Prävention, Individualisierung, Ökosysteme

„Die Krankenversicherung muss sich neu erfinden“

Wie werden der demografische Wandel und die Digitalisierung die Krankenversicherung verändern? Darüber sprachen wir mit Jan Berger, Geschäftsführer der Denkfabrik 2b Ahead. Sein Fazit in aller Kürze: Es wird dramatisch.
© 2b Ahead
Jan Berger ist Geschäftsführer der Denkfabrik 2b Ahead.

Pfefferminzia: Wie wird sich der Gesundheitsmarkt in Deutschland in Zukunft angesichts des digitalen Wandels verändern?
Jan Berger: Der Gesundheitsmarkt in Deutschland unterliegt gleich zwei dramatischen Veränderungen. Die eine ist sicher der digitale Wandel. Die grundlegendere ist die Demographie. Kernbestandteil des deutschen Gesundheitsmarkts sind seit über hundert Jahren die Krankenversicherungen. Als dieses System geschaffen wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland bei 35 bis 38 Jahren. Heute liegt das Durchschnittsalter bei über 42 Jahren. Und Kinder, die heute geboren werden, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit 100 Jahre und älter. Gentherapien, die Alterungsprozesse in unseren Zellen verlangsamen, stoppen oder sogar reversibel machen, werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf den Markt kommen.

Also, wie leben wir so lange wie möglich gesund? An dieser Frage setzt insbesondere bei den Kassen, aber auch in der Pharmaindustrie und vielen anderen Gesundheitsbereichen ein Umdenken ein, das zu einer Abkehr von reiner Versorgung hin zur Prävention führt. Als das System der Krankenkassen in Deutschland geschaffen wurden, bestand ihr Ziel darin, ein erkranktes oder verletztes Mitglied so schnell wie möglich so gesund wie möglich zu machen. Das hieß in der Regel, den Menschen wieder arbeitsfähig zu machen. Von wirklicher Gesundheit konnte da keine Rede sein. Die Erkenntnis reift, dass es gesellschaftlich und wirtschaftlich verantwortlicher ist, uns Menschen gesund zu halten und Krankheiten zu vermeiden als viele Jahre Leiden mit teurer Medikation und aufwändigen Therapien zu lindern.

Was bewirkt der digitale Wandel?
Eine Ausdehnung des Begriffs Gesundheit. Früher war ich „gesund“, solange meine Ärztin mich nicht „krank“ schrieb. Die vielen Daten, die wir heute über den physischen und mentalen Zustand von Menschen erheben, führen dazu, dass ich je nach Tagesform nur zu 70, 80 oder 90 Prozent gesund bin. Wo fängt Gesundheit an? Ist es beim Essen, das ich zu mir nehme, hängt sie von der Matratze ab, auf der ich schlafe, gesundet mein Körper, wenn ich wandere oder schwimme, fühle ich mich nicht sogar gesund, wenn ich mit meinen Kindern herumtobe oder ihnen einfach nur dabei zuschaue? Jedes Smartphone ist in der Lage, diese Zustände in messbaren Größen auszudrücken. Und viele Menschen haben begonnen, diese Assistenten zu nutzen, um bewusster mit ihrer eigenen Gesundheit umzugehen. Sie sind informierter. Und damit entsteht ein gigantischer Gesundheitsmarkt, der weit über Leistungen hinausgeht, die der klassische Gesundheits- oder Versorgungsmarkt bisher angeboten hat. Das Wesentliche an diesem neuen Markt ist, dass er von Menschen genutzt wird, um auf sich angepasste individuelle Leistungen zu beziehen. Sie wenden sich zunehmend von Standardangeboten ab.

Vor welche Herausforderungen stellt das die Krankenversicherung? Muss sie sich neu erfinden?
Ja, das muss sie. Demographischer Wandel und informierte Menschen greifen die Grundlagen dessen an, wie das Solidarprinzip vor über 100 Jahren aufgebaut wurde und im Wesen heute noch existiert. Werden wir alle 100 Jahre alt, kämpfen aber ab Mitte 40 mit altersbedingten Krankheiten und Verschleiß-Erscheinungen an unserem Körper, sind Krankenkassen gezwungen, Leistungen für zwei Drittel oder mehr ihrer Kundschaft zu erbringen, die durch weniger als ein Drittel ihrer Mitglieder finanziert wird. Ein solches System ist nicht lebensfähig. Und besonders gesundheitsbewusste Menschen fragen aus ihrem Blickwinkel, warum sie in der Solidargemeinschaft die Behandlungen von Menschen mittragen müssen, die fahrlässig mit ihrer Gesundheit umgehen. Wir mögen solch eine Einstellung als egoistisch empfinden. Allein: sie existiert und wir müssen mit ihr umgehen. Wie also sieht ein modernes Solidarprinzip aus, das heute schon zukünftige Entwicklungen mit in Betracht zieht? Diesen Dialog werden Krankenversicherungen – auch die privaten – mit ihren Kunden und mit der Gesellschaft suchen. Für meinen Geschmack passiert da noch zu wenig. Und natürlich müssen private Krankenversicherer den richtigen digitalen Ton treffen.

Das heißt?
Ist es sinnvoll, neben eintausend existierenden Plattformen noch die 1.001. zu erstellen? Oder ist es nicht sinnvoller, sich in hunderte Ökosysteme einzubringen – nämlich dort, wo die Mitglieder schon sind? Sollte ein Krankenversicherer nicht auch die jährliche Genomsequenzierung eines gesunden Mitglieds bezahlen im Austausch gegen die Daten, die diese Analyse mit sich bringt, um dann passgenaue Gesundheitsangebote für individuelle Mitglieder zu stricken? Das wird einige abschrecken, und andere Kunden werden sich über dieses Angebot freuen. In einem solchen Fall ist der Anbieter aber nicht mehr vordergründig die Zahlstelle für erbrachte Leistungen, sondern ein Wegbegleiter eines gesunden Lebens – gewissermaßen ein Gesundheitslotse. Und aus einer solchen Mission erwächst dann auch für die privaten Krankenversicherer die Aufgabe, sich fortwährend Gedanken über die Vielzahl von Gesundheitsdienstleistungen Gedanken zu machen und ein Netzwerk zu Anbietern herzustellen, die über heutige Leistungen weit hinausgehen.

Welche Vorteile ergeben sich dadurch für die Anbieter?
Ich tue mich schwer, auf diese Frage in diesem Rahmen zu antworten. Es geht nicht um diese und die andere Seite, Vorteile für den einen oder den anderen. Ich stehe im engen Austausch mit Gründern und etablierten Unternehmen im Gesundheitsbereich – und die, die wirklich gute Lösungen haben, sind alles Menschen mit einer Mission, anderen Menschen ein gesundes, würdevolles Leben zu ermöglichen. Ich denke da an Start-ups, die Daten aus Ihren Exkrementen analysieren und Ihnen den personalisierten Mix aus Bakterien und Enzymen anbieten, damit Ihre unangenehmen und manchmal peinlichen Darmbeschwerden aufhören. Solch eine Medikation gestützt durch Krankenversicherungen würde die Algorithmen aufgrund von noch mehr Daten verbessern und noch passgenauere Lösungen für individuelle Bedürfnisse liefern. Sie ermöglichte tausenden mehr Menschen ein würdevolles Leben und böte privaten Anbietern die Möglichkeit, Ihre Mitglieder durch das Angebot nicht-invasiver Therapien langfristig zu binden. Das ist nur ein Beispiel, das demonstriert, dass erfolgreiche Strategien darauf aufbauen, nicht in „die“ und „wir“ und Vorteilen zu denken, sondern diese Mauern in unseren Köpfen einzureißen.

Welche Rolle wird die Politik in diesem Wandel spielen – eher Bremsklotz oder Förderer?
Das ist eine gute Frage! Und an dieser Stelle sind wir Zukunftsforscher ziemlich machtlos. Wir leiten unsere Erkenntnisse ab von Gesprächen mit Menschen, die über genügend Einfluss, Charisma, Geld oder Macht verfügen, um eine neue Technologie, ein neues Geschäftsmodell, eine neue Methode und so weiter in die Welt zu tragen. Und natürlich analysieren wir Kapitalströme, um abzuwägen, welche Lösung in den Markt getrieben wird. Diese Empirie gibt uns leider keine Auskunft darüber, wie sich ein Abgeordneter verhalten wird, wenn er aus Partei-Räson, Wählerdruck oder tagesaktuellen Skandälchen heraus seine Hand für oder gegen eine Resolution hebt. Wer hätte denn gedacht, dass eine Kanzlerin einer konservativen Partei das Programm der Grünen beim Atomausstieg verwirklicht? Oder ein sozialdemokratischer Kanzler Hand an den Sozialstaat legt?

Aber im Ernst: Politik folgt ihren eigenen Regeln. Und somit werden wir beides sehen. Ich habe neulich mit Jens Spahn ein tieferes Gespräch geführt und ihn als einen Modernisierer erlebt, der sich ernsthafte Gedanken darüber macht, wie wir mit den Paradigmenwechseln in unserer Gesellschaft, in unserem Leben, in unserer Wirtschaft umgehen. Und dennoch: Weder beneide ich ihn um seinen Job, die Interessen unterschiedlichster Gruppen unter einen Hut zu bringen oder auch gegen deren Willen eine Entscheidung durchzudrücken, noch wage ich eine Prognose, unter welche Zwänge er geraten wird. Ich wünsche ihm aber den Mut, die Weitsicht und die Weisheit, die Entscheidungen zu treffen, die wirklich zukunftsgewandt sind.

Es haben sich schon einige Plattformen gebildet, auf denen private und gesetzliche Krankenversicherer zusammenarbeiten und auch Ärzte, Apotheken & Co. mit ins Boot holen – „Vivy“ zum Beispiel oder „Meine Gesundheit“. Was halten Sie davon?
Das sind gute und wichtige Entwicklungen – nicht zuletzt für die tradierten Unternehmen, die diese Experimente in der Digitalwirtschaft starten. Ob sich viele Nutzer um diese Initiativen sammeln, wird die nahe Zukunft zeigen. Die Stoßrichtung ist allemal richtig.

 

Bisher scheitert die Nutzung von E-Gesundheitsakten & Co. oft noch an der Angst der Verbraucher um die eigenen Daten. Werden wir auch hier einen Wandel sehen?
Das ist eine sehr einseitige Darstellung und die Realität ist etwas anders. Fragen Sie Menschen auf der Straße zum Thema Datensammlung, erleben Sie natürlich all die Reflexe, die wir uns mit Dystopien wie Orwells 1984 und ähnlichen Narrativen aus durchaus gutem Grund selbst einimpfen. Und doch liest kein Mensch die AGBs. Nicht nur einer Online-Versicherung, sondern auch der, die in einem physischen Straßengeschäft tätig ist. Ähnlich ist es im Gesundheitsmarkt. Gute Angebote, die leicht und bequem zu erwerben sind und einen echten Nutzen versprechen, werden bedenkenlos auch heute schon genutzt – sei es der Schrittzähler und Pulsmesser auf dem Handy oder die Smartwatch oder die Schnarch-App, die mich nachts ununterbrochen überwacht. Ich weiß nicht, wo diese Daten landen. Es ist mir auch egal. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Mensch wie Mark Zuckerberg mir beim Schnarchen zuhört. Und sollte er es doch tun, dann würde ich es als eine weitere Marotte eines Silicon-Valley-Milliardärs abtun.

Der Wandel hat also schon begonnen, und Menschen entscheiden sich für Anbieter, die einen echten Nutzen bringen. Die Gesundheitskarte, an der seit 14 Jahren Verbandspräsidenten und Politik erfolglos basteln, scheitert ja nicht an irgendeiner Angst der Verbraucher, sondern den gegenseitigen Blockadehaltungen der involvierten Akteure, die immer noch in „meins“ und „deins“ denken. Wenn sie denn je das Licht der Welt erblickt, wird kein Mensch mehr Karten besitzen.

Gesundheitsunternehmen, die digitale Dienste anbieten wollen, sollten sich dringend mit der DSGVO auseinandersetzen, jetzt, wo sie die Unannehmlichkeiten mit den Double-Opt-ins auf ihrem Newsletter-Verteiler hoffentlich gelöst haben. Was diese Verordnung tatsächlich zu einem modernen Gesetzeswerk macht, ist dass sie bewusst „Privacy by Design“ vorsieht. Das ist eine kluge Abkehr des stumpfen unflexiblen Datenschutzdenkens, das noch aus dem letzten Jahrtausend stammt. Privacy by design ermöglicht es Unternehmen, in einen Austausch mit ihren Kunden, Behörden in einen Austausch mit Einwohnern, Kassen in einen Austausch mit ihren Mitgliedern zu treten und zu verhandeln, welches Level von Bequemlichkeit bei der Erbringung von Dienstleistungen im Austausch gegen die Verwertbarkeit persönlicher Daten geboten werden kann. Wer diese Klaviatur gut spielen wird, wird es seinen Mitgliedern ermöglichen, selbst zu entscheiden, wie viele Daten sie zu welchem Zweck hergeben wollen. Und jedem Mitglied bleibt es selbst überlassen, wie sehr oder wie wenig es seine Daten schützen oder teilen möchte. Solch ein Ansatz macht uns doch erst zu mündigen Bürgern.

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Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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