Interview zur Nachhaltigkeit

„Die Zukunft der Versicherungsbranche ist grün“

Das Thema Nachhaltigkeit hat bei vielen Versicherern bislang kaum eine Rolle gespielt. „Grün versichert“ ist 2014 angetreten, das zu ändern. Im Herbst hat das Unternehmen eine exklusive Kooperation mit der One Versicherung geschlossen. Wir sprachen mit „grün versichert“-Geschäftsführer Andreas Maul und One-Chef Oliver Lang über die Partnerschaft, grüne Policen und die Vision einer nachhaltigen Versicherungsbranche.
© grün versichert/One
Andreas Maul (links) ist Geschäftsführer von „grün versichert“, Oliver Lang ist Chef des Maklerversicherers One.

Pfefferminzia: Was macht eine grüne Versicherung im Vergleich zu einer konventionellen aus?

Andreas Maul: Unsere „grün versichert“-Policen unterscheiden sich in drei Punkten von herkömmlichen. Wir garantieren den Kunden, dass ihre Prämien ausschließlich in nachhaltige Kapitalanlagen wie Ökofonds fließen. Im Schadenfall bieten wir eine Mehrleistung von bis zu 60 Prozent, wenn der Versicherungsnehmer für die Schadenregulierung nachhaltige Unternehmen beauftragt oder auf besonders umweltfreundliche Produkte setzt. Und wir pflanzen für jeden Neuvertrag einen Baum über die We-Forest-Foundation. Aktuell stehen wir weltweit bei knapp 40.000 Bäumen.

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Wie sorgen Sie für Transparenz?

Maul: Die One Versicherung als unser exklusiver Produktgeber legt uns einen detaillierten Rechenschaftsbericht vor, was mit dem Geld der Kunden geschieht. Um zusätzlich Transparenz zu schaffen, informieren wir unsere Kunden auf unserer Internetseite, in welche Anlagen die Prämien fließen. Wir sind der erste Versicherungsmakler, der vom Deutschen Institut für Nachhaltigkeit zertifiziert wurde.

Welche grünen Versicherungen bieten Sie an, welche sollen noch kommen?

Maul: Aktuell haben wir Kfz-Haftpflicht-, Hausrat- und Privathaftpflichtversicherungen im Angebot. Wir arbeiten daran, das Portfolio deutlich auszubauen.

Oliver Lang: Im Lauf des Jahres werden weitere grüne Angebote wie Wohngebäude-, Unfall-, Tierhalterhaftpflicht- und Rechtsschutzversicherungen hinzukommen.

Wie wirkt sich das nachhaltige Konzept auf die Höhe der Versicherungsprämien aus?

Maul: Wir liegen im Schnitt zwischen 8 und 15 Prozent über den Tarifen für herkömmliche Policen. Anders ist das bei der Kfz-Haftpflichtversicherung. Unser Tarif kann dort sogar günstiger sein als konventionelle Versicherer. Bei Check24 standen wir schon mal auf Platz 5 oder 6. Im Kfz-Bereich planen wir aktuell ein neues Angebot für unsere Kunden.

Welches?

Lang: Wir bieten Versicherten in Kürze eine Kompensation für den CO₂-Ausstoß ihres Autos an. Die Höhe richtet sich nach der Jahreskilometerleistung, die wir ja aus dem Vertrag kennen. Wir schlagen die Abgabe auf den Preis auf und führen sie an die Non-Profit-Organisation Atmosfair ab. Sie investiert das Geld in Umweltprojekte und sorgt so für CO₂-Neutralität.

Sind Sie sicher, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Trend ist, der vorübergeht?

Lang: Nachhaltigkeit ist sicher keine kurze Modeerscheinung. Die Branche muss nachhaltig werden, um die Wünsche der Kunden erfüllen zu können. Es kann nicht sein, dass unsere Produkte, die physisch ja gar nicht existieren, die Umwelt belasten. Das wollen wir gemeinsam mit „grün versichert“ ändern.

Maul: Wir haben es nicht mit einem Trend zu tun, sondern mit einem grundlegenden Wandel. Ich habe etliche Versicherungsgesellschaften kennengelernt, die das noch immer nicht verstanden haben. Wenn Vorstände so denken, sitzen sie am falschen Platz. Die Zukunft der Versicherungsbranche ist grün.

Sehen das die Versicherungskunden genauso? Bei der Auswahl der passenden Police geht es doch immer noch zuerst nach Preis und Leistung…

Maul: Das war früher einmal so. Unserer Erfahrung nach zählen bei der Produktauswahl längst auch andere Kriterien. Vielen geht es inzwischen um die Frage, wie ökologisch ein Produkt ist. Die Leute wollen wissen, wohin ihre Prämie fließt. Darum hat sich Nachhaltigkeit zum echten Verkaufsargument entwickelt. Niemand will mit seiner Prämie indirekt Kinderarbeit, Waffengeschäfte, Menschenrechtsverletzungen oder Umweltzerstörung unterstützen.

Wie sieht Ihre Zielgruppe aus?

Maul: Unter unseren Kunden sind überdurchschnittlich viele Akademiker. Dazu gehören beispielsweise Lehrer, Geschäftsführer, aber auch Vereine und Betriebe fragen unsere Produkte nach. Vor ein paar Tagen hat sich ein Autozulieferer aus Hamburg über uns grün versichert. Auch viele Eltern melden sich bei uns und sagen: Wir möchten uns für unsere Kinder grün versichern. Das Thema Nachhaltigkeit ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Damit steigt auch ihre Bedeutung in der Versicherungsbranche.

Welche Rolle spielt die „Fridays for Future“-Bewegung für nachhaltige Versicherungen?

Lang: Sie beflügelt die Nachfrage nach grünen Produkten. Umgekehrt ist die „Fridays for Future“-Bewegung auch ein klares Zeichen dafür, dass sich das Denken in der Gesellschaft verändert hat.

Werden grüne Policen also künftig eher die Regel als ein Nischenprodukt sein?

Lang: So weit würde ich für die nähere Zukunft nicht gehen. Aber die Bedeutung grüner Versicherungen wird erheblich zunehmen. Das ist einer der Gründe für unsere langfristig angelegte Kooperation mit „grün versichert“.

Maul: Von einem Nischenprodukt kann man mit Blick auf nachhaltige Versicherungen schon heute nicht mehr sprechen. Zwischen 7 und 15 Prozent der Kunden würden gerne grüne Policen abschließen. Mit steigender Tendenz. Ich erlebe jeden Tag durch Mails und Anrufe von Interessenten, wie dynamisch sich die Nachfrage entwickelt.

Hat es sich unter potenziellen Kunden herumgesprochen, dass es überhaupt grüne Versicherungen gibt?

Maul: Da ist noch etwas Luft nach oben. Doch das Interesse an unseren Produkten ist schon jetzt groß. Über ein Wochenende gehen schon mal 1.100 E-Mails mit Nachfragen zu unseren grünen Produkten ein. Aber natürlich wollen wir „grün versichert“ und das Thema Nachhaltigkeit noch größer und bekannter machen.

Mit welchen Argumenten können Versicherungsmakler Kunden für grüne Policen interessieren?

Maul: Das beste Argument ist ganz einfach die Nachhaltigkeit der Produkte. Wer grüne Policen anbietet, hat ein Alleinstellungsmerkmal und ist damit klar im Vorteil. Ein Makler, der das nicht versteht, wird langfristig keine Chance haben.

Gibt es Pläne, den Vertrieb auszubauen?

Maul: In diesem Jahr noch nicht. Wir warten ab, wie 2020 läuft. Ohnehin machen wir alles digital über unsere Internetseite. Das ist unser Fahrplan fürs laufende Jahr. Unser Ziel ist es nicht, eine Vertriebstruppe aufzubauen.

Lang: One als Maklerversicherer bietet die nötige Vertriebsstruktur für „grün versichert“. 95 Prozent des Geschäfts gehen über unser Maklerportal, an das aktuell über 2.500 Makler angeschlossen sind. Jeder dieser Makler kann seinen Kunden sowohl „grün versichert“-Produkte als auch klassische One-Tarife anbieten. Das reine Endkundengeschäft läuft direkt über „grün versichert“.

Makler müssen also eine Kooperation mit One eingehen, um „grün versichert“-Produkte verkaufen zu können?

Lang: Das ist der übliche und unkomplizierte Weg. Um in das One-Maklerportal zu gelangen, benötigen Makler eine Direktanbindung. Dann steht ihnen unsere gesamte Produktpalette zur Verfügung.

Wann wird die gesamte Versicherungsbranche nachhaltig und klimaneutral sein?

Maul: Ich bin jetzt 58 Jahre alt und werden meinen Job noch 10 bis 15 Jahre machen. Ich hoffe, dass etwas passiert sein wird, bis ich abtrete. Das Ziel 2050, das beispielsweise die Allianz ausgegeben hat, ist nicht akzeptabel. Die Branche muss viel schneller grün werden.

Autor

Jens

Lehmann

Jens Lehmann ist diplomierter Publizist und Betriebswirt und arbeitet als freier Journalist und Autor in Hamburg. Er ist thematisch auf Wirtschafts-, Finanz- und Mobilitätsthemen spezialisiert. Seine Beiträge erscheinen in Publikationen großer Zeitungsverlage, Unternehmensveröffentlichungen sowie bei Pfefferminzia.

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