Berufsunfähigkeit

Was ein Makler dem WDR erzählte – und wozu das gut sein könnte

Versicherungsmakler Matthias Helberg hat neulich einen Anruf aus der Verbraucherredaktion des WDR erhalten. Es ging um Recherchen zu einem abgelehnten Fall in der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Wie das Telefonat verlief und ob der Sender seine Berichterstattung zur BU womöglich überdenken wird, erfahren Sie hier.
© Screenshot WDR
„Gerade wenn es um viel Geld geht, zahlen Versicherungen im Ernstfall oft nicht“, verlautbarte der WDR in einem Beitrag vom 24. September 2018. Versicherungsmakler Matthias Helberg hofft, dass der nächste Beitrag des Senders zu einem differenzierteren Fazit kommt.

„Wenn Journalisten für einen Beitrag in WDR Markt zu einem abgelehnten BU-Fall recherchieren, hier anrufen und die ehrliche Antwort (ca. 2/3 Anerkennungen, bei uns 90 Prozent) nicht wahrhaben wollen, ist das Urteil wohl schon gefällt #wasnichtinsweltbildpasstdarfnichtsein“, schreibt ein sichtlich enttäuschter Matthias Helberg am 12. Februar auf seiner Facebook-Seite.

Doch in einem späteren Post des Maklers glimmt ein Fünkchen Hoffnung auf: „Eine andere Redakteurin des WDR hat sich hier gemeldet und sich den Gesprächsverlauf schildern lassen. Das Gespräch war sachlich & freundlich und man bittet darum, den TV-Beitrag erstmal abzuwarten. Wir sind nun gespannt, ob es auch ein sachlicher TV-Beitrag wird…? Das wäre sicherlich nicht nur für das Thema BU gut, sondern auch für den WDR“, fährt Helberg fort.

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Ist der vorsichtige Optimismus des Maklers berechtigt? Hm, schwer zu sagen, denn offenbar ist der Beitrag noch nicht fertig worden. Auch in der Vorschau zur nächsten Ausgabe von „WDR Markt“ am Mittwoch, 27. Februar, findet sich kein Hinweis auf das Thema.

Schade eigentlich, denn wir bei Pfefferminzia sind wirklich neugierig geworden, was die WDR-Redaktion aus dem Thema machen wird. Andererseits kann es ja nicht verkehrt sein, sich die nötige Zeit für die Recherche zu nehmen. Alternative: Stöbern wir doch einfach mal in der Online-Mediathek des WDR, um zu sehen, wie es um die jüngste Berichterstattung zur BU bestellt ist. Vielleicht lässt sich ja dadurch erahnen, wo die Reise hingehen könnte?

„Ich hab zwar keine Kraft mehr, aber ich kämpfe bis zum letzten Tag“

Gesagt, getan. Treffer: Vor fast einem halben Jahr, genauer gesagt am 24. September 2018, haben die Kollegen von „WDR Servicezeit“ einen ausführlichen Beitrag zur Berufsunfähigkeitsversicherung ausgestrahlt. Auch in diesem Fall wird der Film mit dem Porträt eines Menschen eröffnet, dessen BU-Antrag abgelehnt wurde. „Ich stand eines Morgens auf dem Parkplatz und konnte nicht mehr in die Firma gehen“, schildert der Großhandelskaufmann Christian Jedlitzky seine persönliche Leidensgeschichte, die von starken Depressionen geprägt ist. Er bekommt eine staatliche Erwerbsunfähigkeitsversicherung zugesprochen. Da die Hürden hierfür sehr hoch liegen, nahm er an, dass auch die BU-Beantragung bei der Nürnberger „reine Formsache“ wäre. Doch da täuscht er sich. Der Fall wandert vor Gericht. „Ich hab zwar keine Kraft mehr, aber ich kämpfe bis zum letzten Tag“, wird Jedlitzky am Ende des Beitrags sagen.

Nun dürfte aus Sicht erfahrener (und vor allem bloggender) BU-Makler wie Helberg nichts dagegen sprechen, auf ein Einzelschicksal aufmerksam zu machen, um das „trockene Thema Versicherung“ greifbar zu machen. So funktioniert Fernsehen eben, alles gut. Entscheidend ist, wie der einzelne Fall in den Gesamtzusammenhang eingebettet wird. Also: Steht der Fall des Großhandelskaufmanns sinnbildlich für die Situation der BU-Versicherten in Deutschland?

Also weitergeschaut: „So ein Schritt ist längst nichts ungewöhnliches mehr“, hört man den Reporter sagen. Er meint damit, dass sich Jedlitzky einen Anwalt nimmt, um die herumzickende Versicherung zu verklagen. „In seinem Kanzleialltag gewinnt Christian Kotz schon seit Jahren den Eindruck, dass die Zahlungsmoral der Versicherer erheblich gesunken ist – zum Nachteil der Kunden“, fährt der WDR-Mann fort. Und nun kommt der Anwalt Jedlitzkys selbst zu Wort: „Mittlerweile kann man sagen: In sieben von zehn Fällen zahlen die Versicherer nicht sofort.“ Man müsse klagen oder weitere Gutachten einholen und sich auf einen langwierigen Prozess einstellen, so Kotz.

Es zeige sich, übernimmt der Reporter wieder das Wort, dass die Versicherer „eine Auszahlung oft ablehnen“. Daraufhin wird eine tabellarische Leistungsübersicht von BU-Versicherern eingeblendet. Als Quelle wird auf das Analysehaus Morgen und Morgen verwiesen. Die Tabelle wird von der Kamera rasch überflogen und schließlich der letzte Anbieter im Ranking groß hervorgehoben. „Die Canada Life schneidet am schlechtesten ab mit einer Leistungsquote von gerade einmal 27 Prozent“, heißt es dazu.

Allerdings fehlt hier der ergänzende Hinweis, dass es einen großen Unterschied macht, ob der Versicherer über einen großen oder kleinen beziehungsweise jungen oder alten Vertragsbestand verfügt – denn junge Versicherer wie Canada Life weisen in der Regel höhere Ablehnungsquoten auf. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe, wie Michael Franke, Geschäftsführer des Analysehauses Franke und Bornberg, bereits auf einer Veranstaltung im Sommer 2017 erklärte. Dies sei kein Zeichen für unterschiedliche Qualität am BU-Markt, so Franke (wir berichteten).

Kein Makler, kein Versicherungsverband kommen zu Wort

Weiter mit dem Film: „Die Nürnberger liegt mit 65 Prozent im unteren Mittelfeld. Am besten schneidet noch die Condor ab mit 92,3 Prozent Leistungsquote“, so der Reporter.

Man könnte auch sagen: Auf die Schilderung des Einzelschicksals folgt der Verweis auf Einzeldaten. Denn auf Durchschnittswerte der Branche (ja, auch die können trügen) geht der WDR nicht ein. Man darf also gespannt sein, ob sich die Redakteure für ihren nächsten BU-Bericht an die Zahlen erinnern, die Makler Helberg ihnen im Gespräch zurief. Immerhin, ist man geneigt zu sagen, wurde Helberg überhaupt angerufen, denn im vorliegenden Bericht taucht gar keine Maklerstimme auf – im Übrigen auch kein Vertreter des Versicherungsverbandes GDV. Dabei veröffentlicht dieser regelmäßig Zahlen zum Stand der BU-Leistungsregulierung (das es hier aus Maklersicht noch einiges zu verbessern gibt, steht auf einem anderen Blatt).

„Und warum ist das jetzt so schlimm geworden?“

Stattdessen kommt erneut der Anwalt zu Wort: „Früher war das anders. Da hatten Sie das häufiger, dass die Versicherungen sofort ein Anerkenntnis abgegeben und gezahlt haben.“

„Und warum ist das jetzt so schlimm geworden?“, hakt der Reporter nach. „Die Versicherer nennen das Schadenmanagement“, antwortet Kotz. „Man versucht halt, die eigenen Ausgaben zu reduzieren – zum Wohle der Aktionäre.“ Unerwähnt bleibt, dass es neben der Rechtsform „Aktiengesellschaft“ auch noch den „Versicherungsverein“ gibt, bei denen die Versicherungsnehmer die Mitglieder und die Träger des Vereins sind.

Könne man denn beobachten, dass die Versicherung „auch eine Art von sozialer Verantwortung fühlt?“, will der Reporter nun vom Anwalt wissen. „Soziale Verantwortung haben sie im Versicherungsgewerbe nicht mehr. Es geht dann halt nur ums Geld“, sagt Kotz. „Sie müssen in dieser Zeit eine Rechtsschutzversicherung haben, um das Risiko abzusichern, gegen den Versicherer auf dem Rechtswege vorzugehen.“

Nachdem der Bericht geendet hat, dreht der Moderator im Studio das Thema weiter. Jedlitzkys Fall sei kein Einzelfall, sagt er. „Ist das nur ein gefühlter Eindruck oder entspricht das immer mehr der Realität?“ Es folgt ein weiterer Einspieler, in dem der gleiche Reporter unter anderem die Verbraucherzentrale NRW besucht. „Eine Hilfestellung bei der Verbraucherzentrale kostet 80 Euro die Stunde“, sagt er. Und die sei „sogar viel sinnvoller als eine Beratung durch klassische Versicherungsvertreter auf Provision, denn anders als die, berät eine Verbraucherzentrale nämlich unabhängig.“

„Er wird Ihnen sicherlich nicht dazu raten, irgendetwas nicht abzuschließen “

„Wir haben kein finanzielles Interesse daran, ob Sie einen Vertrag abschließen oder nicht“, sagt Anja Grigat von der Verbraucherzentrale NRW dem Journalisten. „Das ist anders als beim Vermittler einer Versicherung, der nur dann Geld verdient, wenn Sie tatsächlich auch einen Abschluss tätigen. Das heißt, er wird Ihnen sicherlich nicht dazu raten, irgendetwas nicht abzuschließen oder alles so zu belassen wie es ist, weil das für ihn völlig unrentabel ist.“

„Kein Schutzengel, sondern nur ein ganz normaler Verkäufer“

Das Fazit des Reporters lautet dann so: „Was die Werbung uns auch immer vorgaukelt. Die ach so heile Versicherungswelt hat es nie gegeben, so sehr wir den Kontakt zum persönlichen Ansprechpartner bei der Schadensabwicklung auch vermissen mögen. Dass es heute nicht mehr so kuschelig zugeht wie früher birgt aber auch Chancen: Mit etwas mehr Eigeninitiative und unabhängiger Unterstützung fährt man wahrscheinlich sogar besser. Denn mal ehrlich: Auch Herr Kaiser von früher war im Grunde gar kein Schutzengel, sondern auch er nur ein ganz normaler Verkäufer.“

Als Versicherungsvermittler dürfte man sich angesichts dieser Schlussworte wohl fragen, ob die künftige Berichterstattung des WDR zur Berufsunfähigkeitsversicherung ein Quäntchen differenzierter ausfallen wird – oder, ob es im Grunde nur ein ganz normaler WDR-Bericht bleiben wird.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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