Interview-Serie Versicherung der Zukunft

„Insurtechs stellen die Branchenregeln völlig auf den Kopf“

Robert Heene, Vorstandsmitglied des Konzerns Versicherungskammer Bayern, erklärt den Vorteil sogenannter Ökosysteme für die Versicherungsbranche, wie sie funktionieren und warum Insurtechs dabei unverzichtbar sind.
© Versicherungskammer Bayern
Robert Heene ist Vorstandsmitglied des Konzerns Versicherungskammer Bayern.

Diese Interview-Serie wurde uns freundlicherweise von Roger Peverelli, Reggy de Feniks und Walter Capellmann zur Verfügung gestellt. Sie sind Initiatoren der Digital Insurance Agenda, eine Veranstaltung, die mehrmals im Jahr mit hochkarätigen Rednern über aktuelle Trends in der Versicherungswirtschaft informiert.

Es werden so viele unterschiedliche Definitionen für den Begriff „Ökosystem“ verwendet. Wie würden Sie ihn definieren?
Robert Heene: Wir glauben an Prävention. Aus diesem Grund hat die Schadensvermeidung für uns höchste Bedeutung. Wir suchen ständig nach Innovationen und digitalen Ideen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um unsere Produkte und Serviceleistungen weiter zu verbessern. Im Wesentlichen bringt ein Ökosystem alle relevanten Partner zusammen, die einen Beitrag zur Lösung einer bestimmten brancheninternen oder sogar branchenübergreifenden Herausforderung leisten. Zumeist fokussieren sie sich auf die Customer Journey und deren mögliche Optimierung. Das erleben wir zum Beispiel im Versicherungs- und Gesundheitssektor. In diesem Sommer ist der Pharmagigant Roche eine strategische Partnerschaft mit dem Insurtech Hub Munich eingegangen, um digitale Lösungen voranzutreiben, mit denen sich die tägliche Versorgung von Patienten verbessern lässt.

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Welche Trends sind Ihrer Ansicht nach die Motoren hinter der wachsenden Bedeutung von Ökosystemen?
Wenn wir das aus Kunden- und Service-Perspektive betrachten, müssen wir uns fragen – was bedeutet Service im Zeitalter der Globalisierung für den Versicherungssektor? Die allseits bekannten digitalen Unternehmen prägen die Service-Erfahrung und die Erwartungen der Kunden. Und nicht nur das, sie arbeiten bereits an datengetriebenen Versicherungsgeschäftsmodellen.

Konzerne wie Amazon haben sich auf dem Online-Marktplatz als Symbole für Relevanz und Reaktionsfähigkeit etabliert. Diese Marken definieren die Benchmarks für Kundenerfahrung, Service und die Erfüllung von Kundenbedürfnissen. Kunden erhalten Produkte oder Services ihrer Wahl, wann und wo sie wollen. An jedem beliebigen Tag. Das schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Um relevant zu bleiben und kundenzentrierte Angebote zu entwickeln, müssen wir über Branchengrenzen hinausblicken und verstehen, welche Probleme unsere Kunden zu lösen versuchen. Das „Denken in Ökosystemen“ ist der Schlüssel zu dem berühmten Blick über den Tellerrand und zur Erzielung des nötigen Wandels.

Sie erwähnen Unternehmen wie Amazon oder, breiter gefasst, die vielzitierten globalen digitalen Unternehmen. Wir hören oft die Frage: Wann wird die Versicherungsindustrie „Uber“-isiert?
Sicherheit ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, und das wird auch im digitalen Zeitalter so bleiben. Die größte Herausforderung für die Versicherungsindustrie liegt nach wie vor darin, ein Gefühl der Dringlichkeit in der eigenen Organisation zu erzeugen und tragfähige finanzielle Geschäftsmodelle zu hinterfragen.

Vielleicht hat die Versicherungsindustrie „Glück“, dass wir erst so spät von der Digitalisierung erwischt werden, oder zumindest später als andere. Auf diese Weise können wir aus den Fehlern lernen, die etablierte Unternehmen in anderen Branchen gemacht haben. Insbesondere im Einzelhandel gibt es eine Vielzahl von Unternehmen, die gezeigt haben, dass die Unfähigkeit, relevante Trends zu erkennen und das Geschäftsmodell entsprechend anzupassen, dazu führt, dass diese Unternehmen mit der Zeit von der Bildfläche verschwinden.

Die Herausforderung besteht also darin, nachhaltige Plattformen und Ökosysteme aufzubauen, die es den beteiligten Partnern ermöglichen, außerhalb der eingefahrenen Bahnen zu denken und Dinge zu tun, die auf diesem Marktplatz bisher nicht möglich waren.

Wie wichtig sind Insurtechs für die Entwicklung von Plattformen und Ökosystemen?
Insurtechs sind ein unverzichtbarer Partner für die Zusammenarbeit, vor allem, weil ihre smarten und wagemutigen Gründer keine Scheu haben, etablierte Geschäftsmodelle und Prozesse zu hinterfragen. Sie haben vielleicht keine jahrhundertelange Erfahrung, aber dadurch können sie, wie ich schon sagte, frei und ohne Scheuklappen denken. Sie haben datengetriebene Produkte entwickelt und eine Zeit bis zur Marktreife etabliert, die die „amazonifizierten“ Bedürfnisse der Kunden erfüllt.

Wir haben schon Projekte mit unterschiedlichen Insurtechs durchgeführt. Eines dieser Start-ups sticht allerdings besonders hervor: Zusammen mit FairFleet – einem Start-up für Drohnen-Dienstleistungen – haben wir Hagelschäden an Kirchen bewertet. Wir erhielten exzellente Schadenbilder in kürzester Zeit. Nach weiteren, erfolgreichen Einsätzen haben wir FairFleet als Service-Provider integriert. Insurtechs stellen die Branchenregeln völlig auf den Kopf.

Welches ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Erfolgsfaktor für die Entwicklung von Ökosystemen?
Sie brauchen eine solide Umgebung, um neue Geschäftsmodelle und Lösungen entwickeln und validieren zu können. Sie brauchen den Willen und die richtigen Leute der Branche, Investmentchancen sowie die Unterstützung von Institutionen der Forschung und Entwicklung, wenn Sie ein nachhaltiges Ökosystem aufbauen wollen. Das ist ein Grund, warum die Versicherungskammer den Insurtech Hub Munich mitbegründet hat. Durch seine Zusammenarbeit mit Start-ups, Unternehmen, Spitzenuniversitäten, Forschungszentren, Investoren und der Regierung, bietet er diese Umgebung.

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