Pfefferminzia: Auf unseren Artikel „GKV versus PKV: Wie sich die Systeme unterscheiden“ haben Sie recht heftig reagiert. Warum?
Thorulf Müller: In dem Artikel sagen Sie, dass durch Privatversicherte jährlich 28,6 Milliarden Euro in das Gesundheitssystem fließen und das ist so leider falsch. Auch die Behauptung, dass jede Arztpraxis 43.000 Euro weniger zur Verfügung hat, ist mehr als nur bedenklich. Auch, dass 11 Milliarden Euro fehlen würden, wenn man alle PKV-Versicherten in die GKV überführen würde, ist nachweislich unsinnig.
Wie kommen Sie darauf?
Im Jahr 2014 hat die PKV für Leistungen insgesamt, also mit Krankenhaustagegeld, Krankentagegeld, Kurtagegeld, Auslandsreisekrankenversicherung, Beihilfeablöseversicherung, Pflegezusatzversicherung, geförderte Pflegeversicherung und Pflegepflichtversicherung, – 24,8 Milliarden Euro im Zahlenbericht ausgewiesen. Spätestens hier wird sichtbar, dass selbst alles zusammengenommen, niemals 28 Milliarden Euro ins Gesundheitssystem geflossen sind. Es fehlen ja immer noch 4 Milliarden Euro.
Ist das der einzige Fehler?
Nun, wir müssten zuerst einmal die Schadenregulierungskosten, also die gesamten Kosten für jeden Arbeitsplatz inklusive Lohn, Personalnebenkosten, Sachkosten und so weiter, der für die Schadenbearbeitung aufgewendet wird, abziehen.

Quelle: PKV-Verband
Und wie hoch sind die?
Die sind nicht ausgewiesen.
Sind das denn nicht Verwaltungskosten?
Ich bitte Sie. Verwaltungskosten sind Folgeprovisionen, Laptops für Führungskräfte und so weiter. Im Prinzip mittelbare Abschlusskosten. Das hat nichts mit der Verwaltung wie Vertragsbearbeitung, Schadenregulierung oder Kapitalanlage zu tun.
Was sind denn die Ausgaben für Krankheitskosten?
Wir nehmen wieder den Zahlenbericht 2014 und werden wieder Mal fündig.

Quelle: PKV-Verband
Es sind 21,8 Milliarden Euro Ausgaben für Krankheitskosten und nicht 28,6 Milliarden. Das ist immerhin eine Verwerfung um sagenhafte 33 Prozent und nicht ganz irrelevant. Wohlbemerkt sind hier auch noch die Schadenregulierungskosten enthalten. Und es sind noch weitere Fehler drin.
Welche denn?
Da sind die Beträge für Leistungsausgaben im Bereich Zusatzversicherung enthalten. Diese Leistungsausgaben wären aber sowieso entstanden. Außerdem sind hier Leistungsausgaben enthalten, die auch dann entstanden wären, wenn es keine Vollversicherung geben würde, weil die Menschen Zusatzversicherungen hätten wie zum Beispiel Zahnersatz, Heilpraktiker, OTC-Präparate und so weiter. Auch die Zuführung zur Alterungsrückstellung ist enthalten. Das ist aber die Ansparung für Kosten die erst in der Zukunft entstehen. Dagegen fehlen natürlich die Aufwendungen, die der Krankenversicherung nicht eingereicht wurden, weil es eine Bar Beitragsrückerstattung gibt. Es fehlen die Kosten, die durch einen Selbstbehalt nicht als Leistungsausgaben gemessen werden. Und es fehlen die Leistungen der Beihilfestellen, denn einige Versicherte haben nur 20, 30 oder 50 Prozent versichert.
Kann man das errechnen?
Annäherungsweisen kann man das sicher, aber es ist komplex. 5/7 der Beitragseinnahme Krankenversicherung ist Vollversicherung.

Quelle: PKV-Verband
Die Zuführungen zur Alterungsrückstellung sind auch ausgewiesen, aber natürlich saldiert, also unter Berücksichtigung der Entnahmen.

Quelle: PKV-Verband
Von den 9 Milliarden Euro Zuführung sind also rund 2 Milliarden Euro aus Beiträgen, denn etwa 7 Milliarden Euro sind aus Zinsen. Das kann man über den Rechnungszins – maximal und laut Zahlenbericht überwiegend 3,5 Prozent – und der mittleren Alterungsrückstellung – Anfangsbestand plus Endbestand geteilt durch 2 – leicht errechnen. Allerdings ist das jetzt wieder inklusive aller Versicherungsformen, also mit Pflegepflicht und mit Zusatzversicherungen.
Woher kommt dann die Zahl des PKV-Verbands?
Gute Frage. Richtig ist, dass es Bereiche gibt, wo die Selbstzahler tatsächlich überwiegend subventionieren: zum Beispiel bei Heilmitteln. Da zahlen die Selbstzahler überwiegend deutlich mehr, als andere Versicherte und auch überproportional im Sinne des gesamten Umsatzes der Physiotherapeuten. Ob das medizinisch notwendig ist oder nicht, lassen wir mal dahin gestellt sein.
Ich vermute aber, dass der PKV-Verband auf Zahlen des statistischen Bundesamtes abstellt und dann sind da die Ausgaben der PBeKK, der KVB, der Beihilfe, der Heilfürsorge, der truppenärztlichen Versorgung, der BG, der Ausgaben für Asylbewerber, Flüchtlinge, gegebenenfalls Nicht-Versicherte und so weiter enthalten. Das wäre dann hanebüchener Unsinn.
Und in den Arztpraxen?
Lassen wir die Sichtweise Einnahmen einer Arztpraxis mal weg. Es geht um den Systemvergleich GKV/PKV, also schauen wir uns deren Ausgaben an. Die Ausgaben der PKV für ambulante ärztliche Leistung betragen 5,7 Milliarden Euro und sind einer der großen Kostenfaktoren im Alter, wie man auch im Zahlenbericht sehen kann.

Quelle: PKV-Verband
Die GKV hat hier 2014 rund 33,4 Milliarden Euro für rund 70 Millionen Menschen aufgewendet. Aber hier werden die Kosten detailliert abgebildet, während die PKV zusammenfasst.
Wir nehmen also die 33,4 Milliarden Euro der GKV und addieren die separat ausgewiesenen Kosten:
+ 2,08 Milliarden Euro für Dialyse
+ 2,14 Milliarden Euro für Früherkennung
+ 4,51 Milliarden Euro für Fahrtkosten
+ 4,80 Milliarden Euro für häusliche Krankenpflege
+ 1,27 Milliarden Euro für Schutzimpfungen und
+ 3,16 Milliarden für Vorsorge und Rehabilitation
Das sind dann 51,39 Milliarden Euro oder 734 Euro pro versicherte Person.
Die PKV zahlt 5,7 Milliarden Euro abzüglich Zusatz und plus Beihilfe für rund 8,9 Millionen Versicherte. Kosten für Dialyse, Schutzimpfung, Früherkennung, Krankenpflege und so weiter sind komplett enthalten. Sogar die Leistungen für garantierte Beitragsrückerstattung und pauschale Abgeltungen.
Berücksichtigen wir alles, also den Beihilfeeffekt und mehr, dann müssten wir die 5,7 Milliarden Euro um Zusatzversicherung und Zuführung zur Altersrückstellung kürzen (minus 1,7 Milliarden Euro = 4 Milliarden Euro) und durch Faktor 0,7 teilen. Sagen wir mal, dass die PKV inklusive Beihilfe PKV-versicherter Beamter ziemlich genau diese 5,7 Milliarden Euro effektiv heute leisten. Wir runden großzügig auf 7 Milliarden Euro auf, wegen Selbstbehalten und Bar-Beitragsrückerstattung. Dann zahlt ein Selbstzahler pro Person 786 Euro an ambulant niedergelassene Ärzte und veranlasste Leistung ohne Arznei-, Verband, Heil- und Hilfsmittel.
Ich kann hier (734 Euro GKV zu 786 Euro PKV) eine gewisse Subvention erkennen, die aber nicht sehr hoch ist. Nun muss man natürlich die unterschiedlichen Altersstrukturen anlegen, und dann verschiebt sich das sicher deutlich. Man erkennt es an den Ausgaben für Arzneimittel.
Inwiefern?
Bei Arzneimitteln zahlt die GKV 33,36 Milliarden Euro zu 2,71 Milliarden Euro PKV – beziehungsweise minus Altersrückstellung und plus Beihilfe 3,14 Milliarden Euro. Das ergibt pro Kopf 476 Euro GKV zu 353 Euro PKV. Da man davon ausgehen muss, dass die PKV vielfach tatsächlich höhere Preise und auch Verbandmittel zu erstatten hat, muss die Alters- und Morbiditätsstruktur, zumindest zurzeit noch besser sein. Daraus lässt sich dann der Wert der Subvention bei ambulanten Leistungen messen.
Was ist mit dem Geld für Zahnbehandlung und -ersatz?
Wir sollten uns darauf verständigen, dass dieser Markt vom Rest des Gesundheitswesens völlig entkoppelt ist, da alle 70 Millionen GKV-Versicherten bei Zahnersatz doch bereits seit langem Selbstzahler sind. Dann ist das jetzt auch keine lebenserhaltende Medizin. Und in den annähernd 4 Milliarden Euro sind nicht unbeträchtliche Anteile aus Zusatzversicherungen inkludiert.
Wir haben also tatsächlich 10,7 Milliarden Euro aus ambulanter Heilbehandlung und 7,1 Milliarden aus stationärer Heilbehandlung. Zusammen also 17 Milliarden Euro. Davon müssen wir die Kosten der Schadenregulierung abziehen, die Zuführung zur Alterungsrückstellung und Heil-, Hilfs- und Arzneimittel. Die Ausgaben für Wahlleistungen im Krankenhaus auch, denn die entstehen heute auch bereits für die 5,87 Millionen Zusatzversicherten. Bei den Vollversicherten haben 7,11 Millionen eine Wahlleistung und würden die ja auch sicherlich als Zusatzversicherung haben, wenn sie denn in der GKV wären.
Es verbleiben Kernleistungen – 4 Milliarden Euro allgemeine Pflegeklasse und geschätzte 7 Milliarden Euro für ambulante ärztliche Leistung und veranlasste Leistungen ohne Arznei-, Heil- und Hilfsmittel. Minus Schadenregulierungskosten, minus Zuführung zur Alterungsrückstellung plus Beihilfe: geschätzte 11 Milliarden Euro. Und nun frage ich Sie: Wie und wo sollen dann 11 Milliarden Euro im Gesundheitswesen fehlen, wenn wir die PKV einstampfen? Das ist völliger Unfug, weil die Kosten für die allgemeine Pflegeklasse fast 100 Prozent identisch sind, mit denen, die die GKV bezahlt. Die einzige Abweichung könnte aus Privatkliniken kommen und die haben nun wiederrum nichts mit einem Gesundheitswesen zu tun.
Das sind jetzt aber keine gesicherten Zahlen?
Da die PKV in vielen Zahlen zusammenfasst und eben nicht sauber und differenziert darstellt, ist das leider so. Man kann sich nur annähern.
Wenn man jetzt aber mit Ärzten spricht, dann sehen die das anders.
Richtig, wenn man in der richtigen Region fragt. In Starnberg mag das anders sein, als in der Mark Brandenburg. Und bei der Kommunikation mit Internisten, die entsprechende Maschinenparks unterhalten, erhalten Sie auch andere Antworten als vom praktischen Arzt auf dem flachen Land.
Gesundheit ist ein Menschenrecht und alle Menschen sollten für ein funktionierendes Gesundheitswesen gleich sein. Wir sollten über Priorisierung reden und auch über Sinnhaftigkeit. Natürlich muss ein Selbstständiger nicht stundenlang im Wartezimmer sitzen. Ein Rentner, ein Pensionär gegebenenfalls auch ein krankgeschriebener Arbeitnehmer oder Beamter kann das schon eher. Der wichtige Faktor ist aber die Dringlichkeit der Behandlung. Bei der Organtransplantation gibt es heute keinen Unterschied mehr – den Transplantationsskandalen zum Dank!
Und in der Onkologie werden die Kassenpatienten sogar aktuell besser behandelt, weil die sogar die allerneusten Medikamente bekommen. Die GKV muss zahlen, bis die Verhandlungen um den Preis beginnen. Die Selbstzahler streiten sich mit der PKV um das Thema der wissenschaftlichen Anerkennung und der Angemessenheit.
Gibt es wirklich keine Subvention?
Doch natürlich, wenn Sie sich die einfache Mechanik auf der Einnahmeseite der Arztpraxen anschauen, dann schon. Dier Menschen, also auch die 70 Millionen GKV-Versicherten, zahlen heute viele Leistungen selbst. Das nennt man IGeL- oder Privatleistung. Over the Counter (OTC) und so weiter. Das ist auch nicht unbedingt versichert, sondern wird aus eigenen Mitteln bezahlt.
Sie unterstellen ja, dass die Altersstruktur in der Vollversicherung deutlich jünger ist. Ist das belegt?
Auch das ist belegt und man findet es ebenfalls im Zahlenbericht.

Quelle: PKV-Verband
Wir haben rund 600.000 mehr PPV-Versicherte, als Vollversicherte. Das liegt an den Versicherten der PBeaKK, der KVB, den zur Heilfürsorge berechtigen Personen, Soldaten auf Zeit und Berufssoldaten und so weiter.
Der Schwerpunkt der Vollversicherten ist männlich und zwischen 40 und 60 Jahre alt. Ich glaube nicht, dass das die tatsächliche Bevölkerung abbildet, was ich hier sehe. Der Anteil der älteren Menschen in der GKV ist höher, als in dieser speziellen Altersgruppe.
Wie lautet nun Ihr Fazit?
Es gibt natürlich in einem gewissen Umfang eine Subvention bei Leistungserbringern, weil die PKV höhere Geldleistungen erstattet. Aber man muss, wenn man die Leistung der PKV wirklich ernsthaft berücksichtigt, etwas genauer schauen. Es geht nicht um das, was ankommt, sondern um das, was tatsächlich geleistet wird. Bei Heilmitteln ist es deutlich erkennbar. Bei Arznei- und Hilfsmittel kann man es sogar schön widerlegen.
Bei den tatsächlichen Leistungen, die von vollversicherten Selbstzahlern inklusive der Beihilfe restkostenversicherter Beamter und berücksichtigungsfähiger Angehöriger an Arztpraxen fließen, muss man dann aber auch deutlich hinterfragen, was denn dafür mehr geleistet wurde? Oder wurde nur mehr gezahlt? Wurde mehr diagnostiziert und therapiert? Wenn ja, mit welchem Mehrwert für den Patienten?
Letztendlich geht es mir aber darum, dass wir die Aussage, dass 28,6 Milliarden Euro in das Gesundheitssystem fließen, einmal deutlich relativieren müssen und auch, dass 11 Milliarden Euro fehlen würden, wenn wir die PKV abschaffen. Da bastelt sich der PKV-Verband als ein mächtiger Lobbyist ein paar Zahlen so zusammen, dass Politiker, die davon wenig Ahnung haben, in Schockstarre verfallen und nach dem Erhalt eines völlig überholten Systems rufen.
Über den Autoren
Thorulf Müller ist der KVProfi, anerkannter Fachmann und langjähriger Unternehmensberater der großen PKV-Versicherer. Heute einer der führenden Versicherungsberater im Bereich der biometrischen Versicherungen, wie Kranken-, Pflege-, Krankentagegeld-, Zusatzversicherung, Rücktritt/Anfechtung, GKV-Rückkehr, und spezielle Formen der Arbeitskraftsícherung. Rechtsdienstleistung im Sinne von außergerichtlicher Durchsetzung der Rechte und Ansprüche. Ab 1. Januar 2017 bietet er auch qualifizierte Rechtsdienstleistung als Versicherungsberatung im Bereich Sachversicherung.
https://www.facebook.com/derkvprofi/
https://www.facebook.com/VersSulting/
https://www.versicherungs-fundus.de/
www.der-versicherungsberater.com
www.expertennetzwerk24.de
www.versicherungsberatung-sachversicherung.de
Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.