PKV Forum+ 2019

Das Ringen um den Standard in der elektronischen Patientenakte

Spannende Fragen rund um die Digitalisierung im Gesundheitsbereich und Vertrieb erörterten Experten auf dem 19. PKV Forum+ in Köln. Die vom Continentale Versicherungsverbund organisierte Veranstaltung war hochkarätig besetzt.
© Rupert Warren/Continentale
Was braucht es zum Ausbau des digitalen Gesundheitswesens? Eine Diskussionsrunde auf dem PKV Forum+ 2019 in Köln widmete sich vor allem dieser Frage.

Kernthema auf dem 19. PKV Forum+ waren der aktuelle Stand und die Folgen der Digitalisierung in der Versicherungswirtschaft, insbesondere im Bereich der Krankenversicherung. Ein schönes Beispiel für das Optimierungspotenzial in der Branche lieferte Sascha Friesike, Professor für Design digitaler Innovationen an der Universität der Künste in Berlin. Er wollte nach Rückkehr aus dem Ausland eine Krankenversicherung online abschließen und hinterließ einen Hinweis in einem Kommentarfeld der Website des Versicherers.

„Ich verstand nicht, warum das online nicht möglich war, ich wurde zurückgerufen und die Versicherung bestand darauf, jemanden für ein Beratungsgespräch vorbeizuschicken“, so Friesike. Der vielbeschäftigte Professor musste einen ganzen Nachmittag für einen Termin freiräumen, bei dem der Berater seine Angaben per Hand in eine Maske eintippte und „mir merkwürdige Zettel aushändigte, die ich verstehen und unterschreiben sollte.“ Eine Woche später erhielt Friesike seine Versicherungskarte mit falschem Namen, was weitere analoge Kontakte mit dem Versicherer nach sich zog. Eine enttäuschende Customer Journey, so Friesike, es habe jede Menge Reibungspunkte gegeben – ein klares Zeichen für Innovationspotenzial.

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Elektronische Patientenakte ab 2021

Das große Potenzial der Digitalisierung zog sich als roter Faden durch die Veranstaltung. Der Radiologe Professor Jörg F. Debatin, Leiter des health innovation hub (hih) des Bundesministeriums der Gesundheit, hielt einen Impulsvortrag zur Zukunft der digitalen Medizin. Dabei erläuterte er auch den grundlegenden Paradigmenwechsel, dass Daten künftig nicht mehr dort gespeichert werden, wo sie entstehen, sondern eine patientenbezogene zentrale Datenspeicherung angestrebt wird – die digitale Patientenakte.

Martin Tschirsich, unabhängiger IT-Sicherheitsberater, wies daraufhin, dass der Patient mitspielen muss und diese Daten auch bereitstellen wollen muss. „Er muss vertrauen können, um seinen digitalen Zwilling zu befüllen, das macht er nur, wenn seine Ängste wahrgenommen werden.“ Nach aktuellen Befragungen ist für 70 Prozent der Bevölkerung Datenschutz und Datensouveränität die Hauptbefürchtung. Neben der Vertraulichkeit über den Datenschutz gehören auch die Authentizität, die Verfügbarkeit und die Gewährleistung der Integrität der Daten zu den wichtigsten Kriterien und Risiken.

Betroffene Patienten reagieren nach bisherigen Erkenntnissen unterschiedlich auf die von der Bundesregierung geplante Einführung der elektronischen Patientenakte. „Das Horrorszenario, das Patienten befürchten, ihre Daten zu verlieren, ist gar nicht so stark ausgeprägt, wie man vermeintlich immer meint“, analysierte Thomas Lemke, Vorstandsvorsitzender der Sana Kliniken. Die Prozesseffizienz habe sich zudem deutlich verbessert. Lemke plädierte dafür, nach vielen Modellprojekten endlich einen gemeinsamen Datenstandard für die elektronische Patientenakte festzulegen, denn 1.600 Kliniken könnten nicht für jede Insellösung unterschiedliche Anforderungen erfüllen.

Fakt ist: Ab 1. Januar 2021 müssen die gesetzlichen Krankenversicherungen eine elektronische Patientenakte für die Versicherten bereitstellen. „Wir müssen Standards vereinbaren, die methodisch nach heutigem Wissen und Können relevant sind, dazu gehört ein Patientendatensatz für die Notfallversorgung, der Diagnosen, verschriebene Medikamente und vorhandene Allergien und andere Besonderheiten umfasst,“ so Debatin.

Warnung vor Daten-Flickenteppich

Professor Ferdinand M. Gerlach vom Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt, einer der sieben Gesundheitsweisen, mahnte, dass Deutschland sich auf einem Sonderweg befinde und die internationalen Standards und Erkenntnisse anderer Länder wie Estland und Dänemark leider nicht berücksichtige. Dort sei die elektronische Patientenakte bereits flächendeckend Realität. Dass die Patienten über Zugang und Zusammensetzung der Akte frei entscheiden und die GKV dies organisiere, sei zwar logisch.

Aber in der Umsetzung werde dies wohl dazu führen, dass die Akten unvollständig und nicht in Echtzeit zur Verfügung stehen würden. Ärzte würden eine solche Akte als nicht verlässlich einstufen und eher nicht nutzen, prognostizierte Gerlach. Zudem sei nicht klar, ob die Schnittstellen derart eingerichtet würden, dass die deutsche elektronische Patientenakte auch im Ausland, etwa bei Urlaubreisen, verwendet werden könne. Die Diskussion zu diesem Thema wird sich bis zur Einführung der elektronischen Patientenakte in der Branche fortsetzen.

Starspeaker: Joachim Gauck und Reinhold Messner

Die Fachdiskussionen zur Digitalisierung – eine weitere Expertenrunde befasste sich mit den Auswirkungen für den Vertrieb –  waren eingerahmt von Impulsvorträgen und zwei sehr eindrucksvollen themenübergreifenden Vorträgen zu Beginn und am Ende der Veranstaltung. Vor rund 1.000 Fachbesuchern im Kongresszentrum Gürzenich hatte Altbundespräsident Joachim Gauck als Ehrengast das 19. PKV Forum+ eröffnet. Gauck sprach beherzt und mitreißend zum Thema „Die Freiheit der Erwachsenen ist die Verantwortung“ und ging dabei auch auf die Gründe ein, warum heutzutage so viele Menschen in Europa – auch in den hochentwickelten skandinavischen Ländern und der Schweiz – retro-orientierte Parteien mit einer Verortung im Gestern wählen.

Das Forum beschloss Reinhold Messner, legendärer Bergsteiger aus Südtirol. „Berge versetzen – Erfolg liegt in der Persönlichkeit“ lautete das Motto seines Vortrags. Der 75-Jährige erzählte fesselnd aus seinem Leben und ging dabei auf mehrere Schlüsselerlebnisse ein, die ihn zu einem Richtungswechsel zwangen. So stieg er nach einer dramatischen 8000er-Expedition, bei der er im Alter von 25 Jahren seinen Bruder verlor und nach der Amputation von sieben Zehen vom Felsklettern auf das Höhenbergsteigen um. Sein authentischer Vortragsstil und sein außergewöhnliches Leben boten einen packenden Schlusspunkt des PKV Forum+ 2019.

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Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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