Pfefferminzia: Herr Schommers, wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Mehmet Göker?
Christian Schommers: Ich bin auf Mehmet Göker zugegangen, nachdem ich die erste Dokumentation über ihn von Filmemacher Klaus Stern gesehen habe. Da ist er mir als Person aufgefallen. Ich fand es faszinierend und polarisierend, wie er da aufgetreten ist.
Vorher hatte ich die Boris-Becker-Biografie geschrieben und wollte mich als nächstes mit einem Wirtschaftsthema auseinandersetzen – aber trotzdem mit einer Person, die Ecken und Kanten hat.
Also habe ich Kontakt zu ihm aufgenommen, wir haben ein paar Mal telefoniert und uns dann darauf geeinigt, die Biografie zusammen zu schreiben.
Haben Sie ihn in der Türkei besucht?
Schommers: Ja. Die Umsetzung der Biografie dauerte etwa ein Jahr. In dieser Zeit war ich dreimal je eine Woche bei ihm in der Türkei.
Wie war es da? Führt er einen protzigen Lebensstil?
Schommers: Nicht mehr so, wie es damals in Kassel der Fall war. Damals sind ja alle MEG-Führungspersonen mit Ferraris und Porsches durch die Gegend gefahren. Er hat in der Nähe der Stadt Kuşadasi eine Residenz von fünf, sechs Häusern, in der Mitte ein Pool. In diesen Häusern bringt er Mitarbeiter und Familienangehörige unter. Das ist für türkische Verhältnisse alles sehr gut. Er arbeitet viel und lässt es sich gut gehen. Als protzig würde ich seinen Lebensstil aber nicht beschreiben. Statt Ferrari fährt es jetzt Mercedes und ab und zu geht er gut Essen.
Was für ein Mensch ist Mehmet Göker?
Schommers: Er ist eine außergewöhnliche Person, ein großer Motivator. Er ist ein klassischer Vertriebler, mit allem was dazugehört. Ein Mensch, der andere für seine Idee begeistern kann. Was ich dort erlebt habe, war schon faszinierend. Er hat eine ganze Reihe von Leute aus alten Zeiten und neue Anhänger um sich versammelt, die ihn verehren. Ich könnte mir aber nicht vorstellen, unter ihm zu arbeiten.
Ist er herrisch?
Schommers: Auf jeden Fall. Zuckerbrot und Peitsche. Er fordert lautstark Einsatz und Umsätze von seinen Mitarbeitern ein. Aber ich denke, bei Strukturvertrieben geht das auch nicht anders.
Was macht er genau? Er sagt ja, er verkauft Datensätze.
Schommers: Er optimiert die Krankenversicherung von bereits versicherten Personen. Es geht also nicht mehr um den Verkauf wie früher, wo er 18 Monatsbeiträge Provision bekam. Jetzt geht es um die Optimierung – was kann ich innerhalb meiner eigenen Gesellschaft tun, um meinen Beitrag zu optimieren oder ist ein Wechsel zu einer anderen Gesellschaft sinnvoll. Er kauft diese Datensätze an, und telefoniert diese proaktiv ab. Gelingt die Optimierung, bekommt er ein Honorar vom Kunden.
Er arbeitet also nicht mehr mit Versicherern in Deutschland zusammen?
Schommers: Nein. Früher hat er ja den Versicherern die Kundschaft gebracht. Jetzt arbeitet er für die andere Seite.
War die Zusammenarbeit mit ihm einfach oder schwierig?
Schommers: Es war eine gute Zusammenarbeit. Letztlich ist es sein Leben und seine Biografie. Ich mache das – wie bei Boris Becker oder im aktuellen Fall Kevin Prince Boateng – immer so, dass ich Interviews mit den Menschen führe. Meistens zehn Stück für zehn Kapital à mehreren Stunden. Diese Interviews bringe ich in eine saubere Form und verdichte sie. Klar, diskutiert man dann mal, ob diese Stelle noch mit rein kann oder ob jener Name genannt werden darf – auch aus juristischen Gründen. Aber alles in allem war es ein spannendes Projekt.
Apropos Namen nennen: Carsten Maschmeyer soll Göker mit Klage gedroht haben, wenn er ihn im Buch erwähnt.
Schommers: Ja, das habe ich auch gelesen. Wobei man sagen muss, dass alles, was Göker über Maschmeyer erzählt, nur positiv ist. Maschmeyer ist sein Idol.
Wie denkt Mehmet Göker über das nach, was hier in Deutschland passiert ist? Ist er sich einer Schuld bewusst?
Schommers: Nein, er ist sich keiner Schuld bewusst. Er sagt, dass die Versicherer ihm die Möglichkeit gegeben haben, so zu arbeiten, wie er gearbeitet hat. Er habe den Versicherern viele, viele Millionen gebracht durch neue Kunden und davon habe er seinen Anteil abbekommen. So war damals das System und in dem System habe er eben gearbeitet. Da gibt es keine Reue.
Was er im Nachhinein kritisch sieht, ist, dass er zu schnell zu groß geworden ist. Und die Thematik mit den festen Freien und der Scheinselbstständigkeit unterschätzt hat. In dem Moment, als er diese Mitarbeiter alle fest anstellen musste, sind ihm die Kosten weggelaufen. Außerdem war der Laden zu groß geworden, Stornos folgten – da gerät ein Unternehmen schnell in Schieflage. Heute sagt er, er hätte früher auf die Bremse treten müssen.
Machen ihm die noch offenen Verfahren zu schaffen?
Schommers: Sorge im eigentlichen Sinne hat er jetzt in der Türkei nicht, denn die Türkei liefert ja nicht aus. Natürlich will er auf Dauer auch die letzten Verfahren noch abschließen, weil er gerne irgendwann die Möglichkeit hätte, nach Deutschland zurückzukehren. Er vermisst Deutschland schon.
Was denn konkret?
Schommers: Ganz profane Dinge wie den Weihnachtsmarkt oder eine gute deutsche Bratwurst oder das Kino. Er fühlt sich in der Türkei wohl, aber es ist schon eine Einschränkung, wenn man nicht mehr nach Deutschland zurückkann.
Also schmuggelt er sich nicht manchmal mit Perücke ins Land rein?
Schommers: Nicht, dass ich wüsste (lacht). Das wäre zu riskant.
Interessiert es ihn, was hier in Deutschland über ihn geschrieben wird?
Schommers: Ja, absolut. Er schaut regelmäßig in die sozialen Netzwerke und liest auch die lokale Berichterstattung aus Kassel.
Hat ein Mehmet Göker Angst vor irgendetwas?
Schommers: Ihn beschäftigt seine mittelfristige Zukunft. Laufen die Geschäfte in der Türkei dauerhaft so gut, dass er seinen Lebensstandard halten kann, was ist mit den offenen Verfahren? Also ganz klassische existenzielle Fragen. Er ist aber auch ein eitler Mensch. Ihn treibt es schon um, wie er diesen Imageverlust wieder gedreht bekommen könnte, sodass er vielleicht doch mal wieder in Deutschland arbeiten kann.
Haben Sie eine Lieblingsstelle im Buch?
Schommers: Eine Lieblingsstelle zu beschreiben, fällt mir schwer, weil das Buch insgesamt einen guten Fluss hat, finde ich. Es liest sich wie ein Spielfilm im Printformat. Wenn man einmal anfängt, wird man gut unterhalten und bleibt dran.
Ist Mehmet Göker interessanter als Boris Becker?
Schommers: Die beiden Herren würde ich nur ungern vergleichen wollen. Beide sind interessant. Beide sind in ihrem jeweiligen Bereich Alphatiere, die polarisieren, die Ecken und Kanten haben, die Höhen und Tiefen erlebt haben. Sowas finde ich immer spannender, als wenn es eine einzige Lobhudelei auf ein Leben wäre.
Christian Schommers ist Bestsellerautor (Boris Becker „Das Leben ist kein Spiel“), Journalist, Kolumnist, Medien- und Kommunikationsberater. Der 43-jährige lebt in Hamburg.
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