit bei der Altersvorsorge für wichtig oder sehr wichtig. Insbesondere die Wahrung von Menschenrechten (60 Prozent) und der Klima- und Umweltschutz (48 Prozent) spielen eine bedeutende Rolle. Das hat eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Altersvorsorge-Start-ups Vantik ergeben. Dafür hatte der Marktforscher Civey im Mai 2020 rund 8.600 Bürgerinnen und Bürger befragt.
Das Potenzial der nachhaltigen Produkte in der Altersvorsorge ist also enorm. Findet auch Daniel Regensburger, Geschäftsführer der Pangaea Life – der nachhaltigen Marke der Bayerischen: „Nachhaltigkeit tritt aus der Nische heraus und wird für Kunden in der Altersvorsorge zu einem zentralen Produktkriterium. Gerade in jüngeren Generationen steht das Thema auf der Agenda ganz oben – mit Auswirkungen auf deren Vorsorge-Entscheidungen in den kommenden Jahrzehnten.“
Dass das Thema zunehmend an Bedeutung gewinnt, beobachtet auch Jörg Schulz, Geschäftsführer des Analysehauses Infinma. „Dafür sorgen schon allein die Politik, die Europäische Union und die Europäische Zentralbank, die große Anstrengungen unternehmen, um Geldströme und Investitionen in zumindest vermeintlich nachhaltige Anlagen zu lenken“, sagt er. In der Altersvorsorge sähe man eine deutliche Zunahme nachhaltiger Produktangebote, „insbesondere im Bereich der Fondspolice ohne Garantie“. Auch die Versicherer selbst und ihre eigene Kapitalanlage, Stichwort Deckungsstock, seien auf einem „grünen“ Weg.
Als Anbieter glaubhaft sein
Und das ist auch gut so, findet Tanja Höllger, Geschäftsführerin bei dem Marktforschungsunternehmen Heute und Morgen. Es reiche nämlich nicht, nur ein „grünes“ Produkt auf den Markt zu bringen. „Um glaubhaft zu sein, muss man als Anbieter ernst genommen werden. So weit sind viele Anbieter allerdings insgesamt noch nicht“, so Höllger. „Aus vielen Häusern wissen wir, dass aktuell genau diese Grundsatzdiskussionen diskutiert werden. Meist aber noch nicht zu Ende geführt sind.“
Kann man zum Beispiel glaubhaft nachhaltige Produkte anbieten und selbst Kreuzfahrtschiffe versichern, in Waffenexporte investieren, eine komplett neue Dieselflotte für den Außendienst gekauft haben, in anderen Ländern in wenig nachhaltige Standards investieren und so weiter? „Ohne die bisherige Unternehmenspolitik zu überdenken und sich im Wandel selbst neu auszurichten und dies transparent und überzeugend zu kommunizieren, wird letztlich keine überzeugende Nachhaltigkeitspositionierung gelingen“, ist die Geschäftsführerin überzeugt.
Herausforderungen muss der Markt auch noch in einem anderen Bereich stemmen, nämlich vor allem bei der Transparenz. Dass das Thema Nachhaltigkeit bislang nicht noch eine größere Rolle spielt, liegt laut der Vantik-Umfrage auch an der noch fehlenden Überprüfbarkeit und Transparenz der Nachhaltigkeitskriterien. Das geben 44 beziehungsweise 41 Prozent der Befragten als größte Hindernisse an. „Woran es nach wie vor mangelt, ist das Vertrauen“, stellt auch Daniel Regensburger fest. „Zu oft wittern Kunden hinter nachhaltigen Produkten ‚Greenwashing‘ – nicht immer zu Unrecht. Unsere Aufgabe besteht darin, Kunden durch maximale Transparenz glaubhaft zu vermitteln, dass sie mit ihrer Altersvorsorge wirklich etwas zum Besseren bewegen können.“
Was dabei sicherlich helfen würde, wäre eine größere Klarheit bei den Nachhaltigkeitskriterien, glaubt Infinma-Geschäftsführer Schulz: „Das größte Hindernis bei der Entwicklung eines breiteren Angebots ist nach unserer Einschätzung das Fehlen von verbindlichen Vorgaben dazu, was überhaupt als nachhaltig einzustufen ist. Im Bereich Environment gibt es ja inzwischen eine Taxonomie-Verordnung mit sechs verschiedenen Zielen, aber auch hier besteht keinesfalls Einvernehmen“, betont Schulz. Als Beispiel nennt er die unterschiedliche Beurteilung von Atomenergie in den Ländern der EU.
Zurückhaltung ist nachvollziehbar
Schulz weiter: „Für die Bereiche Social und Governance, die ja ohnehin bei Nachhaltigkeitsbetrachtungen gerne etwas vernachlässigt werden, werden verbindliche Vorgaben durch die EU frühestens im nächsten Jahr erwartet. Insofern ist es verständlich, wenn Versicherer – vor allem im Hinblick auf die eigene Kapitalanlage – noch etwas zurückhaltend sind. Sich jetzt auf eine Linie festzulegen, die dann im nächsten Jahr von der EU als nicht hinreichend nachhaltig klassifiziert wird, ist eine Gefahr, die sicher nicht von der Hand zu weisen ist.“
Aber nicht nur Versicherer stellt die fehlende Klarheit vor Probleme, sondern auch viele Vermittler. Ja, es gibt seit Inkrafttreten der EU-Transparenzverordnung am 10. März 2021 die Ansage an alle Produktgeber, seien es Versicherer oder Fondsgesellschaften, Informationen zur Nachhaltigkeit zur Verfügung zu stellen. „In diesen vorvertraglichen Informationen ist genau aufgeführt, ob es sich um eine ‚grüne‘ Anlage handelt und auch wie ‚grün‘ diese Anlage ist“, berichtet Andreas Kick, Partner und Prokurist des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP).
Überblick zu behalten, fällt schwer
So werde hier aufgeführt, ob lediglich Nachhaltigkeitsrisiken bei den Anlage-Entscheidungen berücksichtigt würden, ob das Produkt explizit ökologische oder soziale Merkmale vertrete oder ob es gezielte nachhaltige Investments anstrebe. Die dazu verwendeten Methoden wie beispielsweise Positiv-Negativlisten, Best-in-Class oder Normbasiertes Screening würden hier ebenfalls vermerkt. Kick: „An Informationen mangelt es in diesem Bereich definitiv nicht. Es ist eher das Problem, den Wald vor lauter Bäumen zu erkennen.“
Diese Beobachtung macht auch Andrea Schölermann, Leiterin des Produktmanagements der Condor Lebensversicherung. „Bei Vermittlern ist unserer Erfahrung nach ein grundsätzliches Wissen über nachhaltige Investments vorhanden, welches auch notwendig ist, um Kunden qualifiziert beraten zu können. Allerdings gibt es auf dem Markt immer mehr Produkte, ein fundierter Überblick fällt damit immer schwerer. Deshalb müssen Vermittler darauf achten, dass sie auf dem aktuellen Stand bleiben.“ Hilfreich könnten an dieser Stelle Ratings unabhängiger Analysehäuser sein, sind sich Kick und Schölermann einig.
„Insgesamt ist das Wissen derzeit noch zu gering“, stellt auch Tanja Höllger fest. Interesse der Vermittler am Thema sei da, „aber es herrscht noch viel Unsicherheit, woran man Nachhaltigkeit im Versicherungsbereich konkret festmachen kann. Der Greenwashing-Verdacht wiegt schwer, was durch übereifrige und aktionistische Marketer zusätzlich befeuert wird“, so Höllger.
Die Vermittler selbst spürten diese Unsicherheit bei den Kunden am ehesten. Was könnte eine Lösung sein? Höllger: „Die Produktgeber müssen die Vermittler mit glaubhaften Produkten, idealerweise mit unabhängigen Prüf-Siegeln und übergeordnet mit einer überzeugenden Unternehmenskultur und Unternehmenspolitik versorgen.“
Die Sache mit der Rendite
Ein Glaube, der sich bei der nachhaltigen Kapitalanlage hält, ist etwa, dass „grüne“ Produkte den konventionellen von der Rendite her unterlegen seien. „Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Studien, die belegen, dass nachhaltige Investments in Sachen Rendite ebenso gut sind“, betont Andrea Schölermann von der Condor. „Manche Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass nachhaltige Investments dem Kunden sogar mehr Rendite bescheren“, sagt sie.
„Wer nachhaltig investieren möchte, muss im Vergleich zu konventionellen Kapitalanlagen nicht auf Rendite verzichten“, heißt es dazu auch von der Zurich Gruppe Deutschland. „Zahlreiche Studien und auch die von Zurich in der Kapitalanlage selbst gemachten Erfahrungen über viele Jahre bestätigen das.“ Auch in der Corona-Krise hätten nachhaltige Investmentfonds und ETFs gegenüber konventionellen Investitionsmöglichkeiten eine gleichwertige oder sogar bessere Performance gezeigt, so der Kölner Versicherer weiter.
Zwei Effekte spielen eine Rolle
IVFP-Partner Andreas Kick sieht die Entwicklung hier zweigeteilt: „Einerseits besteht die Gefahr, dass bei einem Investment in nicht nachhaltige Unternehmen Renditenachteile entstehen, da auf Industrien gesetzt wird, deren Gewinne sich beispielsweise auf prekären Arbeitsbedingungen oder der Gratis-Entsorgung ihrer Abgase begründen. Solche Praktiken sind nicht mehr zeitgemäß und werden mittelfristig von der Politik, aber auch vom Verbraucher abgestraft.“
Andererseits hätten besonders nachhaltige Unternehmen durch die aktuelle Fokussierung auch hohe Bewertungen, was die Rendite-Erwartung negativ beeinflusse. Kick: „Eine seriöse Aussage dazu, welcher dieser beiden Effekte überwiegt, kann schlichtweg heute nicht gegeben werden.“