August 1928. Der Schotte Alexander Fleming macht Urlaub in Frankreich. Als er wieder nach Hause kommt, bemerkt er, dass er einige Petri-Schalen vergessen hat zu entsorgen. Fleming forscht nach Möglichkeiten, Bakterien abzutöten. Dabei setzt er Stphylococcus Aureus ein. Dieser Keim kommt in der Natur fast überall vor. Auch auf der Haut und in den Schleimhäuten von uns Menschen. Meistens handelt es sich um eine reine Kolonisation, die keine Krankheit auslöst. Nimmt das Bakterium jedoch überhand, oder das Immunsystem ist geschwächt, so kann es Haut- oder Herzentzündungen auslösen. Auch eine Lungenentzündung und im schlimmsten Fall eine Sepsis (Blutvergiftung) sind möglich.
Altes Wissen neu entdeckt
Gerade als Fleming die Schalen wegwerfen will, bemerkt er ein Muster von Flecken. Diese wurden vom blaugrünen Brotschimmel Penicillium ausgelöst. Dort wo dieser Schimmelpilz gedeiht, können die Staphylokokken nicht wachsen. Der Schimmelpilz sondert einen Stoff ab, der Bakterien abtöten kann. Einige Monate später gelingt es dem Schotten, diesen Stoff zu isolieren. Er nennt ihn Penicillin. Das erste Antibiotikum ist gefunden. Doch genau genommen hat Alexander Fleming das Antibiotikum gar nicht entdeckt. Bereits die alten Ägypter, Chinesen und die Indios in Zentralamerika behandelten infizierte Wunden seit jeher mit Schimmel. Das wusste man seit dem 17. Jahrhundert. Jedoch erst durch die Forschungen von Fleming wurde die Wirkung in der westlichen Wissenschaftswelt bekannt.
Der Siegeszug der Antibiotika
Im ersten Weltkrieg starben mehr Menschen an bakteriellen Infekten, als in den Schlachten selbst. Mit der Entdeckung der Antibiotika konnten diese Todesfälle deutlich reduziert werden. Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs stieg der Bedarf an Antibiotika. In den 1950er Jahren setzten diese Medikamente ihren Siegeszug fort. Sie waren so effektiv bei der Behandlung von Krankheiten, dass sie nun immer häufiger eingesetzt wurden. Die Menschheit erklärte den Bakterien den Krieg. Bakterielle Infektionskrankheiten, besser gesagt: ihre mikrobiellen Auslöser, sollten regelrecht ausgerottet werden. In vielen Bereichen und Ländern gelang dies auch. Auch in der Bevölkerung sprach sich die gute Wirksamkeit herum, und bei jeder noch so kleinen Erkrankung wurden Antibiotika eingesetzt. Schließlich wollte man möglichst schnell wieder gesund werden. Selbst bei viralen Erkrankungen wurden und werden Antibiotika häufig verschrieben, obwohl sie bei Viren keinerlei Wirkung haben.
Resistenzen – die Bakterien schlagen zurück
2014 wurden allein in Deutschland rund 800 Tonnen Antibiotika in der Humanmedizin eingesetzt. Oftmals kommen dabei Breitbandantibiotika zur Verwendung. Diese visieren nicht wie ein Scharfschütze gezielt ein Ziel, sondern machen alle Mikroben „platt“, die ihnen in den Weg kommen. Ein regelrechtes Flächenbombardement. Egal, ob Freund oder Feind. Das ist ein großes Problem. Denn mit jedem Einsatz überleben auch ein paar Bakterien, die resistent gegen dies Antibiotika sind. Während die anfälligen Mikroben sterben, machen sie den resistenten nun ordentlich Platz, um sich auszubreiten. In der Folge braucht man immer höhere Dosen oder immer neue Medikamente. Jedoch hinkt inzwischen die Entwicklung neuer Wirkstoffe den entstehenden Resistenzen der Bakterien deutlich hinterher. So können Krankheiten, die in weiten Teilen der Welt als ausgerottet galten, sich wieder ausbreiten – stärker als zuvor, denn die uns zur Verfügung stehenden Medikamente wirken nun bei ihnen nicht mehr.
Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft
Antibiotika finden jedoch nicht nur ihre Verwendung in der Medizin. In der Massentierhaltung wird noch viel mehr davon eingesetzt. Über 1.450 Tonnen waren es allein in Deutschland im Jahr 2013. Der Grund dafür ist nicht nur die enge Haltung in geschlossenen Ställen, die die schnelle Ausbreitung von Infektionen fördert. Antibiotika sind auch ein Mastmittel, das die Tiere schneller wachsen und größer werden lässt. Deshalb werden in der Intensivtierhaltung geringe Mengen dieser Medikamente dem Trinkwasser zugeführt. In der EU ist der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast zwar seit mehreren Jahren verboten. Doch wird dieses Verbot oftmals umgangen, indem die Tiere als krank definiert werden, um Antibiotika wieder verabreichen zu können. Deutschland hat deshalb 2018 die Regelungen weiter verschärft.

Die Wirksamkeit der Antibiotika lässt nach
Die Antibiotika geraten durch die Ausscheidungen der Tiere in unsere Gewässer, etwa wenn mit Gülle Felder gedüngt werden. Außerdem geht das Mittel ins Fleisch über. So nehmen wir auch ohne Rezept regelmäßig geringe Mengen dieser Medikamente zu uns. Das ist ein großes Problem. Der eingangs erwähnte Stphylococcus aureus kommt regelmäßig auf der Haut und in Schleimhäuten beim Menschen vor. Dort ist der Erreger harmlos, so lange er nicht in die Blutbahn eintreten kann und das Immunsystem nicht geschwächt ist. Auch bei Nutztieren kommt er vor. Werden hier nun große Mengen Antibiotika eingesetzt, werden immer mehr dieses Bakteriums gegen immer mehr Medikamente resistent. So entstand der gefürchtete Krankenhauskeim MRSA (Methicillin-resistenter Stphylococcus aureus). Dieser kann von Mensch zu Mensch übertragen werden. Um Betroffene im Falle einer Infektion behandeln zu können, müssen Reserve-Antibiotika eingesetzt werden. Die noch wirksamen gehen uns jedoch langsam aus.
Ein Umdenken ist notwendig
Seitdem es Menschen gibt, sind sie von Bakterien besiedelt. Sie leben auf unserer Haut, in unseren Schleimhäuten, unserem Mund, unserer Nase und vor allem in unserem Darm. Seit einigen Jahren erkennen wir immer mehr, wie wichtig diese Bakterien für uns sind. Sie helfen uns dabei, Nahrung zu verdauen, die für uns sonst unverdaulich wäre wie zum Beispiel Ballaststoffe. Die Mikroben produzieren für uns lebenswichtige Vitamine, die wir selbst nicht herstellen können und Stoffe wie Butyrat (Salze der Buttersäure). Butyrat dient den Zellen unserer Darmschleimhaut als Nahrung und hält diese damit gesund und funktionsfähig. Bakterien trainieren unser Immunsystem, damit es nicht überreagiert und sie schützen uns vor krankmachenden Keimen. Ist unsere Darmschleimhaut mit den Mikroben besiedelt, die dort hingehören, lassen sie den ungewünschten kaum Raum zum Wachsen.
Nützlich und schädlich – Bakterien haben viele Funktionen
Weiterhin gibt es Bakterien wie Viridans-Streptokokken. Ursprünglich wurden sie für Krankheitserreger gehalten, da sie Herzklappeninfektionen auslösen können. Heute wissen wir, dass sie zu den üblichen Bewohnern in unserem Mund gehören und nur dann problematisch werden, wenn sie in die Blutbahn gelangen und auf eine bereits geschädigte Herzklappe treffen. Interessant an dieser Streptokokken-Art ist, dass sie eine andere krankmachende Art (Streptokokken der Gruppe A) verdrängen. Diese lösen unter anderem Halsentzündungen, Entzündungen der Nasennebenhöhlen und Scharlach aus. Bleiben die Viridans dort, wo sie hingehören, beschützen sie uns also, obwohl sie auch Krankheiten auslösen könnten.
Tipps zum richtigen Umgang mit Antibiotika
Gibt es also überhaupt gute und böse Bakterien? Immer mehr erkennen wir, dass es weniger um gut und böse als um die richtige Balance der Mikroben untereinander geht. Weiterhin, dass sie sich am richtigen Ort befinden. Führen wir jedoch bei jeder geringsten Erkrankung mit Antibiotika einen Generalangriff auf unser Mikrobiom, zerstören wir diese Balance und schaden uns damit letzten Endes selbst. Fehlen uns die richtigen Bakterien in der richtigen Menge an der richtigen Stelle, schwächen wir unsere Immunabwehr, werden damit anfälliger für krankmachende Keime und brauchen noch mehr Antibiotika. Ein Teufelskreislauf, aus dem wir dringend ausbrechen sollten. Jeder kann hierzu beitragen:
Wie in der Persönlichkeitsbildung geht es beim Umgang mit Bakterien in den meisten Fällen nicht darum, an unseren Schwächen zu arbeiten und die „bösen“ Bakterien zu bekämpfen. Viel eher sollten wir unsere Stärken stärken. Also unsere schützenden Mitbewohner hegen und pflegen und endlich aufhören, diese pauschal zu bekämpfen. Mikroben gab es schon lange vor dem Menschen. Die meisten brauchen uns nicht zum Überleben. Wir sie aber schon!
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