„Nicht mehr zeitgemäß“

Zurich schafft Berufsgruppen in der BU ab

Punktesystem statt Berufsgruppen – der Versicherer Zurich will seine Neukunden in der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) künftig anders erfassen als es im Markt üblich ist. Klassische Berufsbilder hätten zunehmend ausgedient, begründete Jacques Wasserfall, Lebenvorstand der Zurich Gruppe Deutschland, den Schritt. Außerdem verspricht das Unternehmen seinen BU-Kunden, die Nettoprämie fünf Jahre lang nicht zu erhöhen.
© dpa/picture alliance
Das Logo auf der künftigen Deutschland-Zentrale der Zurich in Köln. Der Umzug von Bonn in die Domstadt ist für den 21. Oktober terminiert.

Der Versicherer Zurich will sich künftig bei der Antragstellung in der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) weniger an der Berufsbezeichnung, sondern stärker an der tatsächlich ausgeübten Tätigkeit des Kunden im Berufsalltag orientieren.

Die neue Berufsunfähigkeitsversicherung von Zurich – der Berufsunfähigkeits-Schutzbrief – basiert daher zum Produktstart am 1. August auf einem so genannten Scoring-Modell, das die bisherige Systematik der neun Berufsgruppen ersetzt.

Ziel der Maßnahme sei eine individueller Risikoeinstufung des Kunden, wie Jacques Wasserfall, Lebenvorstand der Zurich Gruppe Deutschland, am Mittwoch vor der Presse in Bonn erläuterte. „Das klassische Berufsgruppenmodell hat ausgedient“, so Wasserfall. „Selbstständige Tätigkeit und projektbezogene Auftragsarbeit nehmen zu. Das muss sich auch in der Berufsunfähigkeitsversicherung der Zukunft abbilden.“

Wie wirkt sich die Maßnahme in der Praxis aus?

Nach einer Grundeinstufung als Akademiker, Techniker, Handwerker sowie zehn weiteren möglichen Berufsobergruppen werden jeweils folgende Kriterien abgefragt: Tätigkeitsstatus, Anteil der Bürotätigkeit, Berufs-/Bildungsabschluss, Personalverantwortung, Rauchgewohnheiten sowie bei Ärzten eine eventuelle chirurgische Tätigkeit. Jedes dieser Risikomerkmale ist wiederum in sich unterteilt. So wird beispielsweise im Bereich Personalverantwortung weiter unterschieden nach der Zahl der geführten Mitarbeiter.

Dabei gilt: „Jede Antwort wirkt sich aus“, wie Rüdiger Feilen, Produktmanager biometrische Produkte, vor den Pressevertretern betonte. Heißt: Nach jeder beantworteten Frage sammelt der Kunde Scoring-Punkte – je mehr, desto besser für ihn. Denn wird eine bestimmte Punkte-Grenze erreicht, verbessert sich die Einstufung, wodurch zugleich die Prämie sinkt.

Das System ist keine Einbahnstraße – Raucher erwarten künftig Nachteile

Das neue System ermögliche ein hohes Maß an Individualität, das es im BU-Markt bislang so noch nicht gegeben habe, sagte Feilen. Dabei profitiere Zurich von einem der größten Bestände im hiesigen Markt von mehr als 500.000 Verträgen. Dieser Bestand liefere „eine hohe Verlässlichkeit in der Datenbasis“ – und diese wolle man dazu nutzen, um die Stabilität auszubauen, hieß es.

„Wir können im Bestand relativ schnell erkennen, welches Tätigkeitsmerkmal, das wir im Rahmen des Underwritings abfragen, möglicherweise Auwirkungen auf den Bestand hat“, erläuterte Feilen.

Wenn Zurich also eine bestimmte Tätigkeit in der Vergangenheit als zu kritisch eingeschätzt hat, so kann der Versicherer künftig in bestimmten Kriterien „etwas Luft rauslassen“, wie es Feilen beschrieb, um die Einstufung für den Kunden attraktiver zu machen – oder eben auch nicht, denn das neue System ist nicht als Einbahnstraße für den Versicherten konzipiert. Wer beispielsweise Raucher ist, den erwarten künftig Zuschläge.

So räumt Zurich ein, dass man in der Rückbetrachtung das Kriterium Raucher/Nichtraucher bislang unterschätzt habe. Das Differenzierungsmerkmal Raucher sei bislang primär in der Risikolebensversicherung anzutreffen, sagte Biometrie-Experte Feilen, in der Berufsunfähigkeitsversicherung nutzten nach seinem Kenntnisstand „im Moment fünf oder sechs Anbieter“ dieses Merkmal.

Das sei ein Trend, den man feststelle und es sei davon auszugehen, dass sich dieser Trend verstärke, ergänzte der Zurich-Manager, da Raucher ein deutlich höheres Risiko für eine Berufsunfähigkeit hätten. Dieses Risiko beziehe sich nicht allein auf Krebserkrankungen, sondern auch auf andere Krankheitsbilder, die durch das Rauchen befördert würden.

Nettobeiträge für fünf Jahre stabil

Zugleich erteilte Zurich den Forderungen von einigen Vermittlern, eine Innovationsklausel nach dem Vorbild der Sachversicherung einzuführen, eine Absage. Die damit verbundenen Risiken seien zu hoch.

Stichwort Risiken – auch zu den Verwerfungen am Kapitalmarkt äußerte sich der Versicherer: „Die Niedrigzinsphase schlägt sich überall nieder“, sagte Lebenvorstand Wasserfall. In der BU sei dieses Thema aber weniger stark ausgeprägt als in der Altersvorsorge. Die risikogerechte Einstufung habe eine viel größere Auswirkung darauf, ob ein Beitrag richtig bemessen sei oder nicht, betonte Wasserfall.

Zurich garantiert seinen Kunden dann auch, die Nettobeiträge dank stabiler Überschüsse für fünf Jahre nicht zu erhöhen. „Damit haben wir im Markt ein Alleinstellungsmerkmal“, so Zurich-Mann Feilen.

Durchschnittliche Regulierungsdauer soll von 100 auf 75 Tage fallen

Ob es für die Zurich in Zukunft auch im Hinblick auf die Dauer der Leistungsbearbeitung für ein Alleinstellungsmerkmal reicht, ist dahingestellt. Dana Hagemann, Abteilungsleiterin Leistungsregulierung Leben, machte jedenfalls klar, dass sich das Unternehmen in dieser Disziplin ehrgeizige Ziele gesteckt hat: Zwischen Einreichung des BU-Leistungsfall durch den Kunden und der abschließenden Bewilligung durch Zurich vergehen derzeit noch 100 Tage im Schnitt, in Zukunft sollen es nur noch 75 Tage sein.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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