Kaum noch Dienstreisen, viele Mitarbeiter im Homeoffice – die Corona-Pandemie sorgte für deutlich weniger Autos auf den Straßen. Der Pendlerverkehr ging um rund 30 Prozent zurück. Laut Unfallstatistik wurden vergangenes Jahr 16,4 Prozent weniger Unfälle polizeilich erfasst. Was viele private Kfz-Versicherte angesichts rückläufiger Schadenzahlen daher auf günstigere Beiträge hoffen lässt, gilt in der Flottenversicherung nur bedingt. Denn hier brummte in bestimmten Branchen das Geschäft.
Durch den großen Anstieg der Online-Bestellungen etwa waren Kuriere und Paketdienste ebenso gefragt wie der Transport von Lebensmitteln. Manche Geschäftsmodelle änderten sich über Nacht. Eine Herausforderung für die Versicherer, die rasch individuelle Lösungen finden mussten – in einer Produktsparte, die seit Jahren als defizitär gilt und die im vergangenen Jahr 3,8 Milliarden Euro Beitragsvolumen umfasste, also knapp ein Siebtel des Kfz-Versicherungsmarktes.
Unternehmen legten indes Fahrzeuge still, soweit das bei geschlossenen Zulassungsstellen möglich war. „Wir haben unseren Flottenkunden eine kulante Verfahrensweise angeboten, beispielsweise die beitragsfreie Ruheversicherung ohne Abmeldung und vorgezogene Auszahlungen aus Gewinnbeteiligungen“, nennt Vittorio Ghezzi, Gruppenleiter Kraftfahrt Underwriting und Vertrieb bei der R+V Versicherung, umgesetzte Lösungen.
Individualität tut not, denn der Markt für Flottenversicherungen unterliegt vielen Besonderheiten. „Dort sind alle Entwicklungen stets früher und schneller festzustellen, da die Haltedauer der Fahrzeuge kleiner und die Neuwagendichte größer sind“, betont Niko Hennig, Abteilungsleiter Produktbereich Schaden/Unfall der Itzehoer Versicherungen. Die Anforderungen der Flottenbetreiber an den Deckungs- und Servicebedarf sind zudem oft sehr individuell ausgeprägt. „Dies vermindert den Standardisierungsgrad in der Vertrags- und Schadenbearbeitung, gestaltet die Prämienkalkulation komplexer und erfordert einen hohen Grad an Erfahrung“, so Tönnjes Eller, Leiter Kraftfahrt Gewerbe bei den VHV Versicherungen.

Was Versicherern mitunter Kopfzerbrechen bereitet, gestaltet sich aus Sicht der Makler anders. Gerade kleine und mittelständische Firmenkunden mit Kleinflotten von wenigen Fahrzeugen sind eine Zielgruppe mit viel Potenzial. Bestehen doch dort vielerorts Deckungslücken und Unkenntnis über den Qualitätsstandard moderner Flottentarife. „Die Kunden erwarten neben wettbewerbsfähigen Prämien oftmals eine enge Betreuung, persönlichen Kontakt zum Underwriter und ein Top-Schadenmanagement“, sagt Günter Schätzle, Bereichsleiter der Ergo für das Kfz-Individualgeschäft. Im Reparaturfall ist ein Werkstattservice mit kostenlosem Hol- und Bringservice sowie einem Ersatzfahrzeug Standard.
Die übliche Prämienberechnung erfolgt über Stückprämien, bei denen für jedes Fahrzeug der gleiche Preis veranschlagt wird. Ausstattung oder Leistung spielen keine Rolle. Alternativ gibt es Pauschalprämien mit Schadenfreiheitsrabatten für die komplette Flotte mit deutlich reduziertem Verwaltungsaufwand. Zahlreiche Zusatzbausteine wie zum Beispiel eine Deckungserweiterung für Brems-, Betriebs- und Bruchschäden oder eine Eigenschadenversicherung für Zusammenstöße zweier Fahrzeuge derselben Flotte runden das Angebot ab.
Eine jährliche Überprüfung des Versicherungsschutzes ist in jedem Fall angeraten, zudem insbesondere der Wettbewerb um Kleinflotten härter wird. Wie in der privaten Kfz-Versicherung können auch Flottenversicherungen jeweils zum 30. November gewechselt werden. Laut Angaben von Dataforce wechselte etwa in den fünf Jahren bis 2017 jeder fünfte Kunde, wobei die Wechselbereitschaft umso größer war, je mehr Fahrzeuge versichert waren.
Anders als in der privaten Kfz-Sparte gibt es jedoch kein vergleichbares standardisiertes Tarifwerk für die Flottenversicherung. „Es gibt vom GDV zwar einen Flottentarif, der aber wenig differenzierend ist. Die Anforderungen der Flottenkunden sind sehr unterschiedlich, was den gewünschten Leistungsumfang angeht, sodass ein einheitlicher GDV-Tarif dem nicht gerecht wird“, sagt Frederik Waller, Abteilungsleiter Maklervertrieb Itzehoer Versicherungen.
Das Problem: Aufgrund der Besonderheiten jeder Flotte kann eine Prämienkalkulation nur auf Basis der individuellen Schadensituation erfolgen. „Würde man hier Tarifgruppen schaffen, würde dies zu einer negativen Risikoselektion führen. Das bedeutet, dass gute Risiken zu viel zahlen und zur Konkurrenz abwandern und schlechte Risiken ungerechtfertigt subventioniert würden“, erläutert Timon Schneider, Spezialist für Flottenversicherung der Zurich. Daher müssten Flottentarife derzeit auf Basis der Informationen aus den Schadenfällen der GDV-Meldestatistik erstellt und kalkuliert werden, deren Aussagewert dafür begrenzt ist.
„Die grundlegende Schwierigkeit bei der Entwicklung neuer Tarifmerkmale besteht darin, den kausalen Zusammenhang von sich nicht gegenseitig beeinflussenden schadenauslösenden Faktoren zu erkennen, zu erklären und statistisch nachweisbar zu quantifizieren“, sagt Thomas Winkler, Chief Underwriter Kraftfahrt der Gothaer Versicherung, der über das Thema promoviert hat. Die relativ kleinen Versicherungsbestände und kurzen Beobachtungszeiträume erschweren dieses Vorhaben zusätzlich.
Die VHV etwa bietet bei kleineren Flotten mit weniger als fünf Fahrzeugen neben dem klassischen Tarif mit Schadenfreiheitsrabatt auch Stückbeitragslösungen für bestimmte Zielgruppen an. „Für eine Kalkulation auf Branchen- oder Verbandsebene sind allerdings die verfügbare Datenmenge zu gering und die statistische Varianz zu groß für eine risikogerechte Beitragsspreizung, als dass sich zum heutigen Zeitpunkt allgemeingültige Tarife im Flottengeschäft ohne Betrachtung des individuellen Schadenverlaufes berechnen lassen“, so Eller.
Und die Schäden werden durch technische Entwicklungen und medizinische Fortschritte immer teurer: „Etwa durch die Komplexität bei Scheinwerfern, Frontscheiben oder die Weiterentwicklung der Prothetik. Dies führt zu Sicherheits- und Komfortverbesserungen, aber eben auch zu höheren Kosten“, betont Zurich-Flottenspezialist Schneider.
Viele Flottenbetreiber versuchen, ihre Schäden zu senken, um Folgekosten für den eigenen Betrieb zu minimieren. Denn Umsatzverluste, Wertminderungen oder Lohnfortzahlungen übernimmt kein Flottenversicherer. „Als Trend im Flottenbereich sehen wir zudem eine weitere Zunahme von Fahrerassistenzsystemen sowie einen verstärkten Fokus auf alternative Mobilitätskonzepte“, so R+V-Underwriter Ghezzi. Die R+V hat autonomes Fahren und Cyber-Risiken bereits in ihren Versicherungsbedingungen berücksichtigt.
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