Reformen

Optionen richtig zusammensetzen: 5 Thesen zur Altersvorsorge

Wie geht es mit Rente und Vorsorge in Deutschland weiter? Die Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP), Michael Hauer und Andreas Kick, haben fünf Thesen dazu aufgestellt. Ein Gastbeitrag über den großen Wurf im Rentensystem, das Comeback einer Vorsorgeform und ein Wachstumsthema.
Michael Hauer (links) und Andreas Kick sind Geschäftsführer beim Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP)
© IVFP / Kollage durch Canva
Michael Hauer (links) und Andreas Kick sind Geschäftsführer beim Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP)

Die Alterssicherung in Deutschland befindet sich nicht in einer akuten Krise, wohl aber in einem strukturellen Ungleichgewicht. Demografische Verschiebungen, veränderte Erwerbsbiografien und steigende Anforderungen an Transparenz und Nachhaltigkeit treffen auf ein System, das in zentralen Punkten auf Annahmen der Vergangenheit beruht. Die politischen Antworten darauf blieben bislang fragmentiert.

Mit Blick auf das Jahr 2026 verdichten sich mehrere Entwicklungslinien, die nicht isoliert betrachtet werden dürfen: die Arbeit der Rentenkommission, die Neuausrichtung staatlich geförderter Vorsorge, der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz in der Beratung, die regulatorische Definition nachhaltiger Finanzprodukte sowie die wachsende Bedeutung von Vermögensübertragungen zwischen den Generationen.

Diese Themen verbindet eine gemeinsame Frage: Reichen bestehende Strukturen aus, um individuelle Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten? Die folgenden Thesen argumentieren, dass dies nur gelingt, wenn Altersvorsorge stärker ganzheitlich gedacht, systemisch weiterentwickelt und konsequent an der Lebensrealität der Menschen ausgerichtet wird.

These 1: Ohne den großen Wurf wird die gesetzliche Rente nicht zukunftssicher

Die Rentenkommission 2026 steht vor einer Grundsatzentscheidung. Angesichts der demografischen Entwicklung reicht es nicht mehr aus, an bestehenden Stellschrauben zu drehen oder einzelne Kennzahlen zu verteidigen. Ein zukunftsfähiges Rentensystem braucht einen Perspektivwechsel weg vom abstrakten Rentenniveau hin zu individueller Versorgungssicherheit.

Ein möglicher kurzfristig umsetzbarer Ansatz ist die Einführung eines persönlichen Versorgungsniveaus. Diese Kennzahl setzt die persönliche Bruttorente aus der gesetzlichen Rente einer Person ins Verhältnis zum letzten Bruttoeinkommen.

Diese Betrachtungsweise eröffnet neue Spielräume beim Renteneintritt. Denkbar ist ein flexibler Korridor zwischen 63 und 70 Jahren, gekoppelt an das persönliche Versorgungsniveau wie oben erläutert. Nicht das kalendarische Alter entscheidet, sondern die Frage, ob das persönliche Versorgungsniveau ausreicht.

In einer Ausbaustufe könnte dafür auch das noch zu definierende persönliche Gesamtversorgungsniveau herangezogen werden. Dieses basiert auf der digitalen Rentenübersicht und berücksichtigt neben der gesetzlichen Rente auch weitere Einkommensquellen. Altersvorsorge würde damit erstmals ganzheitlich betrachtet. Gleichzeitig entstünde eine sachlichere Grundlage für rentenpolitische Entscheidungen.

Auch die Einbeziehung neuer Selbstständiger in die gesetzliche Rentenversicherung sowie eine stärkere kapitalgedeckte Komponente gehören in diese Debatte.

Die Optionen liegen längst auf dem Tisch. Entscheidend wird sein, ob die Rentenkommission 2026 den Mut hat, sie zusammenzudenken. Denn angesichts der demografischen Realität gilt: Ohne einen strukturellen Neustart wird das Rentensystem nicht wieder auf die Beine kommen.

These 2: Die Riester-Rente wird 2026 eine Renaissance erleben

Die neue beitragsproportionale Förderlogik im Altersvorsorgedepot unterscheidet sich strukturell deutlich von den klassischen Riester-Zulagen. Gleichzeitig macht sie sichtbar, dass zentrale Kritikpunkte an Riester häufig zu pauschal waren. Gerade für Menschen, die nur geringe Eigenbeiträge leisten konnten, insbesondere Familien mit Kindern, war Riester kein ineffizientes Modell, sondern ein Instrument mit hoher Förderwirkung. Diese beruhte nicht auf Produktqualität, sondern auf der Förderarchitektur.

Unbestritten bleibt jedoch: Riester war und ist belastet durch strukturelle Fehlkonstruktionen. Der gesetzliche Garantiezwang von hundert Prozent ist ein Relikt, das Renditechancen begrenzt und Anbieter zu komplexen (und damit teuren) Sicherungsmechanismen gezwungen hat. Das Altersvorsorgedepot zieht hier eine klare Linie. Es verzichtet auf Garantievorgaben und trennt Anspar- und Entsparphase konsequent. Gleichzeitig setzt die neue Förderlogik im Altersvorsorgedepot andere Anreize. Sie belohnt nicht mehr primär das Erreichen eines Mindesteigenbeitrags, sondern knüpft die Förderhöhe konsequent an die tatsächliche Beitragshöhe. Wer eine hohe Förderung ausschöpfen will, muss entsprechend auch einen höheren Eigenbeitrag leisten.

Vor diesem Hintergrund ist für 2026 ein paradoxes Phänomen zu erwarten: Es könnte zum besten Riester-Jahr seit Langem werden. Nicht, weil das Produkt plötzlich attraktiver geworden wäre, sondern weil seine zeitliche Begrenzung und die förderunschädliche Wechselmöglichkeit neue Anreize setzen. Für bestimmte Lebensphasen, insbesondere für Familien mit Kindern und geringen Eigenbeiträgen lässt sich die hohe Zulagenwirkung noch gezielt nutzen. Gleichzeitig eröffnet das Altersvorsorgedepot eine klare Perspektive für den späteren Übergang in eine flexiblere, renditeorientierte Ansparlogik.

These 3: In einer Welt voller KI-generierter Inhalte wird persönlicher Kontakt zum Qualitätsmerkmal

Künstliche Intelligenz prägt bereits heute den öffentlichen Diskurs zu Finanz- und Vorsorgethemen. Sie bündelt Informationen, verdichtet Meinungen und formuliert scheinbar schlüssige Empfehlungen. Für das komplexe Themenfeld der Altersvorsorge ist sie jedoch für eine verantwortliche Beratung noch nicht ausreichend belastbar. Der zentrale Grund liegt dabei weniger in der Rechenleistung als in der fehlenden Verantwortung.

KI erzeugt den Eindruck individueller Passgenauigkeit, ohne für die Konsequenzen einzustehen. Sie produziert plausible Antworten, übernimmt aber keine Haftung, wenn Annahmen falsch sind oder Lebensrealitäten sich anders entwickeln. Hinzu kommt, dass KI stark von öffentlich verfügbaren Informationen und vorherrschenden Narrativen geprägt ist. Wenn in der öffentlichen Debatte verkürzte oder verzerrte Bilder dominieren, etwa zur Lebenserwartung, zu Kosten von Versicherungen oder zum Nutzen lebenslanger Renten, werden diese Sichtweisen reproduziert.

Gerade deshalb gewinnt persönlicher Kontakt an Bedeutung. Beratung bedeutet hier nicht Informationsvermittlung, sondern Einordnung, Korrektur und Verantwortung. Im direkten Gespräch, ob persönlich oder digital, werden Narrative hinterfragt, Zielkonflikte sichtbar gemacht und Entscheidungen bewusst getragen. Persönliche Beratung ist damit kein Gegenmodell zur KI, sondern das notwendige Korrektiv. Und genau darin liegt künftig ihr Qualitätsversprechen.

These 4: Nachhaltigkeit wird kein Transparenzthema mehr – sondern ein Produktversprechen mit Mindestanforderungen

Über Jahre hinweg war Nachhaltigkeit in der Finanz- und Vorsorgebranche vor allem ein Offenlegungsthema. Produkte erklärten, wie sie ESG-Kriterien berücksichtigen, ohne dass eindeutig festgelegt war, was „nachhaltig“ konkret bedeutet. Das führte zu Interpretationsspielräumen, uneinheitlichen Labels und erheblicher Unsicherheit in der Beratung. 2026 bringt hier eine wichtige Weichenstellung. Mit der absehbaren Reform der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR 2.0) beginnt der Übergang zu einem grundlegend anderen Ansatz.

Künftig steht nicht mehr die individuelle Auslegung im Vordergrund, sondern die eindeutige Zuordnung von Produkten zu klar definierten Nachhaltigkeitskategorien. Ob ein Produkt als nachhaltig, als Transformationsprodukt oder als nicht nachhaltig gilt, wird durch das Produkt selbst bestimmt und verantwortet. Auch wenn die neuen Regelungen voraussichtlich erst 2027 vollständig greifen, prägen sie bereits 2026 Produktentwicklung, Vertrieb und Kommunikation. Die Einhaltung der Kriterien wird damit weniger zur Beratungsfrage als zur Frage der Produktstruktur und regulatorischen Klassifizierung.

Für die Beratung zu nachhaltigen Finanzprodukten ist das ein wichtiger Fortschritt. Langfristige Vorsorgeprodukte benötigen keine moralischen Deutungen, sondern verlässliche, vergleichbare Rahmenbedingungen. 2026 wird damit zum Jahr der Vorbereitung und Bereinigung. Die Beratung wird einfacher, transparenter und rechtssicherer, weil Nachhaltigkeit nicht mehr erklärt oder verteidigt werden muss, sondern im Produkt angelegt ist. Greenwashing wird so nicht durch Interpretationen verhindert, sondern durch klare Kategorien – und genau das schafft Vertrauen.

These 5: Das Thema Erben und Schenken wird an Bedeutung zunehmen

Mit dem Eintritt der Baby-Boomer in den Ruhestand rückt die Frage der Vermögensübertragung stärker in den Mittelpunkt. Viele werden sich intensiver damit beschäftigen, wie sich Vermögen steuerlich sinnvoll und planbar an die nächste Generation weitergeben lässt. Darüber hinaus steht das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den bestehenden Erbschaftsteuerregelungen an. Daher wird es diesbezüglich sicherlich viele Diskussionen in der Politik geben.

Die Finanzberater:innen werden also nicht umhin können, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Dadurch kann sich der qualifizierte Berater auch gegenüber den Kunden auszeichnen und schafft für sich ein attraktives Geschäftsfeld. Zu den vorhandenen Lösungsansätzen wie zum Beispiel die Einkommensteuerfreiheit von Fondspolicen im Todesfall werden sicherlich noch neue innovative Lösungen für die Generation 50plus entstehen.

Die anstehenden Veränderungen in der Altersvorsorge lassen sich kaum auf einzelne Reformschritte reduzieren. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Systeme. 2026 markiert insofern keinen Endpunkt, sondern den Beginn einer Phase, in der strukturelle Entscheidungen getroffen werden müssen. Ein rentenpolitischer Perspektivwechsel hin zu individuellen Versorgungsniveaus, eine realistische Neubewertung staatlicher Förderung, klare regulatorische Leitplanken für Nachhaltigkeit sowie eine Stärkung verantwortungsvoller Beratung sind dabei keine Alternativen, sondern notwendige Ergänzungen. Qualität entsteht dort, wo komplexe Zusammenhänge verständlich eingeordnet, Zielkonflikte transparent gemacht und Entscheidungen bewusst begleitet werden.

Über die Autoren:

Michael Hauer und Andreas Kick sind Geschäftsführer beim Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP). In dieser Funktion bewerten sie regelmäßig insbesondere Produkte zur Altersvorsorge und äußern sich zu politischen Themen.

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