Der US-Amerikaner Rob Galbraith, auch als der „Most Interesting Man in Insurance“ bezeichnet, bietet mit seinem Buch „The End of Insurance As We Know It“ nicht nur einen Aufsehen erregenden Titel, sondern kann auch mit Inhalt punkten. Auf dem Buchcover prangen hinter Galbraiths Namen die Kürzel CPCU, CLU und ChFC (ein Ausdruck der amerikanischen Vorliebe für Titel), weshalb ich meine Buchbesprechung auch mit einem Kürzel beginne: Rob Galbraith, HDGDL. Warum? Das belege ich in diesem Artikel.
Dafür gilt es zwei Dinge zu unterscheiden: Das Werk und dessen Botschaft. Beim Inhalt des Buches bin ich 1:1 d‘accord mit Galbraith und seinen Aussagen – die Form an sich ist in meinen Augen aber nicht ganz rund.
Beginnen wir mit dem, was schneller geht, der Form: Auf knapp unter 300 Seiten sind alle wichtigen Themen, die unsere Branche aktuell bewegen und bald bewegen werden, aufgenommen worden. Dabei wird viel Wortmenge aufgewendet, die es erschwert, die hervorragenden Kernaussagen zu synthetisieren, wenn man nicht aufmerksam liest.
Das Buch können Sie etwa bei Amazon bestellen

Mein Tipp:
Eine fünf- bis maximal zehnseitige Zusammenfassung der Inhalte erstellen und als Whitepaper anbieten. Dann werden sich auch obere Führungsebene und Vorstände der Assekuranz die Zeit nehmen, diese wichtigen Themen zu begutachten. Mit dem aktuellen Umfang wird in unserer Top-down-Kultur nicht genug Durchsatz erreicht werden, in der man sich die Zeit der Mächtigen verdienen muss. Der Inhalt Galbraiths hat Potenzial – für das Top-Level aber braucht es eine differente Form.
Zum Inhalt:
Für mich wichtigstes Element sind die sogenannten sieben zentralen Fehler der Assekuranz
- Policen sind vielfach zu teuer
- Vertragsbedingungen sind verwirrend
- Das System ist einfach auszutricksen
- Hohe Kapitalbindung durch Versicherungsbeiträge
- Nicht alle Schadenarten sind versichert
- Nicht alle Gegenstände sind versichert
- Nicht jede Person ist versichert
Eine kurze Erläuterung der „7 fatal sins“, wie Galbraith sie nennt, finden Sie hier als kostenfrei verfügbares PDF.
Anzumerken sind inhaltliche Zusammenhänge der sieben Punkte; es ist daher möglich, sie auf vier Punkte zu reduzieren:
- Teure, viel Kapital bindende Policen
- Verwirrende Vertragsbedingungen
- Einfach manipulierbares System
- Nicht allumfassende Deckung durch den Versicherungsvertrag
Spannend finde ich den Punkt, dass Galbraith im Buch anführt, dass eine alle Schadenarten umfassende Deckung für die allermeisten Versicherten schlicht zu teuer ist. Dies widerspricht der obigen Aufstellung nicht – denn bei den sieben zentralen Fehlern erläutert er im Buch deutlich, dass sie nicht einfach zu beheben sind, weil sie dem System innewohnen.
Millennials, Insurtechs und Venture Capital sollen gemeinsam dazu in der Lage sein, an einer oder mehrerer dieser Stellen erfolgreich anzusetzen. Eine echte Disruption ist aufgrund von Kapitalbedarf, Regulatorik und Marktbeschaffenheit nicht so einfach, wie es Branchenexterne oft ignoranterweise denken. Deshalb haben in den vergangenen Jahren viele Insurtechs erfolglos versucht, sich mit der Branche anzulegen – von den kompetitiven Insurtechs sind kaum welche übrig, es überleben fast ausschließlich die kooperativen. Für Galbraith ist die Versicherungspolice das perfekte digitale Produkt – wenn man dazu in der Lage ist, die zentralen Hürden dafür zu nehmen.
Als diese Hürden identifiziert er vor allem das Customer Engagement bei einem Produkt, das für ein solches wenig gemacht ist – abschließen, haben, vergessen. Doch es gilt, hier Mehrwert zu bieten: Bindung, Vertrauen, Transparenz zu erreichen und ein Kundenerlebnis zu etablieren. Für Galbraith sind dafür P2P-Insurance und Blockchain wichtige Treiber, ebenso Telematik, Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz/Machine Learning, Cloud-Nutzung, Digital Marketing, Chatbots, Big Data und Robotic Process Automation. „KPI is the API“ schreibt er. In diesen vier Worten steckt ein Universum von Wahrheit. Das bedeutet in der Langfassung: Key Performance Indicator is the Application Programming Interface. Oder auf Deutsch eben: Die Programmierschnittstelle ist der zentrale Leistungsmesser.
Und weshalb machen wir es dann nicht einfach so? Die etablierten Versicherer haben eine ganze Reihe von Vorteilen auf ihrer Seite (Kapital, Marktmacht, Erfahrung, zahlreiche und top ausgebildete Mitarbeiter), aber auch einige Nachteile für Innovation (Trägheit, Konservativismus, Top-down-Führung, den Kunden mehr versprechen, als man hält, Kurzzeitdenken vor allem im Vertrieb). Deshalb sieht Galbraith die nachkommenden Talente (insbesondere der Millennials) als wichtiges Element an, zusammen mit der Innovationskraft der Insurtechs und Geldern aus Venture Capital, das diese fördert.
Parallele Systeme
Die Veränderung unserer Branche wird nicht über Nacht kommen, schreibt Galbraith. Das bisherige System und eine neue Art von Versicherung (mit Big Data, Telematik, Pay-as-you-live, Blockchain) werden über Dekaden nebeneinander existieren, ohne sich binnen weniger Jahre zu kannibalisieren. Damit widerspricht er all denjenigen, die eine kurzfristige Disruption der Branche binnen weniger Jahre sehen. Dafür bekam er von mir auch am Anfang das HDGDL (hab dich ganz doll lieb): Es muss nicht immer das Horror-Szenario sein, vor dem es sich zu fürchten gilt.
Ich wünsche mir von unserer Branche, dass sie ihren aktuellen Kurs der eintretenden Öffnung konsequent beibehält: den Dialog mit Insurtechs und „jungen Wilden“ suchen, nicht mehr den Satz, „Das haben wir immer schon so gemacht“ verwenden, das Phlegma ad acta legen, dass man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen muss. Wir befinden uns in einer spannenden Zeit! Die Zeichen stehen auf Kooperation, das Insurlab Germany, AMC-Forum, Versicherungsforen Leipzig und diverse andere Netzwerke sind das beste Beispiel. Ich bin ein bekennender Fan unseres Miteinanders. Machen wir genau so weiter – mit offenem Visier.
Über den Autoren
Die Vorteile von Digitalisierung und digitaler Transformation in Vertrieb und Marketing nutzbar machen – das ist die Mission von Sebastian Heithoff. Der Berater mit zwölf Jahren Versicherungs- und Marketing-Erfahrung leitet bei der auf Banken und Versicherungen spezialisierten Digitalagentur .dotkomm gesamtverantwortlich einen operativen Bereich.