Pfefferminzia: Der Wettbewerb im BU-Bereich hat in den vergangenen zehn Jahren die Policen qualitativ immer besser werden lassen, gleichzeitig aber ist der Zugang für Risikoberufe immer schwieriger und teurer geworden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Matthias Börger: Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine zunehmende Anzahl von Berufsgruppen sowie die Hinzunahme weiterer Merkmale, die die Prämie beeinflussen, wie zum Beispiel die familiäre Situation und das Rauchverhalten. Dies führt zum einen zu einem Preis, der dem einzelnen Risiko gerechter wird. Zum anderen verteuert sich dadurch jedoch die Prämie für die Personen mit hohem Risiko. Damit sind gerade in Berufen mit eher geringem Einkommen die Prämien häufig so hoch, dass eine Berufsunfähigkeitsversicherung gar nicht mehr abgeschlossen werden kann. Diesen Personen müssen Alternativen angeboten werden.
Wie werden Risikogruppen eigentlich gebildet? Wonach bemisst sich das Risiko konkret?
In der Kalkulation einer Versicherung werden gleichartige Risiken zusammengefasst. Bei der BU sind dies zum Beispiel die Berufsgruppen. Bei der Einschätzung des Risikos werden insbesondere die konkreten BU-Fälle der Vergangenheit analysiert. Aber auch Annahmen über die zukünftige Entwicklung fließen in die Kalkulation mit ein.
Gibt es Berufe, die erst in den vergangenen Jahren erheblich risikoreicher eingestuft wurden und andere, die heute risikofreier beurteilt werden als früher? Welchen Änderungen ist diese Einstufung unterworfen?
Gerade für körperlich Tätige haben sich die Prämien in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich erhöht. Allerdings wird bei vielen Berufen nun auch feiner differenziert. Beispielsweise können die Übernahme von Personalverantwortung oder ein hoher Anteil von Bürotätigkeit bei handwerklichen Berufen die Prämie deutlich reduzieren.
Welche Faktoren beeinflussen die Prämie konkret?
Die Prämie ist natürlich abhängig von der Höhe der versicherten BU-Rente sowie den konkreten Leistungen des Tarifs, wie zum Beispiel dem Grad der Berufsunfähigkeit, ab dem eine Leistung erbracht wird, oder der Verzicht auf zeitlich befristete Leistungen. Zudem ist das Alter bei Abschluss der Versicherung ein sehr wichtiger Faktor. Mit zunehmendem Alter wird auch die Prämie für die BU teurer, da die Wahrscheinlichkeiten, berufsunfähig zu werden, steigen. Ein weiterer Faktor, der die Prämie beeinflusst, ist das Ergebnis der Gesundheitsprüfung. Vorerkrankungen erhöhen das Risiko der Berufsunfähigkeit und damit auch die Prämie.
Was würden Sie zum Beispiel einem Handwerker oder Feuerwehrmann, der keinen bezahlbaren BU-Schutz findet, raten? Eine BU mit Ausschlüssen oder eine alternative Absicherung?
Da gibt es sicherlich keine pauschal richtige Antwort, denn das hängt sehr stark von den Bedürfnissen des Kunden ab. Allerdings führen gerade Ausschlüsse, die die Prämien bei einer BU deutlich reduzieren, in der Regel auch zu deutlichen Lücken in der Absicherung. Erwerbsunfähigkeits- oder Multifunktionsversicherungen sind hier häufig die bessere Alternative. Der Versicherte muss zwar die Aufnahme anderer Tätigkeiten in Kauf nehmen, sofern er diese noch ausüben kann. Ist dies nicht mehr möglich, ist er aber in jedem Fall abgesichert, unabhängig von der konkreten Ursache der Erwerbsunfähigkeit.
Auf welche Leistungen in einer BU kann ein Versicherter womöglich leichter verzichten, sie einschränken oder zeitlich befristen, um den BU-Schutz günstiger zu machen?
Auch hier ist die Antwort stark von der persönlichen Situation des Versicherten abhängig. Daher ist eine gute Beratung so wichtig bei dieser Versicherung. Dem Kunden muss bewusst sein, in welchen Fällen die Versicherung leistet – und wann eben auch nicht.
Kalkulieren die alternativen biometrischen Versicherungen wie Multifunktionspolicen oder Erwerbsunfähigkeitsschutz anders als eine BU?
Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherung gibt es schon relativ lange und als Grundlage der Kalkulation stehen Standardtafeln der Deutschen Aktuarvereinigung zur Verfügung. Bei Multifunktionsversicherungen liegen diese langjährigen Erfahrungen noch nicht vor, daher arbeiten wir bei der Kalkulation mit Ärzten zusammen. Bei Multifunktionspolicen ist zudem die Kalkulation wesentlich komplexer, weil Leistungsauslöser nicht voneinander unabhängig und in vielen Fällen mehrere Auslöser erfüllt sind. Zum Beispiel führt der Verlust eines Beines als Folge eines Unfalls zu Leistungen aus dem Unfallbaustein aber sicherlich auch zu Einschränkungen bei den Grundfähigkeiten.
Was glauben Sie, wie die Entwicklung im Markt für biometrische Absicherungsprodukte weitergeht?
Der Trend zu günstigen Alternativen zur BU wird weiter gehen, insbesondere im Bereich der Multifunktionsversicherung. Hier werden weitere Anbieter auf dem Markt kommen. Wir erwarten aber auch, dass bestehende Anbieter ihre Produkte auf Basis der bisher gemachten Erfahrungen überarbeiten. Des Weiteren erwarten wir Produktinnovation im Bereich Pflege und bei der kombinierten Absicherung von BU- und Pflegerisiken in einem Tarif. Wir haben auch schon Nachfragen nach Produktideen, wie die teilweise doch recht lange Ansparphase bei Pflegerententarifen mit renditeträchtigeren Anlagen hinterlegt werden kann, quasi eine fondgebundene Pflegerentenversicherung. Dies ergibt natürlich nur Sinn, wenn in dem Produkt weiterhin auch eine garantierte Pflegerente enthalten ist.
Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.