Apps auf Rezept

„E-Health ist Teil des medizinischen Fortschritts“

Die Gothaer bietet Vollversicherten, die an Diabetes, Tinnitus oder bestimmten psychischen Erkrankungen leiden, seit kurzem bestimmte Apps an. Sie sollen beim Messen helfen und Symptome lindern. Wie das System genau funktioniert und welche Vorteile Kunden haben, haben wir Emanuel Issagholian, Leiter Produktmarketing bei der Gothaer Krankenversicherung, gefragt.
© Gothaer
Emanuel Issagholian leitet das Produktmarketing bei der Gothaer Krankenversicherung.

Pfefferminzia: Was halten Sie von E-Health-Lösungen? Welche Vorteile bieten sie dem Kunden?

Emanuel Issagholian: E-Health ist ein extrem breites Feld, das viele Lösungen abdeckt. Einige davon haben große Vorteile, andere aber auch große Nachteile. Das Bundesgesundheitsministerium etwa hat zum Thema Gesundheits-App gerade eine große Studie veröffentlicht, die viele Aspekte kritisch gesehen hat, etwa den Datenschutz.

Dennoch gibt es darunter Lösungen, die dem Kunden nachweislich Vorteile bringen und bei denen wir großes Potenzial sehen. Es gibt zum Beispiel Krankheiten, bei denen Kunden entweder viele Daten erfassen oder regelmäßig Werte messen müssen. Und da gibt es Apps, die diesen alltäglichen Umgang mit der Krankheit erleichtern. Es gibt sogar erste Lösungen, die zur Linderung von Symptomen beitragen.

Die Gothaer hat für drei bestimmte Krankheitsbilder nun solche Lösungen im Angebot. Welche Überlegung stand dahinter?

Wir wollten unseren Kunden einen Nutzen bieten. Wir sehen E-Health als Teil des medizinischen Fortschritts. Wir glauben, dass die Digitalisierung großen Einfluss auf die medizinische Versorgung haben wird. Und zwar nicht nur, was die Weiterentwicklung etwa von Operationsmethoden angeht. Die Versicherten verlangen auch eine viel größere Individualität und mehr Service. Und immer mehr Leute setzen sich damit auseinander, wie sie sich gesund halten können. Das gilt auch für chronische Erkrankungen.

Wie sind Sie gerade auf diese drei Krankheiten gekommen?

Wir haben uns von drei Fragen leiten lassen. Haben wir eine ausreichend große Zahl an Kunden, die an dieser Krankheit leidet und das System ausprobieren könnte? Gibt es für die Krankheit passende E-Health-Lösungen in ausreichend hoher Qualität? Und ist die Lösung mit der normalen Patientenversorgung kombinierbar? Bei den Krankheiten Tinnitus, Diabetes und bestimmten psychischen Erkrankungen konnten wir alle drei Fragen bejahen. Deshalb sind das die ersten drei Pilotprojekte.

Wenn diese erfolgreich laufen und wir gutes Feedback von den Kunden bekommen, sind die nächsten Projekte de facto schon in Planung und in Arbeit.

Wie funktioniert das Prinzip genau, was muss der Kunde machen?

Das ist bei allen drei Krankheitsbildern ein bisschen unterschiedlich. Nehmen wir mal das Beispiel Diabetes. Grundsätzlich kann jeder Typ-I- oder Typ-II-Diabetiker, der eine Krankenvollversicherung bei uns hat, hier mitmachen. Der Kunde meldet sich an und bekommt ein Paket von uns. Das besteht aus einem Gutscheincode für die App „mydiabetizer“. Zusätzlich bekommt er ein hochwertiges Blutdruck- sowie ein Blutzuckermessgerät, die beide Bluetooth-fähig sind. Das heißt, die Messgeräte senden die Werte, die der Kunde misst, automatisch an die App.

Bei Diabetikern gibt es aber noch einen weiteren Risikofaktor, der oft vergessen wird – nämlich die Bewegung. Daher stellen wir dem Kunden auch einen Gutschein für ein Fitness-Armband der Firma Garmin zur Verfügung. Den Gutschein kann er im Garmin Online-Shop einlösen und sich das Armband vergünstigt kaufen. Auch dieses Armband synchronisiert sich mit der App – so bekommen Kunden direktes Feedback, ob ihr Bewegungslevel gut oder schlecht für die Diabetes ist.

Ganz anders läuft es etwa beim Tinnitus. Hier liefern wir sozusagen die erste App auf Rezept. Es gibt Hals-Nasen-Ohrenärzte in Deutschland, die Tinnitracks zur Behandlung eines subjektiven tonalen Tinnitus verordnen. Auf der Tinnitracks-Homepage können Kunden ab dem 16. Mai nachlesen, welche Ärzte teilnehmen. Dort lässt sich der Kunde die App verschreiben.

Kostet das den Kunden etwas?

Das ist bei allen drei Lösungen unterschiedlich. Bei Novego, dem Programm für die psychischen Erkrankungen, tragen wir die Kosten im Rahmen des Pilotprojekts komplett. Bei Tinnitracks gilt das gleiche, auch hier übernehmen wir die Kosten für die App – das sind rund 200 Euro für ein Jahr.

Im zweiten Schritt wollen wir diese E-Health-Lösungen aber in die normale Versorgung integrieren. Dazu würde es dann auch gehören, dass wir den Kostenübernahme- und Erstattungsprozess soweit wie möglich an die etablierten Prozesse angleichen.

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Da ist die Antwort sehr einfach: Datenschutz ist uns hier ganz besonders wichtig. Damit steht und fällt nämlich, ob die Kunden überhaupt mitmachen. Daher haben wir ganz explizit mit allen Anbietern vereinbart, dass kein Datenaustausch zwischen ihnen und der Gothaer bezogen auf individuelle Gesundheitsdaten der Personen stattfindet. Das einzige, was wir an personenbezogenen Daten bekommen, ist das, was auf der Rechnung drauf steht. Darüber hinaus erhalten wir ausschließlich aggregierte und anonymisierte Daten. Sonst könnten wir ja  zum Beispiel gar nicht nachvollziehen, wie viele Kunden die App überhaupt (noch) nutzen.

Was haben Sie als Versicherer davon? Kann man damit langfristig Kosten senken?

Das ist tatsächlich eine gute Frage. Darauf haben wir im Moment schlicht und ergreifend keine Antwort. E-Health-Lösungen könnten Kosten senken. Weil Kunden dadurch aber schon in frühen Jahren Kosten verursachen, könnte es auch sein, dass über die gesamte Lebensdauer betrachtet gar kein oder sogar ein nachteiliger Kosteneffekt entsteht. Das Kostenargument steht hier aber auch nicht wirklich im Fokus. Wir wollten einen eindeutigen gesellschaftlichen Trend aufgreifen und damit als Krankenversicherer einen aktiven Beitrag zur Gesundheit des Kunden leisten.

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