Es sei Konsens in der Versicherungsbranche, dass die große Disruption nicht kommen werde, sagte Moderator und Versicherungsjournalist Herbert Fromme in seiner Begrüßungsrede vor mehreren hundert Versicherungsmanagern in Hamburg. Belegschaften müssten mit milden Erschütterungen rechnen und Vermittler hätten ebenso wenig zu befürchten, beschrieb Fromme die Stimmungslage in der vermeintlichen „Wohlfühlbranche“.
„Große Gelassenheit wird nicht halten“
Aber natürlich ist es eine Schimäre, ein Trugbild, das Fromme malte. Aber schauen wir einfach mal zehn Jahre zurück – und dann wieder auf heute: „Deutsche Bank – ein Schatten ihrer selbst, Commerzbank immer noch am Staatstropf. Verglichen damit geht es doch Allianz und Talanx noch richtig Gold, oder?“, rief der Moderator in den Saal. Dann die Auflösung: „Diese große Gelassenheit wird nicht halten“, prophezeite Fromme.

Enden viele Versicherer als gekochte Frösche?
Der weltweit größte Versicherer Ping An aus China beschäftige über 30.000 technische Entwickler und Programmierer, fuhr der Gastgeber fort. Dessen Manager, der US-Amerikaner Donald Lacey, habe jüngst auf einer Tagung erklärt, dass die Europäer die Digitalisierung und die Bedrohung von außen stark unterschätzen würden. Er verdeutlichte dies am Bild eines Frosches, den man in heißes Wasser wirft – der wird da sofort wieder rausspringen. Wenn das Wasser aber kalt ist und die Temperatur nur langsam erhöht wird, bleibt der Frosch drin – bis er stirbt. „Europe will see many boiled frogs“, orakelte Ping-An-Mann Lacey.
Nun ja, man müsse das alles nicht allzu ernst nehmen, freute sich Fromme über seine kleine Schauer-Anekdote, die Chinesen kochten in vielen Feldern auch nur mit Wasser – trotzdem sei dies als „klare Ansage“ zu verstehen. „Passen Sie also auf, dass Sie kein boiling frog werden“, warnte Fromme das Fachpublikum.
„Warum sollte Amazon einen eigenen Risikoträger bauen?“
Es war dann ausgerechnet ein Vertreter des digitalen Wandels, nämlich der Vorstand des Digitalversicherers Element, Wolff Graulich, der die Rolle des Schurken im Stück ablehnte und in seinem Vortrag auf die Drama-Bremse trat. So erwartet er nicht, dass Handelsgigant Amazon entgegen mancher Prognose irgendwann einmal selbst als Versicherer auftreten wird. „Warum sollte Amazon einen eigenen Risikoträger bauen, wenn sie die Anbieter auch an der Kundenschnittstelle ausquetschen, wie Check24 das offenbar erfolgreich macht?“, gab er zu bedenken.

Überhaupt sei die Insurtech-Welle eher gut für die Versicherer, so Graulich, weil sie der Branche ermögliche, sich Wissen einzukaufen, statt es sich selbst anzueignen. „Kooperation statt selber bauen“ und „Partnerschaft statt Disruption“ seien vielmehr die sich aktuell abzeichnenden Entwicklungen, erklärte der Element-Vorstand. Dabei verwies Graulich auf das Vorbild Autobranche – zumindest was die Arbeitsteilung betrifft. Lediglich 25 Prozent der verbauten Teile hätten die Autobauer selbst entwickelt, der Löwenanteil komme von Zulieferern.
Element will hier offenbar Wegbereiter sein, denn das Insurtech bietet Versicherern sogenannte White-Label-Lösungen an – so geht beispielsweise die BVB-Police der Signal Iduna auf eine Idee des Hauses zurück, wie auch eine Police gegen Flugverspätungen sowie diverse Kurzzeitversicherungen.
Kooperationen seien notwendig, zugleich sollten sich Versicherer auf ihre Kernkompetenzen besinnen, um auch in Zukunft führend aufzutreten, so Graulich.


Kritische Töne schlug Marcus Reichel an, als er zu den Problemen von internationalen Haftpflichtprogrammen aus der Sicht eines Kunden berichtete. So beklagte der Geschäftsführer der Knauf VVG Versicherungsservice und -Vermittlungs GmbH, dass die Versicherer noch zu häufig analog unterwegs seien und noch zu wenig Nutzen aus den vorhandenen Daten zögen. „Erlebbar ist das noch nicht“, sagte Reichel im Hinblick auf die Schadenregulierung und die nach wie vor starke Präsenz von Excel-Dateien. „Excel ist nicht mehr zeitgemäß, die Versicherer sollten mehr auf Plattformlösungen setzten“, betonte der Manager.
Reichels Worte sollten der Branche zu denken geben: Knauff ist weltweit vernetzt, stellt Baustoffe sowie Bausysteme her und unterhält in mehr als 86 Ländern Produktionsstätten und Vertriebsniederlassungen.

Ist mit Haftpflichtthemen noch Geschäft zu machen? Das fragte Thomas Losch, Abteilungsleiter bei Ergo für Underwriting im Bereich Haftpflicht Gewerbe/Industrie, das Auditorium. Nur wenige Hände gehen nach oben. Bei der Gegenfrage das gleiche Bild. „Die große Mehrheit sind also schwarze Nullschreiber?“, scherzte Losch und wurde dann ernst: So pflichtete er Knauff-Manager Reichel bei, dass eine große Herausforderung für die Versicherer darin besteht, die Vielzahl an Informationen und Daten „zu heben“. Wenn dies gelänge und man daraus Trends und Gefahren ableiten könne, ließen sich Risiken „minimieren, optimieren oder gar einstellen“, gab sich der Referent optimistisch.
„Im Underwriting stellen wir massiv Fragen, rechnen hin und her und wägen ab – braucht man das alles?“, gab Losch weiter zu bedenken. Hier sei den Insurtechs zugutezuhalten, dass sie „Dinge aufbrechen und in Frage stellen“.
Und dann kam der Ergo-Mann auf die Frage Reichels zu sprechen, warum es bei den Versicherern noch so sehr an der „Erlebbarkeit“ hapere? Viele Versicherer liefen auf relativ alten Systemen, erklärte Losch, die ihn bisweilen an den Computerspiel-Klassiker Pac-Man erinnerten. Diese Systeme müssten umgebaut werden, so auch bei Ergo. Es sei eine „Mammutaufgabe“ die alten und neuen Systeme zusammenzubringen. Daran arbeite der Ergo-Konzern, schilderte Losch.


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