Vergoldete Drahtesel

Sind Fahrradvollkasko-Policen eine lohnenswerte Nische für Makler?

Klappriger Drahtesel war gestern: Auf deutschen Straßen und Radwegen sind immer hochwertigere Fahrräder unterwegs. Eine Folge: Vollkaskoversicherungen, die über den reinen Diebstahlschutz hinausgehen, boomen. Eine neue Nische für Maklerinnen und Makler?
© Jcomp/Freepik.com
Alt und klapprig? Keineswegs! Viele Deutsche sind heutzutage mit schicken und teuren Fahrrädern unterwegs.

Es kann durchaus Vorteile haben, in Remscheid zu wohnen. Die viertgrößte Stadt des Bergischen Landes verfügt nicht nur über ein Symphonieorchester und wird mit der 107 Meter hohen Müngstener Brücke von Deutschlands höchster Eisenbahnbrücke überquert. Nein: In Remscheid werden auch – gemessen an der Einwohnerzahl – so wenig Fahrräder geklaut wie in keiner anderen deutschen Großstadt. 45 Diebstähle auf 100.000 Einwohner verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2021. Zum Vergleich: Spitzenreiter Leipzig kommt auf 1.375 Delikte dieser Art. Schlechte Zeiten also für Vermittler von Fahrradversicherungen in der 112.000-Einwohner-City?

Noch mal nein: Denn beim Versicherungsschutz für Fahrräder geht der Trend seit einiger Zeit über die reine Absicherung gegen Diebstahl hinaus und hin zum umfassenden Vollkasko-Schutz. Hier in die Pedale zu treten, kann sich für Maklerinnen und Makler also lohnen. In Remscheid und anderswo.

Um den Grund für die jüngste Entwicklung zu erkennen, reicht ein Blick auf Straßen und Radwege: In Deutschland sind immer mehr Radler mit hochwertigen Zweirädern unterwegs, bis hin zu E-Bikes für mehrere Tausend Euro. Die aktuelle Branchenstatistik bestätigt diesen Eindruck. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes lag der durchschnittliche Verkaufspreis von Fahrrädern inklusive E-Bikes 2021 bei 1.395 Euro – fast 120 Euro mehr als im Jahr zuvor. Damit entsteht für viele Fahrradbesitzer aber ein Problem.

Denn die Hausratversicherung, die früher meist als ausreichender Schutz angesehen wurde, gleicht den Wert eines teuren Bikes nicht annähernd aus, wenn es gestohlen wird. Anders als eine moderne Vollkasko-Police leistet sie auch nicht bei Beschädigung von Fahrradteilen oder Sturzschäden.

Hausratpolice für sehr hochwertige Bikes nicht optimal

Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten, das Fahrrad zu versichern: über die Hausratversicherung oder eine separate Fahrradvollkaskoversicherung. Mit der normalen Hausratversicherung sind Räder im Haus oder in der Wohnung, in einer verschlossenen Garage, im Keller oder einem abgeschlossenen Fahrradschuppen gegen Diebstahl versichert. Aber auch nur dort. Wird das Rad an einem anderen Ort gestohlen, etwa am Bahnhof oder in der City, greift die Hausratversicherung nicht.

Dazu müsste die Police um einen entsprechenden Zusatzbaustein erweitert werden. Bei teuren Fahrrädern entsteht hier allerdings ein Problem: Im Rahmen der Hausratversicherung ist die Entschädigungssumme begrenzt, in der Regel auf höchstens 10 Prozent der Versicherungssumme. „Und das ist dann schon ein sehr guter Vertrag deutlich über dem Durchschnitt“, sagt Alexander Schwarze, Leiter Produktentwicklung bei der Ammerländer Versicherung, die als eine der ersten Gesellschaften eine Fahrradvollkaskoversicherung ins Portfolio genommen hat. „Einige Versicherer deckeln die Entschädigungssumme schon bei 3.000 Euro, andere bei 5.000 Euro“, so Schwarze weiter.

Die Fahrraddiebstahlklausel habe sich in den vergangenen Jahren sehr dynamisch entwickelt. Bei der Ammerländer Versicherung liege das Maximum jetzt bei 10.000 Euro. Seines Wissens gibt es aber auch noch Gesellschaften, die Verträge mit einer Nachtzeitklausel anbieten – das heißt, dass zwischen 22 und 6 Uhr kein Versicherungsschutz besteht.

Schutz auch bei Vandalismus, Verschleiß & Co.

Schwarze: „Generell sehe ich bei der Hausratversicherung die Gefahr, dass Kunden einen vermeintlich guten Schutz abschließen, sich aber nicht mit dem Kleingedruckten beschäftigt haben. Hier sind Maklerinnen und Makler in der Beratung gefordert. Zur Absicherung von mittel- und hochwertigen Rädern ist die Hausratversicherung sicher nicht optimal.“ Er empfiehlt daher ein entsprechendes Produkt wie die Fahrradvollkasko.

Gerade E-Bikes können gern mal einen mittleren fünfstelligen Betrag und mehr kosten. Fachleute raten deshalb dazu, neben der Hausratversicherung eine zusätzliche Fahrradversicherung abzuschließen, die umfangreiche Diebstahlrisiken angemessen abdeckt – oder gleich zu einer Vollkasko-Police. „Immer mehr Fahrradbesitzer wünschen sich einen Schutz auch bei Vandalismus, Unfällen, Rost, Verschleiß, Sturzschäden, Konstruktionsfehlern und technischen Fehlern“, haben die Experten des Online-Magazins „fahrradmagazin.net“ festgestellt. Zum Eindämmen dieser Risiken sei gerade bei teuren Fahrrädern die Vollkaskoversicherung eine Überlegung wert, so die Bike-Fachleute.

Das sehen offensichtlich viele Fahrradbesitzer ebenso. Der Münsteraner Digitalversicherer Andsafe brachte im April 2021 erstmals eine Police mit Diebstahl- und Vollkaskoschutz auf den Markt. Erfahrungen bisher? „Unsere Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen“, zieht René Werner, Leiter Produktentwicklung und Schadenmanagement, ein erstes Fazit. „Nach zwei Monaten hatten wir Stückzahlen erreicht, mit denen wir eigentlich erst am Jahresende gerechnet hatten.“ Im Frühjahr 2021 sicherlich auch noch durch Corona getrieben, sei der Boom bis heute ungebrochen, so Werner.

Besonders gefragt ist ein Rundum-sorglos-Schutz, den Andsafe als Dreierpack mit den Elementen Diebstahl, Reparatur  und Verschleiß sowie einem Schutzbrief inklusive weltweiter Mobilitätsgarantie und Pannenhilfe anbietet. Werner: „Bei 95 Prozent der versicherten Räder handelt es sich um Neufahrräder und bei 60 Prozent um E-Bikes.“

Wichtig sind die Details

Logisch: Gerade Besitzer solch teurer Zweiräder schätzen beim Vollkaskoschutz die Abdeckung sämtlicher Sachsubstanzschäden. Bei den Beiträgen gibt es je nach Region, Art des Rades und der Leistungsstärke des Tarifs naturgemäß große Unterschiede. Vergangenen Sommer hat die „Stiftung Warentest“ 107 Fahrradversicherungen unter die Lupe genommen. Danach gab es im braven Remscheid den reinen Diebstahlschutz für ein 1.500-Euro-­Rad schon ab 32 Euro, für ein 4.000 Euro teures E-Bike ab 40 Euro jährlich. Umfassenderer Schutz bis hin zu Vollkaskoleistungen kann ebenfalls unter 100 Euro, aber auch mehrere Hundert Euro im Jahr kosten.

Doch Achtung: In der Beratung sollten Maklerinnen und Makler unbedingt auf die Details achten. „Schauen Sie im Kleingedruckten auf mögliche Ausschlüsse“, rät Alexander Schwarze von der Ammerländer Versicherung. Ein Knackpunkt sei häufig das Schloss. „Manche Versicherungen leisten bei Diebstahl nur, wenn das Rad an einen festen Gegenstand angeschlossen war. Andere schreiben Schlösser zu einem Preis von mehr als 50 Euro oder von bestimmten Herstellern vor“, erläutert Schwarze.

Auch bei der Ammerländer Versicherung gibt es eine Einschränkung: Hier darf es kein Zahlenschloss sein, will man im Falle eines Diebstahls abgesichert sein. Abgesehen davon sind alle Schlösser okay. Andsafe reicht ein „handelsübliches Schloss“. René Werner: „Wir glauben, dass wir die Auswahl des Schlosses nicht vorgeben müssen, sondern setzen auf die Vernunft der Kunden. Wer sich ein 8.000-Euro-Rennrad oder ein E-Bike zulegt, kauft sich eh kein 12-Euro-Schloss im Discounter.“

Lastenräder im Kommen

Noch ein relativ neuer Trend: Seit einiger Zeit haben Fahrrad-Versicherer die Zielgruppe um Unternehmer und Selbstständige erweitert. Sowohl Policen für Fahrräder, die Beschäftigte dienstlich (und privat) nutzen, als auch für logistisch eingesetzte, gewerbliche Lastenräder sind inzwischen im Angebot. Gelegentlich lassen sich Diensträder von Solo-Selbstständigen und Freiberuflern auch über private Tarife absichern.

Nicht versicherbar sind dagegen zulassungspflichtige E-Bikes mit Haftpflicht-Versicherungskennzeichen – also solche, die schneller als 25 Stundenkilometer fahren und das Bike ganz allein antreiben, ohne dass der Fahrer treten muss. Die gelten verkehrsrechtlich nämlich als Kleinkrafträder. Aber das wäre aus Versicherungssicht noch einmal ein ganz anderes Thema.

Autor

René Weihrauch arbeitet seit 35 Jahren als Journalist. Einer seiner Schwerpunkte sind Finanz- und Verbraucherthemen. Neben Pfefferminzia schreibt er für mehrere bundesweit erscheinende Zeitschriften und international tätige Medienagenturen.

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