Private Krankenversicherung

Verursachen Raucher in ihrem Leben mehr Kosten als Nichtraucher?

Raucher haben in der Regel eine geringere Lebenserwartung als Nichtraucher. Doch verursachen sie deshalb auch niedrigere Gesamtkosten in der privaten Krankenversicherung? Oder ist vielmehr das Gegenteil der Fall? Solche Fragen mögen unethisch erscheinen – doch für Versicherungsmathematiker sind sie entscheidend, um eine risikogerechte Prämie kalkulieren zu können. Hier kommen die Ergebnisse der Analyse.
© dpa/picture alliance
Ein Mann sitzt im Fischereihafen und raucht eine Zigarette. In der privaten Krankenversicherung muss der Risikofaktor „Rauchen“ sorgsam kalkuliert werden.

In Deutschland sterben jedes Jahr 110.000 bis 140.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum berechneten, dass ein Mann, der mehr als zehn Zigaretten pro Tag raucht, etwa 9,4 Jahre seiner Lebenserwartung verliert, eine Frau 7,3 Jahre.

Darauf weist die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe ihrer Verbandszeitschrift „Aktuar Aktuell“ (April 2019) hin. Demnach reduziert auch ein moderater Konsum von weniger als zehn Zigaretten pro Tag die Lebenserwartung bei beiden Geschlechtern immer noch um etwa fünf Jahre.

Mehr zum Thema

Wie viel Lebenszeit bestimmte Risikofaktoren kosten

Rauchen ist ungesund. Das ist bekannt. Wie ungesund Zigaretten tatsächlich sind, und wie viel Lebenszeit…

Deutsche können am zwanglosesten rauchen, trinken und essen

Hier geht es zum Ranking

Tabakkonzern Philip Morris startet Lebensversicherer

Der Tabakkonzern Philip Morris International (PMI), der unter anderem Marlboro-Zigaretten verkauft, startet einen eigenen Lebensversicherer…

Aktuare müssen gegenläufige Effekte berücksichtigen 

All dies habe selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Versicherungsleistungen in der Krankenversicherung, betonen die Versicherungsmathematiker – jedoch muss man hier genauer hinschauen, denn es ergeben sich „zum Teil gegenläufige Effekte“. 

Aber der Reihe nach: Ein Raucher verursacht zunächst einmal höhere jährliche Krankheitskosten als ein (gleichaltriger) Nichtraucher. Bei der Altersgruppe der 50- bis 60-jährigen Männer belaufen sich die Mehrkosten demnach auf 10 bis 15 Prozent. Grund hierfür sind erhöhte Erkrankungsrisiken durch die schädigende Wirkung des Nikotins.

Andererseits haben Raucher, wie die Autoren eingangs anmerkten, eine geringere Lebenserwartung als Nichtraucher. Daraus folgt: Auf die Gesamtversicherungsdauer bezogen, verkürzt sich bei Rauchern auch die Leistungsphase. 

Um diese beiden gegenläufigen Effekte zu beurteilen, gehen die Autoren kurz auf das Kalkulationsprinzip in der privaten Krankenvollversicherung ein. Hier gilt der Grundsatz: Mit dem Alter steigt das Krankheitsrisiko und folglich die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Das alles führt dazu, dass die sogenannten Kopfschäden mit dem Alter deutlich ansteigen. So verbrauchen beispielsweise 85- bis 89-Jährige 23 mal mehr Arzneimittel als 20- bis 24-Jährige, zitieren die Autoren der DAV aus dem Arzneiverordnungs-Report 2018 der gesetzlichen Krankenversicherung.

Allerdings sind die privaten Krankenversicherer per Gesetz dazu verpflichtet, eine konstante, also mit dem Alter gleichbleibende Prämie, kalkulieren. Dies wird erreicht, indem die Anbieter Rückstellungen für die mit dem Alter steigenden Kosten bilden. Bedeutet: Die so konstant kalkulierte Prämie fällt zu Beginn der Versicherungsdauer „zu hoch“ aus – der Mehrbeitrag wird der Alterungsrückstellung zugeführt. Mit fortschreitendem Alter entnehmen die Versicherer Mittel aus diesem Reservetopf, um die wachsende Kluft zu überbrücken.

Wie wirkt sich dieses Vorgehen nun auf die Versicherungsprämie für Raucher aus?

 

Zunächst gilt, dass Raucher in der Regel aufgrund ihrer kürzeren Lebenserwartung auch eine kürzere Versicherungsdauer aufweisen – und damit auch eine verringerte Ansparphase. Zugleich erhöhen sich aber die jährlichen Kopfschäden aufgrund der raucherbedingten Erkrankungen und deren Folgen. 

Zu beachten ist außerdem folgender Punkt: Die höchsten Krankheitskosten fallen bei den meisten Personen in den letzten Lebensjahren vor dem Tod an – dann treten die schweren Erkrankungen auf, die einer intensiven (stationärer) Behandlung bedürfen. Diese Beobachtung trifft sowohl für Raucher als auch für Nichtraucher zu, wie die Autoren betonen. Jedoch treten diese schweren Erkrankungen bei Rauchern im Vergleich zu (gleichaltrigen) Nichtrauchern früher auf, da Raucher im Durchschnitt früher sterben.

Kurzum: Bei der Bewertung des Faktors „Rauchen“ stellt sich nun die Frage, wer über die gesamte Versicherungsdauer höhere Kosten aufweist? Sind es die Raucher, die jährlich höhere Kopfschäden aufweisen, aber früher sterben oder die Nichtraucher mit ihren geringeren Kopfschäden pro Jahr, aber einer deutlich höheren Lebenserwartung? 

In ihrem Fazit liefern die Autoren dann endlich eine Antwort auf diese Frage, die man als eine Art „Unentschieden“ interpretieren könnte: 

Bei Untersuchungen von Versichertenkollektiven zeigte sich in der Vergangenheit kein signifikanter einheitlicher Effekt, der grundsätzlich höhere Prämien für Raucher rechtfertigen würde, heißt es. Und weiter: Auch wenn Rauchen gesundheitsschädlich sei, bedeute es nicht unbedingt, dass Raucher die private Krankenversicherung grundsätzlich stärker belasteten und auf die lebenslange Dauer bezogen mehr Kosten verursachten als Nichtraucher, betonen die Autoren.

Jedoch gebe es durch den medizinischen Fortschritt immer wieder neue Entwicklungen, so die Autoren, die zukünftig auch die Behandlungskosten oder die Lebenserwartung von Rauchern veränderten und somit zu einer anderen Bewertung des Risikos „Rauchen“ führen könnten.

In jedem Falle zeige dieses Beispiel aus Sicht der DAV, wie wichtig eine fundierte aktuarielle Bewertung der Risiken und deren Wirkung im Hinblick auf das Versicherungsprodukt, den vereinbarten Deckungsumfang und die versicherte Dauer sei. Erst dadurch werde eine risikogerechte und nachhaltige Prämienkalkulation für die Versicherten gewährleistet, schlussfolgern die Versicherungsmathematiker.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia