In den vergangenen Jahren wurden die verschiedensten Modelle für eine entsprechende Lebensmittelkennzeichnung entwickelt und diskutiert. Nun möchte man auch in Deutschland, wie bereits in anderen EU-Ländern, den Nutri-Score zum Einsatz bringen.
Verarbeitete Lebensmittel erhalten eine farbliche Buchstabenreihe. Der Buchstabe A ist tiefgrün und soll für Lebensmittel stehen, die als gesund eingestuft werden. Die Reihe endet mit dem tiefroten E, welches gesundheitlich bedenkliche Produkte kennzeichnet. Dazwischen befinden sich farbliche Abstufungen von Hellgrün über Gelb und Orange. Dass neben den Farben auch Buchstaben enthalten sind, ist übrigens wichtig, da es Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche gibt.
Um zu ermitteln, welchen Buchstaben und welche Farbe ein Lebensmittel erhält, wird dessen Zusammensetzung und Energiegehalt betrachtet. Einige Inhaltstoffe erhalten negative Punkte, andere positive. Als erstes prüft man also die Mengen bestimmter Inhaltsstoffe und berechnet die negativen Punkte. Maximal 40 sind möglich. Hier zählen neben dem Gesamtenergiegehalt auch Zucker, gesättigte Fettsäuren und Natrium dazu.
Im nächsten Schritt werden die positiven Punkte ermittelt. Hier sind maximal 15 Punkte zu erreichen. Pluspunkte gibt es für den Eiweiß- und Ballaststoffgehalt und den Gewichtsanteil von Obst, Gemüse oder Nüssen. Nun werden die negativen mit den positiven Punkten verrechnet. So erhält man das Endergebnis. Aus diesem wird der Nutri-Score abgeleitet. Die Angaben beziehen sich immer auf 100 Gramm oder 100 Milliliter eines Produkts. Für unverarbeitete Lebensmittel wie Obst und Gemüse ist der Score damit nicht geeignet und kommt nicht zum Einsatz.

Kritisiert wird der Nutri-Score, da er bestimmte Inhaltsstoffe unberücksichtigt lässt, wie künstliche Aromen und Geschmacksverstärker. Ebenso bleibt der Vitamin- und Mineralstoffgehalt, bis auf Salz, außen vor. Weiterhin ist heute bekannt, dass gesättigte Fettsäuren nicht per se schlecht für die Gesundheit sind.
Die oben erwähnte Verrechnungsmöglichkeit von negativen und positiven Punkten bei der Ermittlung des jeweiligen Nutri-Scores ist einer der primären Kritikpunkte. Lebensmittelhersteller können zwar den Nutri-Score nicht selektiv aufdrucken, beispielsweise nur auf grün bewerteten Produkten, sondern müssen dies für das gesamte Sortiment durchführen. Jedoch könnten Lebensmittel, die eher schlecht abschneiden würden, entsprechend modifiziert werden. Das folgende Beispiel verdeutlicht dies:
Anmerkung: Die folgende Zusammenstellung ist eine grob vereinfachte Vorgehensweise!
Damit der Riegel die urzeitlichen Programme unserer Geschmacksnerven gut anspricht geben wir mit 17,5 Gramm relativ viel Zucker in den Riegel, 2 Gramm davon stammen aus den unten genannten Himbeeren. Das ist die Obergrenze, um gerade noch maximal 3 Minuspunkte zu erhalten. Je weniger Zucker, desto weniger Minuspunkte. (Anmerkung: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine maximale tägliche Zuckerzufuhr von 25 Gramm. Mit unserem 100-Gramm-Riegel haben wir bereits einen Großteil davon erreicht.)
Solange wir weniger als 90 Milligramm Natrium im Riegel haben, müssen wir keine weiteren negativen Punkte berücksichtigen. Der Natriumanteil von Natriumchlorid, dem Kochsalz, beträgt etwa 40 Prozent. Wir könnten also maximal 225 Milligramm Salz hinzugeben. Also lassen wir Salz möglichst komplett weg.
Kommen wir nun zu den gesättigten Fettsäuren. Diese stecken primär in tierischen Produkten wie Butter, Schmalz, Fleisch und Milch. Auch Pflanzenfette wie Kokosfett, Palmöl und Kakaobutter können viele gesättigten Fettsäuren enthalten. In Nüssen kommen diese ebenfalls vor. Da wir später noch 40 Gramm Nüsse hinzufügen werden, erhalten wir durch diese rund 2,56 Gramm gesättigte Fettsäuren. Ein Blick in die Punkte-Tabelle des Nutri-Score lässt uns aufatmen. Über 2 Gramm, aber weniger als 3 Gramm gesättigte Fettsäuren bedeuten nur 2 Minuspunkte.
Da wir nun wenig Fett und Salz im Riegel haben, dieser aber so gut wie möglich schmecken soll, fügen wir reichlich künstliche Aromastoffe und Geschmacksverstärker hinzu. Die müssen wir beim Nutri-Score nicht berücksichtigen – und sie sind günstig im Einkauf.
Damit hätten wir den Buchstaben C erreicht, womit wir uns nicht zufriedengeben wollen. Außerdem müssen wir zum Schluss noch den Energiegehalt in Kilojoule berücksichtigen. Es wird also Zeit für Inhaltsstoffe, mit denen wir positive Punkte erhalten.
Eiweiß: Allein die gleich folgenden Nüsse liefern uns etwa 8,4 Gramm Eiweiß. Ab 8 Gramm Eiweiß gibt es die maximale Punktzahl von 5. Wir müssten also gar kein zusätzliches Eiweiß hinzufügen, ist ja auch eine Kostenfrage. Der Riegel soll möglichst günstig sein. Wir notieren 5 Pluspunkte.
Ballaststoffe: Mit Ballaststoffen können wir unseren Riegel mengenmäßig gut auffüllen. Außerdem erhalten wir ab 4,7 Gramm maximal 5 Pluspunkte. Also ordentlich Ballaststoffe in den Riegel. Das können wir auf der Packung vorne zusätzlich positiv erwähnen. Schließlich gelten Ballaststoffe als gesund.
Nüsse und Obst: Kommen wir nun zu den teuersten Zutaten, den Nüssen und dem Obst. Davon geben wir in Form einer Nussmischung 40 Gramm hinzu. Die liefern zwar viel Fett und damit Energie, primär sind dies jedoch einfach- und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Die gesättigten Fettsäuren der Nüsse haben wir oben bereits berücksichtigt. Für Nüsse erhalten wir jedoch positive Punkte. Ab 40 Gramm könnten wir einen Pluspunkt festhalten. Das reicht uns aber noch nicht. Wir wollen hier die maximale Punktzahl, dabei aber den Energiegehalt möglichst geringhalten. Also geben wir noch 40 Gramm Himbeeren dazu. Unser Riegel hat damit mindestens 80 Gramm Nuss- und Obstanteil. Jetzt können wir die hier maximalen 5 Pluspunkte festhalten.
Entscheidend, ob wir die positiven Punkte mit den negativen komplett verrechnen dürfen, ist nun allerdings der Energiegehalt unseres Riegels in Kilojoule. Denn die Verrechnung ist nur dann komplett möglich, wenn wir entweder weniger als 11 Minuspunkte haben. Sind die negativen Punkte größer oder gleich 11 Punkte, können wir nur komplett verrechnen, wenn der Obst- und Nussanteil bei über 80 Prozent liegt. Wir kommen jedoch genau auf 80 Gramm. Zeit also mit dem Energiegehalt den letzten der 4 negativen Punkte zu berechnen:
Summe: 1.926,88 Kilojoule und damit laut Nutri-Score-Tabelle 5 Punkte
In der Summe ergeben sich aus negativen Faktoren 10 Punkte, liegen damit unter den oben genannten maximal 11 Minuspunkten und dürfen die positiven Punkte vollständig verrechnen.
Negative Punkte: 10
abzüglich positive Punkte: 15
Gesamte Punktanzahl: -5
Damit erhält unser Eiweiß-Nuss-Riegel ein tiefgrünes A! Das hätten wir jedoch bereits mit -1 Punkt erreicht. Also könnten wir bei den teuren Nüssen etwas einsparen, würden dann zwar nur maximal 4 Pluspunkte für Nüsse und Obst erhalten, das ist jedoch irrelevant, da wir unter den maximalen 11 negativen Punkten bleiben und somit die positiven Punkte vollständig verrechnen dürften.
Der Auftrag an unsere Food-Designer als Lebensmittelhersteller würde also lauten: Optimiert den Riegel bezüglich des Nussanteils so weit, dass wir weiterhin ein A erhalten und dabei möglichst viel der teuren Nüsse einsparen können. Je weniger Nüsse, desto weniger Kilokalorien beziehungsweise Kilojoule enthält der Riegel außerdem.
Nun könnte man natürlich ausführen, dass ein Riegel, der relativ viele Nüsse und Himbeeren enthält doch auch gesund ist und das dunkelgrüne A damit berechtigt ist. Dem wäre zuzustimmen, wenn nicht der Zuckeranteil mit 17,5 Prozent sehr hoch wäre. Und was sind schon 100 Gramm? Der Riegel erhält ein grünes A, scheint also gesund zu sein, warum also nicht zwei davon essen, damit man auch gesättigt wird?
Mit zwei Riegeln ist man aber bereits bei 35 Gramm Zucker und damit weit über der maximalen Zufuhrempfehlung der Weltgesundheitsorganisation. Die künstlichen Aromastoffe und Geschmacksverstärker dürfen wir bei der gesundheitlichen Betrachtung auch nicht außen vorlassen, finden beim Nutri-Score jedoch keine Berücksichtigung.
Dass die Kennzeichnung der Lebensmittel mit dem Nutri-Score das Problem des Übergewichts und der Adipositas in Deutschland reduzieren kann, ist daher stark anzuzweifeln. Wie wir seit vielen Jahren wissen, stieg das durchschnittliche Gewicht der Menschen in den Industrieländern seit den Siebzigern nicht durch zu viel Fett im Essen, auch nicht durch zu viel gesättigte Fettsäuren. Sondern vor allem durch einen zu hohen Gehalt an schnellen Kohlenhydraten wie Zucker und Fruktose-Glukose-Sirup in gesüßten Getränken. Ein Riegel, mit einem grünen A, der jedoch bei nur 100 Gramm bereits 70 Prozent der maximalen empfohlenen täglichen Zuckermenge erreicht, wird das Übergewicht der Deutschen nicht reduzieren helfen.
Fazit: Gut gemeint, aber Thema verfehlt. Setzen, sechs.
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