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Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ging es mit den Zinsen in nur eine Richtung: bergab. Und zwar auf historische Tiefststände, wie die Rating-Agentur Assekurata beobachtet. Selbst Bundesanleihen mit 30-jähriger Laufzeit notieren mittlerweile im negativen Bereich. „Die Corona-Hilfspakete von Staaten und Europäischer Zentralbank drücken die Zinsen nach unten und zementieren sie auf Rekordtiefstständen“, sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata.
Dies setze die Lebensversicherer unter Zugzwang, da sie auch unter diesen schwierigen Bedingungen die Garantieversprechen bedienen und Mittel für die Zinszusatzreserven (ZZR) stellen müssten. Aber gerade bei letzterem verschaffen die Null- beziehungsweise Negativzinsen etwas Luft. Denn: Durch die neuerliche Talfahrt der Zinsen steigen die Bewertungsreserven in den Handelsbilanzen.
Dies ist ein wesentliches Ergebnis aus dem Ertragskraft-Garantie-Check (EKG-Check), den Assekurata in diesem Jahr zum fünften Mal durchgeführt hat. Dabei hat die Rating-Agentur zahlreiche Kennzahlen zu Ertrag, Sicherheit und Beständen von 70 Lebensversicherern untersucht.
Zu Jahresanfang hatte Assekurata prognostiziert, dass die Lebensversicherer der ZZR in diesem Jahr zwischen 9 und 11 Milliarden Euro werden zuführen müssen. „Angesichts des erneuten Zinsverfalls seit Ausbruch der Pandemie gehen wir nun vom oberen Ende dieser Spanne aus“, so Heermann. Um das zu bezahlen, müssen die Unternehmen aus ihren Kapitalanlagen einen Nettozins von gut einem Prozent erwirtschaften, zusätzlich zu den Erträgen zur Bedienung der eigentlichen Garantieverpflichtungen, haben die Analysten ausgerechnet.
Und: Geht man von anhaltenden Nullzinsen aus, steigt der Reservetopf bis 2030 auf ein Gesamtvolumen von knapp 170 Milliarden Euro. Das sind 15 Milliarden Euro mehr als bei den letzten Hochrechnungen zum Zinsniveau am Jahresanfang. „Mit dem Ende 2020 aufgebauten ZZR-Bestand von rund 85 Milliarden Euro hätten die Lebensversicherer also in diesem Szenario gerade einmal die Hälfte der Strecke geschafft“, rechnet Heermann vor. „Der Weg zur Ausfinanzierung ist damit weiter als gedacht.“
Anhand dieser Entwicklungen wird deutlich, dass der positive Effekt aus der 2018 eingeführten Korridormethode, mit der die Aufbaugeschwindigkeit der ZZR gedrosselt werden sollte, vom negativen Zinstrend wieder zunichte gemacht wird. Aus Sicht der Kölner Analysten ist daher ein sorgfältiges Ertragsmanagement wichtiger denn je.
Wie gut das die Lebensversicherer können, soll der EKG-Check von Assekurata vermitteln. In der aktuellen Studie hat Assekurata feststellt, dass die EKG-Quote 2019 im Marktdurchschnitt mit 512,49 Prozent um fast 100 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist. Heißt: Das Ertragsvolumen der Branche reicht im Extremfall aus, um die Rechnungszinsanforderungen im Geschäftsjahr 2019 mehr als fünf Mal zu finanzieren. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahr ist maßgeblich auf die gesunkenen Zinsen und den daraus resultierenden Anstieg der Bewertungsreserven in den HGB-Bilanzen zurückzuführen.
Für den weiteren ZZR-Aufbau in der Zukunft ist zu berücksichtigen, dass sich der Effekt gesunkener Zinsen schneller in den Bewertungsreserven niederschlägt als in der Zinszusatzreserve. Während der Referenzzins methodisch über mehrere Jahre in einem definierten Korridor bestimmt wird, wodurch sich die ZZR-Zuführungen vom aktuellen Marktzins entkoppeln, steigt der Marktwert von festverzinslichen Wertpapieren bei sinkenden Zinsen unmittelbar an, was in hohen bilanziellen Bewertungsreserven resultiert.Lebensversicherer können durch die Auflösung dieser Bewertungsreserven ihre ZZR-Zuführungspflicht bedienen, indem sie vorhandene festverzinsliche Anlagen aus ihren Kapitalanlagebeständen zu aktuell höheren Anleihepreisen verkaufen.
„Wenn die Bezugszinsen in den kommenden Jahren dauerhaft am Nullpunkt oder sogar darunter liegen, sehen wir in der kurzen Frist keine Gefahr für die Lebensversicherer“, betont Lars Heermann. „Dies sieht allerdings anders aus, wenn die Zinsen langfristig wieder steigen sollten und dann zu wenig Bewertungsreserven zur Deckung der ZZR-Zuführungen vorhanden sind.“
Um dieser Bedrohung entgegenzuwirken, kommen die Lebensversicherer aus Sicht von Assekurata nicht umhin, ihr Geschäftsmodell auf garantieärmere Produkte im Neugeschäft umzustellen, wie es auch der Marktführer Allianz zum kommenden Jahreswechsel angekündigt hat (wir berichteten). „Unter dem Strich verschaffen die höheren Bewertungsreserven den Lebensversicherern etwas mehr Zeit zum Umbau ihrer Geschäftsmodelle. Angesichts des massiven Zinsfinanzierungsbedarfs ist eine Neuausrichtung aber auch radikal notwendig“, betont Lars Heermann.
Assekurata-Geschäftsführer, Reiner Will, ergänzt: „Trotz niedriger oder sogar negativer Zinsen sehen wir Perspektiven für die Lebensversicherung, weil die Sparquote der Kunden in der Corona-Krise deutlich gestiegen ist. Mit Blick auf die Anbieter zeigt unsere EKG-Studie allerdings, dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen individuell sehr unterschiedlich sind.“
Grundsätzlich positiv sieht der Assekurata-Chef, wenn ein Lebensversicherer über eine breit gestreute Kapitalanlage mit substanziellen Bewertungsreserven und eine stabile und ausgewogene Ertragsstruktur verfügt. Hiervon profitieren dann nicht nur Altersvorsorgesparer, sondern auch die Kunden von Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen, da die Gefahr geringer ausfällt, dass der Versicherer zur Abwehr drohender Kapitalanalageverluste einen Teil seiner Risikoergebnisse querverrechnet.
„Wenn dies passiert, können die Beitragszahlungen der Kunden steigen, auch wenn der eigentliche Tarif sorgfältig kalkuliert und der Bestand insgesamt profitabel ist“, erklärt Will. „Und dass ein negatives Kapitalanlageergebnis keineswegs aus der Luft gegriffen ist, zeigt sich wiederum daran, dass viele Gesellschaften dies bereits heute vielfach nur durch die Auflösung von Bewertungsreserven vermeiden können.“
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