Dem Kollektiv in der Versicherungswirtschaft liegt der ursprüngliche Gedanke zu Grunde, die finanziellen Lasten aus Zufallsrisiken eines Einzelnen über eine große Gruppe zu verteilen. Ging beispielsweise ein Schiff unter, war nicht nur das Schiff selbst, sondern auch eine mögliche Ladung verloren. Den einzelnen Eigner traf das schwer. Taten sich nun viele Schiffseigentümer zusammen und jeder zahlte einen bestimmten Betrag in einen Risikotopf ein, so konnte das einzelne finanzielle Schicksal durch die Gemeinschaft ausgeglichen werden. Jeder verzichtete zum Wohle der Gemeinschaft auf einen Teil seiner Erträge, denn jeden konnte dieses Einzelschicksal ereilen und dann vom Risikotopf profitieren. Das Risiko, dass alle Schiffe gleichzeitig untergingen, war gering, wenn nicht alle Schiffe zur gleichen Zeit auf der gleichen Route unterwegs waren. Es fand und findet also ein Risikoausgleich in der Gemeinschaft, im Kollektiv, statt.
Zufallsrisiko
Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert den Risikoausgleich im Kollektiv wie folgt:
„Der Risikoausgleich im Kollektiv liegt in der Einbettung der einzelnen Versicherungsverträge in ein Kollektiv von Risiken begründet. Der Ausgleich im Kollektiv findet darin seinen Ausdruck, dass unter sonst konstanten Bedingungen eine wachsende Kollektivgröße Vorteile bietet. Diese Vorteile bestehen darin, dass sich bei wachsender Kollektivgröße entweder das Zufallsrisiko selbst verringert oder aber bei gleichbleibendem (kontrolliertem) Sicherheitsniveau der versicherte Gesamtschaden im Durchschnitt günstiger finanziert werden kann und damit für den einzelnen Versicherungsnehmer der Versicherungsschutz günstiger zu erwerben ist…“
Auch hier ist der Begriff „Zufallsrisiko“ zu lesen. Genau mit diesem müssen wir uns im Zusammenhang mit der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen und Versicherungslösungen auseinandersetzen. Beim Zufallsrisiko geht es um die Wahrscheinlichkeit, dass der Gesamtschaden innerhalb des Kollektivs zu einem bestimmten Zeitraum die Summe der vereinnahmten kollektiven Prämien für die Risikodeckung und das vorhandene Risikokapital übersteigt. Also um den eingangs geschilderten Fall, dass alle Schiffe zur gleichen Zeit die gleiche Route nehmen und beispielsweise im gleichen Sturm untergehen. Zum Merkmal des Zufallsbegriffs werden wir ebenfalls beim Gabler Wirtschaftslexikon fündig. Dort ist zu lesen:
„Das Zufallsrisiko wird typischerweise durch die Verlustwahrscheinlichkeit beziehungsweise allgemein durch die Ruinwahrscheinlichkeit quantifiziert. Das Zufallsrisiko ist nicht vollständig eliminierbar, jedoch im Gegensatz zu den anderen Komponenten des versicherungstechnischen Risikos relativ gut mit wahrscheinlichkeitstheoretischen Methoden abschätzbar.“
Zur Ermittlung des individuellen Risikos werden bei bestimmten Versicherungssparten nicht nur Gesundheitsfragen gestellt, sondern seit vielen Jahren auch Lifestyle-Fragen. Der Klassiker ist die Frage nach dem Rauchen oder nach Tabakkonsum allgemein, sowie der Häufigkeit und der Menge des Alkoholgenusses. Da allgemein bekannt ist, dass Tabak-, wie auch übermäßiger Alkoholkonsum, das Erkrankungsrisiko und damit den Leistungsfall wahrscheinlicher machen, kommen beim Tabak Zuschläge zum Einsatz, beziehungsweise erhält der Nichtraucher einen Beitragsrabatt. Heute ist bekannt, dass es viele zusätzliche Faktoren gibt, die das Erkrankungsrisiko erhöhen. Übergewicht wird daher nun auch bei der Gesundheitsprüfung berücksichtigt.
Ist das Kollektiv in Gefahr?
Fehlernährung jedoch nicht. Obwohl seit Jahrzehnten bekannt ist, dass beispielsweise übermäßiger Zuckerkonsum im Laufe der Jahre eine wesentliche Ursache und Auslöser vieler Zivilisationskrankheiten ist, findet das im Versicherungsbereich nahezu keine Berücksichtigung. Lediglich wenn sich bei der Beantwortung von Gesundheitsfragen bereits erste Hinweise ergeben, wird im Rahmen der Laborwerte auch der Langzeitzuckerwert HbA1c abgefragt.
Selbst wenn die Angabe dieses Wertes zum Standard würde, wäre es nur eine aktuelle Momentaufnahme der Situation zum Zeitpunkt der Antragstellung und der vorangegangenen rund drei Monate. Betrachtet man die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas in dern vergangenen Jahzehnten, so kann man hier durchaus von einer epidemischen Entwicklung sprechen. Allein in Deutschland stieg von 1999 bis 2013 der Anteil adipöser Männer um 40 Prozent (Frauen: 24,2 Prozent). Der Anteil übergewichtiger Männer stieg im gleichen Zeitraum um 8,3 Prozent (Frauen: 4,5 Prozent). Und die Daten von Statista zeigen auch nach 2013 einen weiter steigenden Trend.
2015 betrugen die direkten Krankheitskosten für Adipositas bereits rund 1,1 Milliarden Euro pro Jahr. Von Adipositas wird ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 gesprochen. Die Kosten für Übergewicht sind hier noch nicht enthalten. Hinzu kommen die Kosten, die sich indirekt durch Übergewicht ergeben. Beginnend beim naheliegenden Thema orthopädischer Schäden bei Knorpeln und Gelenken, bis hin, dass das Organfett stoffwechselaktiv ist und proentzündliche Stoffe (Zytokine) ausschüttet. Hierdurch können stille Entzündungen entstehen, deren langfristiges Vorhandensein viele der heutigen Zivilisationskrankheiten begünstigen, oder sogar direkt auslösen können. Zu nennen sind hier etwa Diabetes, Atherosklerose, Schlaganfall, Herzinfarkt, Rheuma bis hin zu bestimmten Krebsarten.
Weiterhin begünstigt eine typische westliche Ernährungsweise mit hohem Kohlenhydratanteil, wenig gesunden und mehr ungünstigen Fetten wie Transfetten aus Frittiertem und industriellen Gebäck neben geschädigten Zellwänden eine Fehlbesiedlung im Darm. Diese kann wiederum zu Autoimmunerkrankungen mit beitragen, oder bestehende verschlimmern. Beginnend bei eher harmlosen Allergien wie Heuschnupfen, über Asthma bis hin zu sehr ernsthaften Erkrankungen wie Hashimoto (Schilddrüse), Colitis Ulcerosa, Morbus Crohn und Multiple Sklerose. Auch viele psychische Erkrankungen können ihren Ursprung im Darm nehmen. Gleiches gilt für neurologische Krankheiten wie beispielsweise Alzheimer.
War vor 40 Jahren der adipöse Kunde im Kollektiv eher die Ausnahme und gab es nur wenige Übergewichtige, so sind wir langsam auf dem Weg dahin, dass der Normalgewichte im Laufe der Versicherungsdauer zur Ausnahme wird. Das Einzelrisiko, welches im Kollektiv aufgefangen wurde, wird damit zum Massenphänomen. Dies verursacht einen erheblichen Kostendruck auf das Gesundheitswesen und damit auch auf gesetzliche und private Versicherungen.
Sorgen der Kritiker versus stabile Beiträge
Bei gesetzlichen biometrischen Absicherungen kann dieser Situation mit zwei Maßnahmen begegnet werden. Zum einen können die Beitragssätze erhöht, zum anderen die Leistungen reduziert werden. Genau das sehen wir seit vielen Jahren regelmäßig. Die private Versicherungswirtschaft kennt Beitragssteigerungen zwar auch, kann aber einmal in den allgemeinen Versicherungsbedingungen zugesagte Leistungen nicht einfach im Bestand verschlechtern. Als primäre Reaktion auf zunehmende Leistungsfälle und damit verbundenen steigenden Kosten, bleibt nur die Erhöhung der Beiträge.
Wenn Kritiker befürchten, dass die Belohnung positiven Verhaltens im Versicherungsbereich das klassische Kollektiv abschaffen und gefährden können, bleibt die Frage, ob möglichst stabile und finanzierbare Beiträge nicht auch ein Schutz des Kollektivs darstellen? Sollte sich der Kunde nicht auch im Alter seine private Krankenversicherung noch leisten können?
Häufig stellen Kritiker auch die Frage, wo bei der Beurteilung des versicherungsrelevanten Verhaltens der Anfang gemacht werden soll und wo das Ende? In diesem Zusammenhang werden Risiko-, oder Extremsportarten erwähnt. Hierzu ist jedoch festzuhalten, dass der Versicherer bereits heute in den allgemeinen Versicherungsbedingungen Leistungsfälle, die durch die Aufnahme solcher Sportarten nach Versicherungsbeginn entstehen, ausschließen kann.
Weiterhin sind die Kosten für das Kollektiv im Vergleich zu den oben genannten Erkrankungen, deren Ursprung zu großen Teilen in langanhaltender Fehlernährung liegen, vergleichsweise verschwindend gering. Betrachten wir die Entwicklung der Ausgaben im Gesundheitsbereich, werden wir mittel- bis langfristig wohl nicht darum herumkommen, gesundheitsbewusstes Verhalten der versicherten Personen zu belohnen. Damit können Anreize geschaffen werden, die Beiträge für die Versicherten finanzierbar zu halten. Das sollte doch auch im Interesse des Verbraucherschutzes sein, oder nicht?
Der internationale Versicherungsmarkt ist bereits weiter
International ist man hier bereits deutlich weiter. Gerade der asiatische Raum hat mit einer schon fast explosionsartigen Entwicklung westlicher Zivilisationskrankheiten zu kämpfen. Zum großen Teil ausgelöst wird das durch die Übernahme der durchschnittlichen Ernährungsweise der westlichen Industrieländer. Die traditionelle asiatische Ernährung, die für die dortigen Menschen Jahrhunderte lang eine hohe Lebenserwartung und geringere Morbidität bedeutete, wird von den jungen Asiaten immer weniger genutzt.
International tätige Versicherungsgesellschaften haben sich dieser Entwicklung angepasst und bieten im asiatischen Raum verstärkt Verträge mit „Vitality-Programmen“ an, bei denen gesundheitsbewusstes Verhalten also belohnt wird. Der US-Lebensversicherer Hancock bietet Versicherungen inzwischen nur noch auf diese Weise an. Versicherte erhalten Zugang zu Webseiten und Apps, die sie bei einem gesunden Lebenswandel und Ernährungsweise unterstützen sollen. Wer das Einhalten bestimmter Zielwerte nachweist, erhält Rabatte bei Partnerunternehmen. Besonders interessant ist die Plus-Variante. Für einen monatlichen zusätzlichen Beitrag in Höhe von 2 Dollar können auch sportliche Aktivitäten, gesunde Ernährung und regelmäßige Check-up Besuche bei Ärzten zu einem Beitragsrabatt von bis zu 15 Prozent führen.
Auch in Südafrika und Australien gibt es immer mehr vergleichbare Ansätze. Damit solche Programme zu nachhaltigen Vorteilen für das Kollektiv führen, ist es aus Sicht des Autors jedoch besonders wichtig, nicht nur auf rein technische Tracking-Methoden zu setzen, sondern die intrinsische Motivation zu einem gesundheitsbewussten Verhalten zu erhöhen. Hierfür ist Aufklärung über die Hintergründe und Zusammenhänge von Ernährung und Sport auf die Entstehung und Vermeidung von Krankheiten besonders wichtig. Dabei muss vor allem mit den Ernährungs- und Sportmythen der Vergangenheit aufgeräumt werden.
Die heutigen Verbraucher haben kein Defizit an Informationen. Diese gibt es im Internet kostenfrei in großer Menge. Zugang zu vielen Informationen zu haben, sorgt jedoch nicht automatisch für mündigere und aufgeklärte Verbraucher. Denn viel zu häufig gibt es völlig widersprüchliche Aussagen, die aus der jeweiligen Sicht logisch klingen. Das führt zur Verwirrung. Genau hier gilt es anzusetzen und Aufklärungsarbeit zu leisten.
Weiterhin muss der Menschen als Individuum berücksichtigt werden. Pauschale Empfehlungen für gesundes Verhalten oder gesunde Ernährung, die für alle gelten, gibt es aufgrund der unterschiedlichen individuellen Situationen deshalb nicht. Während beispielsweise Hülsenfrüchte für Menschen mit einem gesunden Darm durchaus förderlich sein können, sollten sie von Personen mit einem Leaky Gut, beziehungsweise einer geschädigten Darmschleimhaut, erst einmal gemieden werden.
Plattformen im Internet und Tracking-Tools alleine reichen deshalb nicht. Nur wer versteht, weshalb er sich wie individuell verhalten sollte, um möglichst lange gesund zu bleiben, wird sich dieses Verhalten zur Gewohnheit machen. Apps mit Gamification-Ansätzen können dies aktivieren und kurzfristig unterstützen. Langfristig wird eine gesunde Lebensweise von informierten und orientierten Menschen jedoch deutlich länger durchgehalten werden. Warum? Weil es dann nichts zum Durchhalten gibt, sondern weil es zur neuen Gewohnheit geworden ist. So normal, wie regelmäßiges Zähneputzen. Auch wenn es selbst hierfür inzwischen Apps gibt, schaffen es die meisten Menschen doch noch immer ganz analog für ihre Zahngesundheit zu sorgen.
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