Teilgarantien in der Altersvorsorge

„Konsequent wäre es, einen kompletten Verzicht auf Garantien anzubieten’’

Sind Teilgarantien die Zukunft für die Lebensversicherung? Ökonom Olaf Stotz sagt im Interview mit Pfefferminzia, warum es falsch sei, den Deutschen generell eine Risikoscheu zu unterstellen – und wie sinnvoll die Riester-Rente und das Sozialpartnermodell in der bAV sind.
© Frankfurt School
Olaf Stotz ist Professor of Asset Management und Pension Economics an der Frankfurt School.

Pfefferminzia: Inwieweit haben sich die Einstellungen deutscher Sparer bezüglich Sicherheit und Garantien nachhaltig geändert?

Olaf Stotz: Das generell zu beurteilen, ist komplex. Menschen tun sich tendenziell schwer mit Unsicherheit. Das merkt man aktuell auch in der Pandemie-Diskussion: Menschen wünschen sich eine klare Perspektive, wie es weitergeht und konkrete Handlungsempfehlungen. Mit Unsicherheiten und „Wenn-dann“-Szenarien kommen sie weniger gut zurecht. Beim Anlageverhalten sehen wir aktuell, dass vor allem jüngere Menschen weniger auf Sicherheit und Garantien setzen und affiner für Aktien sind. Das kann aber auch mit der Generationenfrage zusammenhängen – jüngere Menschen bekommen einfach mehr vererbt. Mit Geld, das man geschenkt bekommt, geht man in der Regel riskanter um als mit selbstverdientem Geld.

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Warum verwechseln offenbar immer noch viele Kunden Sicherheit mit Garantien und überschätzen das Verlustrisiko?

Die Menschen sehen das Verlustrisiko durch eine kurzfristige Brille. Wenn es an den Märkten deutlich nach unten geht und Dax-Verluste die Nachrichten beherrschen, sorgt diese Brille dafür, dass diese zwischenzeitlichen Kursverluste überbewertet werden. Das nennt man dann ‚Myopic Loss Aversion’ in der Verhaltensökonomik. Dies wird häufig als Argument dafür angeführt, dass Menschen sehr risikoscheu sind und Garantien wünschen, die dieses kurzfristige Risiko abmildern. Das aber ist nur ein vorgetäuschtes Risiko, denn langfristig gleicht es sich kurzfristige Rückschläge am Aktienmarkt wieder aus.

Die klassische Lebensversicherung mit voller Beitragszusage lässt sich kaum noch verkaufen. Versicherer wie die Allianz setzen verstärkt auf die Lebensversicherung mit Teilgarantie. Ist dies eine gute Lösung, entsteht hier ein neuer Standard?

Teilgarantien sind letztlich inkonsequent, jedes mögliche Niveau einer Teilgarantie ist irgendwo adhoc. Konsequent wäre es hingegen, auch einen kompletten Verzicht auf Garantien anzubieten und es dem Anleger zu überlassen, welches Niveau er für richtig hält. Wer ein Garantieniveau möchte, bezieht noch viele andere Aspekte mit ein. Ein Investor etwa, der über eine sehr hohe gesetzliche Rente verfügt, hat dadurch bereits eine hohe Garantie in seiner Altersvorsorge und kann vielleicht auf eine weitere Garantiekomponente sogar komplett verzichten. Ein anderer, mit keiner oder nur geringer gesetzlichen Rente, sollte vielleicht besser ein hohes Garantieniveau wählen, weil er im Ruhestand auf jeden Euro angewiesen sein wird. Das Individuelle mit zu integrieren ist wichtiger, als dass man über alle Menschen hinweg einen Standard festlegt. Berater sollten dem Kunden stets die Kosten-Nutzen-Effekte jedweder Garantie erläutern.

Wie lange noch sind Ihrer Ansicht die gesetzlich vorgeschriebenen 100-Prozent-Garantien in der Riester-Rente und in der betrieblichen Altersversorgung (alte Welt) haltbar?

Wir hatten schon vor vier Jahren die 100-Prozent-Garantien kritisiert. Solche Nominal-garantien sind in der heutigen Welt der Negativzinsen noch viel weniger sinnvoll. Sie müssten eigentlich weg. Bei der Riester-Rente sollte man die Kosten der Garantie stärker in den Vordergrund stellen und es wesentlich erleichtern, zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Dazu kommt: Als die Riester-Rente eingeführt wurde, hat noch niemand von Nachhaltigkeit gesprochen. Wer heute seine laufende Riester-Rente nachhaltiger gestalten möchte, ist meistens im Altvertrag gefangen. Mehr Flexibilität und Transportabilität wäre der konsequente Weg. Gleiches gilt übrigens für die Betriebsrente, die in vielen Bereichen noch weniger transparent und fungibel ist.

Seite 2: „Das deutsche Rentensystem ist übergaraniert“

In der neuen bAV-Welt des Sozialpartnermodells aus dem Betriebsrentenstärkungsgesetz sind Garantien untersagt. Ist das der richtige Weg?

Im Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) kann man neue garantiefreie Tarife nur anbieten, wenn man viele Partner mit ins Boot holt. Es wäre so viel einfacher, wenn der Arbeitgeber einfach zwei Tarife anbieten würde, einen nicht garantierten und einen wie auch immer garantierten Tarif. Der Arbeitnehmer könnte dann einfach diese beiden individuell so kombinieren, dass er genau das Garantieniveau erhält, dass er braucht. Eine solche Flexibilität wird aber ad absurdum geführt, wenn man auf extrem risikoaverse Partner wie die Gewerkschaften angewiesen ist – wie es aktuell im BRSG reguliert ist. Da macht man den Bock zum Gärtner. Und ein Mittelständler ohne Tarifvertrag kann seinen Mitarbeitern, die zu etwas mehr Risiko bereit sind und sich so auch mehr Rente erarbeiten könnten, heute noch kein passendes bAV-Produkt anbieten. Hier muss die zukünftige Bundesregierung bessere Rahmenbedingungen schaffen!

Was ist das größte Hindernis auf dem Weg zu einer weiteren Verbreitung der bAV: die politischen Rahmenbedingungen, die Produkt-Konzepte der Versicherer oder die Einstellung der Arbeitgeber?

Ich denke, es liegt am ehesten an der Politik und den Produktanbietern. Generell ist das deutsche Rentensystem „übergaraniert“ und bietet dem Anleger vor allem risikoarme und renditeschwache Produkte an. Es scheint so, als würden die Rahmenbedingungen mit den Anbietern konformgehen, aber nicht mit den Ansprüchen der Kunden. Denn dann würde man mehr Flexibilität zulassen, die es bisher so nicht gibt. Wenn Mitarbeiter neu eingestellt werden, können sie sich für oder gegen die bAV entscheiden, also nach dem Motto  „nimm das Produkt oder lass es“. Auswahlmöglichkeiten oder Wettbewerb um das beste Produkt gibt es kaum. Solange diese Mentalität in der bAV herrscht, wird es zu keiner größeren Verbreitung kommen. Würde jeder Kfz-Hersteller nur ein Modell mit einer Ausstattungsvariante in der Golfklasse anbieten, wäre das Automobil bestimmt nicht so weit verbreitet, wie das heute der Fall ist.

Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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