Gesundheitsprüfung der Versicherer

Ist der Body-Mass-Index noch zeitgemäß?

In der Versicherungsbranche kennt fast jeder den Spruch: Der Kunde ist zu klein für sein Gewicht. Er gründet auf dem Body-Mass-Index (BMI), der nach der Formel Körpergewicht (in kg) geteilt durch Größe (in Metern) zum Quadrat berechnet wird. Doch ist der BMI noch eine zeitgemäße Größe im Rahmen der Antragsprüfung beim Versicherer? In Zukunft könnte wohl häufiger das passieren: Der Antragsteller stellt sich auf die vom Vermittler mitgebrachte High-Tech-Waage.
© Panthermedia
Moderne Waagen messen weit mehr als nur das Gewicht.

Viele Menschen gehen davon aus, dass der Body-Mass-Index (BMI) eine Erfindung der Versicherungsbranche ist. Tatsächlich geht er allerdings auf den Quetelet-Index zurück, benannt nach Adolphe Quetelet, einem belgischen Astronom und Statistiker (1796 – 1874). Die Bezeichnung BMI prägte der amerikanische Ernährungswissenschaftler Ancel Keys (1904 – 2004). Dieser beschäftigte sich Ende der 1950er Jahre mit der Frage, weshalb immer mehr US-Amerikaner einen Herzinfarkt erlitten und immer dicker wurden.

Im Rahmen seiner Sieben-Länder-Studie kam er zu dem Schluss, dass diese Entwicklung mit dem erhöhten Fettkonsum zusammenhängen müsste, während andere Experten, wie der britische Ernährungswissenschaftler Prof. John Yudkin (1910 – 1995), den stetig wachsenden Zuckerkonsum als Auslöser der Adipositas-Welle in den Industrieländern verantwortlich machten.

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Heute ist bekannt, dass Keys ursprünglich die Entwicklungen in 22 Ländern untersuchte. Bei 15 dieser Länder konnte er jedoch keine Korrelation zwischen Fettkonsum und Herzerkrankungen nachweisen, und so veröffentlichte er schließlich eine auf sieben Länder eingeschränkte Studie. Denn nur diese Länder bestätigten seine These. Echte US-Fake-News

Low-Fat-Welle

Letzten Endes erließ die US-Regierung einen Beschluss, der zur Folge hatte, dass die Lebensmittelindustrie den Fettanteil in der Nahrung reduzieren musste. Da Fett jedoch Geschmacksträger ist, wurde nun alternativ Zucker den industriell hergestellten Lebensmitteln beigefügt – ab Mitte der 1970er Jahre verstärkt der noch süßere und billigere Fruktose-Glukose-Sirup. So entstand die Low-Fat-Welle (Low Fat = niedriger Fettanteil), welche ab den 1980er Jahren auch nach Europa und Deutschland schwappte.

Die Adipositas-Epidemie wurde damit aber nicht gestoppt. Im Gegenteil – sie nahm jetzt erst richtig Fahrt auf. 1972 veröffentliche Ancel Keys, der in den USA nun große Aufmerksamkeit genoss, den Begriff Body-Mass-Index, basierend auf den Berechnungen des Belgiers Quetelet. Dieser hatte in seiner Formel jedoch lediglich ein statistisches Instrument gesehen, um Bevölkerungen beurteilen zu können und nicht zur Bestimmung des Übergewichts einer einzelnen Person.

Einzug in die Versicherungsbranche hielt dieser Index ein paar Jahre später. US-Versicherer begannen mit ihm im Rahmen der Risikoprüfung nun auch zusätzliche Risiken durch Übergewicht zu berücksichtigen. Erst seit Anfang der 1980er Jahre wird der BMI auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwendet. Der Rest ist Versicherungsgeschichte.

Kritik am BMI

Der BMI steht seit vielen Jahren in der Kritik. Er berücksichtigt zum Beispiel nicht, wie sich das Gewicht zusammensetzt. Es macht einen großen Unterschied, ob Fett oder Muskeln die primäre Quelle des Körpergewichts sind. So haben Kraftsportler häufig einen BMI-Wert, der im Bereich deutlichen Übergewichts (BMI > 25) oder sogar der Adipositas liegt (> 30).

Der Hauptkritikpunkt ist jedoch, dass es auch sogenannte TOFIs gibt. Diese Abkürzung steht für Thin Outside, Fat Inside, also für äußerlich schlanke, innerlich aber verfettete Menschen. Man spricht hier auch von Viszeralfett. Wer einen erhöhten Wert hat, muss nicht automatisch einen dicken Bauch haben. Dieses „unsichtbare“ Bauchfett kann gesundheitlich problematisch werden, da es, anders als das sichtbare Unterhautfett, stoffwechselaktiv ist. Es schüttet beispielsweise entzündungsfördernde Stoffe aus, die langfristig gesundheitsschädlich sein können. Wer schlank ist und einen niedrigen BMI hat, kann also dennoch zu viel Bauchfett haben.

Mögliche Alternativen

Es gibt einige Alternativen zum BMI-Wert. So kann man zum Beispiel auch einfach nur den Bauchumfang messen, und zwar an der Stelle des größten Umfangs. Meist ist das auf Höhe des Bauchnabels. Hier lautet die Regel: Bei Frauen mit einem Umfang > 80 Zentimeter und bei Männern > 94 Zentimeter, steigt das Risiko für koronare Herzkrankheiten, Schlaganfall und Diabetes Typ II.

Weiterhin gibt es die Waist-to-Height-Ratio-Methode (Taille-zu-Größe-Verhältnis). Hier wird also der Bauchumfang ins Verhältnis zur Größe gesetzt. Meist wird dabei auch noch das Alter berücksichtigt. Der kritische Grenzwert bei Menschen bis zu 40 Jahren liegt bei einem WHtR-Wert vom 0,5. Bei der Waist-Hip-Ratio-Methode (Taille-Hüft-Verhältnis) wiederum (WHR) wird der Bauchumfang ins Verhältnis zum Hüftumfang gesetzt. Frauen sollten dabei einen Wert < 0,8 erreichen, Männer von < 0,9. Alternativen gibt es also viele. Jedoch berücksichtigen auch diese nicht, wie viel Bauchfett wirklich vorhanden ist und ob jemand ein TOFI ist.

Zukünftige Beurteilungsmöglichkeiten

Inzwischen gibt es jedoch immer mehr Geräte, mit denen immer genauer die Körperzusammensetzung (Wasser, Muskeln, Fett, Knochen) gemessen werden kann. Das funktioniert für den Heimgebrauch zum Beispiel mit Körperfettwagen. Den Waagen liegt das sogenannte Bioimpedanz-Verfahren zugrunde: Dabei fließt ein schwacher, nicht spürbarer Strom durch den Körper. Der gemessene Widerstand liefert dann Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Körpers. Waagen, die bereits recht zuverlässige Werte liefern und an vier Punkten messen (Füße und Hände), sind bereits um die 100 Euro erhältlich.

Gute Modelle geben sogar den Viszeralfettgehalt separat aus und entlarven damit auch potenzielle TOFIs. Außerdem kann so auch festgestellt werden, ob das mögliche höhere Gewicht einer Person auf eine höhere Muskelmasse zurückgeht und wie diese verteilt ist. Denn einige dieser Waagen weisen die jeweiligen Werte pro Gliedmaße und dem Körperzentrum aus. Daraus lässt sich erkennen, ob die Muskeln nur auf einen bestimmten Bereich konzentriert sind (etwa wie bei Popeye nur auf den Oberkörper oder die Arme) oder ob der gesamte Körper ausgewogen trainiert ist. Aus der Art des Körperfetts, der Fett- und Muskelverteilung lassen sich aus medizinischer Sicht deutlich aussagekräftigere Informationen gewinnen als rein aus dem BMI-Wert. Auch die Entwicklung von Fitness-Trackern geht immer weiter und die Geräte werden günstiger. Vielleicht kann schon bald eine Smartwatch die Körperzusammensetzung automatisch messen.

Neue Ausstattung von Versicherungsvermittlern

In naher Zukunft könnten Versicherungsgesellschaften auf die Idee kommen, Vermittler mit entsprechenden Geräten auszustatten. Dann wird der Kunde bei der Antragsaufnahme nicht mehr nach Körpergröße und Gewicht gefragt, sondern gebeten, sich auf die mitgebrachte Waage zu stellen. Diese könnte mit dem digitalen Antragsprozess direkt verbunden sein und genauere Werte zur Risikoprüfung liefern, als sich aus der reinen Berechnung des BMI ergeben. Natürlich könnten solche Geräte auch im Rahmen einer Risikovoranfrage zum Einsatz kommen.

Weiterhin könnten Versicherer Kunden, bei denen die Werte derzeit noch nicht optimal sind, entsprechende Geräte zur Verfügung stellen und ihnen ein Coaching-Programm anbieten. Wer dieses durchläuft, seine Werte nachhaltig entsprechend verbessert, bei dem könnten eventuelle Zuschläge oder Ausschlüsse automatisch entfallen. Während heute Versicherer ihren Kunden zum Beispiel beim Abschluss einer Zahnzusatzversicherung eine elektrische Zahnbürste schenken, könnten es künftig bei Kranken-, oder Biometrieversicherungen entsprechende Bio-Impedanzgeräte sein.

Autor

Joachim Haid ist Gründer des Gesundheitsprogramms PaleoMental®, zudem Gesundheitscoach und Heilpraktiker in Ausbildung.

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