Ulrich Hilp, Vertriebsvorstand Condor Lebensversicherung-AG und Vertriebsdirektor R+V Maklergeschäft Personen: Absolut. Man hat noch nie so häufig den Satz „Bleiben Sie gesund“ gelesen wie in diesem Jahr. Das Virus verdeutlicht, dass eine Krankheit jeden treffen kann – auch kerngesunde Personen. Das befeuert den Wunsch nach einer guten Absicherung. Was wir zum Beispiel daran merken, dass die Krankenzusatzversicherungen für die Absicherung im Krankenhaus und bei Vorsorgeuntersuchungen deutlichen Anklang finden, ebenso wie Telemedizin-Angebote, die wir seit April bereitstellen.
Folke Tedsen, Leiter Kranken-Leistung und Service-Center Hanse-Merkur: Wir stellen auch einen stärkeren Wunsch nach Informationen zum Thema fest. Unsere Informationskampagnen zu Corona und der dazu passende Chatbot wurden häufig abgerufen. Häufige Fragen waren etwa: Bin ich eigentlich richtig versichert, wenn ich jetzt ins Krankenhaus komme? Wo müsste ich hin, wenn ich mich mit Corona infiziere? Ich glaube also schon, dass das Thema Gesundheit jetzt noch mal einen ganz anderen Stellenwert bekommen hat als zuvor, auch im Sinne des Versorgungscharakters.
Benjamin Schröder, Bereichsleiter Service- und Qualitätsmanagement Hallesche: Da schließe ich mich an. Viele haben sich notgedrungen stärker mit dem Thema Gesundheit befasst. Jeder hat auf seine persönlichen Risikofaktoren geschaut und sich mit ihnen auseinandergesetzt. Der Informationsbedarf ist dadurch gestiegen, der Kundenkontakt auch. Wir haben deutlich mehr Traffic auf den Kanälen, die wir anbieten, beispielsweise am Gesundheitstelefon. Wir haben schnell auf die gestiegene Nachfrage reagiert und auch einen Chatbot installiert und Informationen auf der Website nachgezogen. Auch in die Firmen ist das Thema verstärkt reingekommen, weil sich die Arbeitgeber mit Fragen befassen mussten wie: Wie gestalten wir Laufwege im Unternehmen? Wie ist der Ablauf im Betriebsrestaurant? Insofern haben auch die Firmen ein anderes Bewusstsein für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter bekommen. Und dadurch wird auch die betriebliche Krankenversicherung stärker in den Fokus rücken. Auch wenn die wirtschaftliche Lage aktuell bei den Unternehmen natürlich etwas angespannt ist, ist die Offenheit für das Thema Gesundheit deutlich gestiegen.
Kabil Azizi, Vertriebskoordinator Gesundheit Gothaer: Bei uns haben die Menschen auf Basis der Pandemie ebenfalls deutlich mehr Fragen gestellt, die sie vorher nie gestellt haben. Zum Beispiel: Wenn ich dienstlich ins Ausland fliegen muss, bin ich dann versichert? Was passiert, wenn ich zurückgeholt werden muss, deckt mein Tarif das ab und so weiter. Daran haben wir gemerkt, dass das Bewusstsein für das Thema Gesundheit deutlich gestiegen ist.
Schröder: Da gibt es unterschiedliche Facetten. Zum einen gibt es die Seite der Leistungsausgaben. Da merken wir schon, dass die Krankenhausbehandlungen im ersten Halbjahr durchaus rückläufig waren. Wir rechnen aber mit entsprechenden Nachholeffekten im zweiten Halbjahr. In manchen Bereichen liegen die Leistungsausgaben etwas unter den vergangenen Jahren, aber in anderen Bereichen etwas darüber. In Summe kann man sagen, dass die Corona-Pandemie die Leistungsausgaben nicht gesenkt hat. Im Vertrieb haben wir gemerkt, dass vor Corona angebahnte Abschlüsse zum Abschluss gebracht werden – wenn es auch aktuell etwas länger dauert, bis die Krankenversicherungsverträge tatsächlich unterschrieben werden.
Azizi: Unter unseren Kunden hatten wir recht wenige Corona-Fälle zu verzeichnen. Bei denen, die es erwischt hat, waren die Leistungsausgaben aber relativ hoch. Das lag daran, dass einige Intensivfälle darunter waren, was schnell sehr teuer wird.
Hilp: Wir verzeichneten im vergangenen Jahr ein enormes Wachstum im Krankengeschäft, vor allem bei der Krankenvollversicherung und im Beihilfe-Geschäft. Diesen Trend haben wir auch in diesem Jahr im Maklermarkt fortgesetzt. Wir haben ein deutliches Wachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Insgesamt wird es natürlich schwierig, in diesem Jahr insgesamt ein ähnliches Niveau wie 2019 zu erreichen, trotzdem gewinnen wir nach wie vor Kunden.
Tedsen: Vertrieblich läuft es bei uns derzeit ebenfalls sehr gut. Von den Leistungsausgaben her ist es in der Tat stattlich, was im Schnitt an Kosten bei einem Corona-Erkrankten zusammenkommt. Der Vorwurf, dass die PKV mit Corona nichts am Hut habe, ist definitiv falsch. Wir sind bei den Kosten genauso beteiligt wie andere Kostenträger auch.
Tedsen: Genau, und das ist nicht so. Von allen Zusatzbelastungen, die im Gesundheitsbetrieb durch Corona aufgetreten sind, ist die PKV genauso betroffen, bis auf ganz wenige Ausnahmen. Aber was die großen Töpfe angeht – Hygienemaßnahmen, Corona-Tests, Krankenhausentlastungsposten – da sind wir als PKV genauso beteiligt wie die GKV. Nach den neuesten Schätzungen des PKV-Verbands musste die PKV für diese drei Posten bereits über eine Milliarde Euro stemmen. Hinzu kommen noch die Ausgleichszahlungen fürs Krankenhaus, die über Steuern finanziert werden, die wiederum natürlich auch Privatversicherte zahlen. Insofern ist diese Argumentation überhaupt nicht tragfähig und sicherlich politisch motiviert.
Azizi: Das sehe ich genauso. Wir gehen auf das Wahljahr 2021 zu, und Politiker wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach arbeiten jetzt während der Corona-Pandemie schon mal vor, um in den kommenden Monaten wieder die Bürgerversicherung ins Spiel zu bringen. Das ist bei jeder Bundestagswahl immer das Gleiche. Werfen wir aber mal einen Blick in die Niederlande, die 2006 eine Bürgerversicherung eingeführt haben – in großer Hoffnung, dass die Gesundheitsversorgung dort besser wird. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Weil das Krankenversicherungssystem nur noch eine Basisabsicherung liefert, haben sich 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung dort mit privaten Zusatzversicherungen versorgt. Niederländer, die nahe der Grenze wohnen, fahren mittlerweile nach Deutschland, um sich hier behandeln zu lassen, wohl wissend, dass das Krankenversicherungssystem hier einfach besser ist. Das spricht für sich, finde ich.
Schröder: Richtig. Gerade die Corona-Krise hat doch verdeutlicht, dass wir ein sehr gut funktionierendes Gesundheitssystem in Deutschland haben – sowohl im europäischen als auch im weltweiten Vergleich. Wir haben einen hohen Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung, die also zur Risikogruppe gehören, und haben es bislang trotzdem sehr gut durch die Krise geschafft. Dazu leistet das duale Gesundheitssystem einen wichtigen Beitrag. Die Vorwürfe von Teilen der GKV sehen wir definitiv nicht so. Die PKV hat in Summe zur Bewältigung der Pandemie einen großen Beitrag geleistet, das fängt an bei der Leistungsfähigkeit der Labore über die ambulante fachärztliche Versorgung, die auch über den PKV-Mehrumsatz mitfinanziert wird, bis hin zur ausreichenden Verfügbarkeit von Einbettzimmern in Krankenhäusern. Alles in allem sind es rund eine Milliarde Euro, die die PKV in die Bewältigung der Pandemie investiert. Das duale Gesundheitssystem hat seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt, woran die PKV auch maßgeblichen Anteil hat.
Hilp: Tatsächlich ist die private Krankenversicherung der Garant dieser Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems. Und warum sollte man ein System abschaffen, um das uns die Welt – gerade jetzt in der Corona-Pandemie – beneidet? Ohne PKV würde dieses System diese Leistungsfähigkeit nicht haben, weil der erforderliche Wettbewerb fehlen würde.
Joachim Haid, Gründer und Geschäftsführer Paleo-Mental: Beim Thema Prävention gibt es in Deutschland einen Fehler im Gesundheitssystem. Weil unser gesamtes medizinisches System von der Ausbildung bis zum praktizierenden Arzt rein auf der Reparaturmedizin basiert. Das heißt, Ärzte werden vor allem für die Behandlung von Kranken bezahlt, nicht für präventive Maßnahmen. Wir scheitern in Deutschland daran, die Menschen gesund zu halten. Genau hier hat die private Krankenversicherung enormes Potenzial. Aber auch eine enorme Verantwortung, denn das Ziel eines Krankenversicherers sollte es ja sein, egal ob im Zusatz- oder Volltarif, dass ich einen Kunden möglichst ein Leben lang bei mir behalte. Und das bedeutet, er muss auch im Alter noch in der Lage sein, seine Krankenversicherung zu bezahlen. 2019 wurden in Deutschland erstmalig mehr als 400 Milliarden Euro im Gesundheitswesen ausgegeben. Vor drei Jahren waren es noch 365 Milliarden Euro – man sieht also die enorme Kostenentwicklung. Das heißt, der private Krankenversicherer ist darauf angewiesen, sein Kollektiv bestmöglich dabei zu unterstützen, diese Kosten im Zaum zu halten.
Haid: Es wird in der Diagnostik noch viel zu wenig bezahlt. Es braucht Spezialtarife, die zum Beispiel die Kosten für orthomolekulare Blutbilder oder für Analysen der Darmgesundheit übernehmen, die Ernährungsberatungen bezahlen, so was. Hier können sich die privaten Krankenversicherer sehr gut positionieren, weil sie nicht an solch enge Grenzen gebunden sind wie die GKV.
Azizi: Ab 55 Jahren steigen die Leistungsausgaben für Personen exponentiell an. Wenn wir das mit der demografischen Entwicklung hierzulande kombinieren, kann sich jeder ausrechnen, auf welche Kostenbelastung wir in den kommenden Jahrzehnten zusteuern. Wir müssen als private Krankenversicherer an den Punkt kommen, dass der Kunde, wenn er ein Zipperlein hat, sich nicht zuerst an seinen Arzt, sondern an seinen Krankenversicherer wendet. Denn der Krankenversicherer ist derjenige, der alle Daten zur Verfügung hat. Er weiß, bei welchen Ärzten der Patient war, welche Medikamente er bekommt – die sich möglicherweise nicht miteinander vertragen –, und kann gegensteuern. Das ist der Punkt, an dem wir als private Krankenversicherer ansetzen müssen.
Haid: Das ist aber nur der Anfang. Hier darf man nicht stehen bleiben. Der Versicherer könnte dann auch erkennen: Wenn mein Kunde Medikament A nimmt, hat er dadurch zwangsläufig Mängel bei Nährstoff B. Ein Beispiel: Es ist seit 20 Jahren intensiv erforscht, dass Patienten, die Statine nehmen, das Coenzym Q10 supplementieren sollten, damit die Mitochondrien, also die Zellkraftwerke, weiter richtig arbeiten können. Hier müsste eigentlich jeder Arzt aufgrund dieser gesicherten Erkenntnisse zu den Statinen das Q10 dazu verschreiben. Und der private Krankenversicherer müsste das Q10 dann auch erstatten. Bisher geschieht das aber noch nicht.
Schröder: Wir setzen beim Thema Prävention an zwei Punkten an. Erstens: Krankheiten sollen gar nicht erst entstehen beziehungsweise zu lange unentdeckt bleiben. In diese Kategorie fallen etwa unsere Angebote Rauchstopp oder mithilfe von Coaches gesund zu leben. Zweitens geht es darum, bestehende Krankheiten zu lindern und die Lebensqualität zu erhöhen.
Hilp: Die Krankenversicherung hat den Zweck, den Menschen dabei zu unterstützen, gesund zu bleiben, gesund zu werden und sich gesünder zu fühlen. Deshalb ist die Prävention ein wichtiger Aspekt. Wir bieten daher eine Vielzahl solcher Leistungen an, beispielsweise über die Förderung von Vorsorgeuntersuchungen, die sich dann eben nicht auf den Selbstbehalt oder die Beitragsrückerstattung auswirken.
Tedsen: Ich sehe in den Themen Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Big Data echte Chancen für uns als private Krankenversicherer, bessere Angebote zu machen. Dass man dem Kunden sagen kann, wenn du dieses und jenes tust, kannst du deine Krankheit zumindest um einige Jahre verzögern. Da wird einiges möglich sein. Wir fangen in Deutschland eigentlich erst an, wirklich mit diesen Daten zu arbeiten und daraus Schlüsse zu ziehen.
Hilp: Wir sehen die bKV als einen der größten Zukunftsmärkte. Für den Arbeitgeber ist es wichtig, sich im Wettbewerb um Fachkräfte zu differenzieren und Studien zeigen, dass die Gesundheitsvorsorge dabei zu den beliebtesten Lohnnebenleistungen zählt. Zugunsten dieser wird zum Teil auch auf Gehaltserhöhungen verzichtet. Wir sind organisatorischer Konsortialführer für eine der ersten bKV-Lösungen für eine ganze Branche. Ab dem 1. Juli 2021 haben circa 500.000 Beschäftigte in der Chemiebranche Zugang zu einer betrieblichen Pflegevorsorge. Und die Entscheidung der Chemie für diese Lösung zeigt, wie wichtig die bKV nicht nur für Branchen und Unternehmen ist, sondern auch, dass im Thema Pflegezusatzversicherung noch einiges an Potenzial steckt.
Schröder: Das Potenzial der betrieblichen Krankenversicherung ist riesig. Laut PKV-Verband boten 2015 knapp 4.000 Betriebe ihren Mitarbeitern eine bKV an, 2019 waren es knapp über 10.000 Firmen mit rund einer Million angebundenen Mitarbeitern. Es ist einer unserer strategischen Märkte für die Zukunft, alle Projekte dort sind hoch priorisiert.
Haid: Wir brauchen aber auch noch eine andere Gruppe bei dem Thema mit im Boot. Gerade im Bereich der privaten Krankenversicherung ist es doch so, dass sie sich selten von alleine verkauft. Deshalb haben wir ja Vermittler, die hier aktiv tätig sind. Und wenn ich jetzt seitens einer Versicherungsgesellschaft entsprechende neue Angebote entwickele oder den präventiven Faktor weiter ausbaue, dann ist es sinnvoll, hier die Vermittlerschaft mit einzubeziehen. Die Vermittler darüber zu informieren, welchen Vorteil es hat, sich mit dem Kunden über Gesundheit statt immer nur über Krankheit zu unterhalten. Dafür muss der Vermittler aber erst mal selber verstehen, was heißt eigentlich Gesundheit für mich persönlich? Nur dann wird er für das Thema brennen und es auch entsprechend an seine Kunden transportieren können.
Haid: Ich sehe da große Chancen, ja. Immer dann, wenn ich einen Kunden nur zufriedenstelle, habe ich das erfüllt, was der Kunde von mir erwartet hat. Wahre Kundenbegeisterung schaffe ich dadurch, dass ich dem Kunden mehr biete. Dann bleibt er lange bei mir und empfiehlt mich auch weiter. Wenn ich als Vermittler meinem Kunden also zum Beispiel dabei helfen kann, seinen Diabetes Typ 2 so weit in den Griff zu bekommen, dass er nicht mehr insulinpflichtig ist, dann habe ich einen Wow-Effekt beim Kunden erzielt, der nicht zu übertreffen ist. Der Vermittler muss dafür nicht selbst zum Mediziner werden. Er muss nur entsprechende passende Gesundheitskurse oder Leistungen der PKV-Anbieter empfehlen. Dafür ist es natürlich notwendig, dass die Versicherer dem Vermittler die entsprechenden Informationen und die entsprechende Unterstützung an die Hand geben – im gemeinsamen Interesse.
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