Pfefferminzia: Wie lässt sich die stagnierende Versorgungsquote bei der Berufsunfähigkeitsversicherung steigern?
Helmut Hofmeier: Es fehlt an Transparenz. Die Kunden sind zu wenig aufgeklärt, sie verwechseln viele Begriffe und fühlen sich beim Thema Berufsunfähigkeit unwohl. Laut unserer aktuellen BU-Studie glauben viele immer noch, sie hätten mit einer Kranken- oder Unfallversicherung ausreichend für den Fall einer BU vorgesorgt. Dabei sind die häufigsten Leistungsauslöser anhaltende Stress- und psychosomatische Situationen. Die Branche muss positiver und häufiger in der Öffentlichkeit kommunizieren, insbesondere die Leistungen einer BU-Versicherung herausstellen.
In den vergangenen Jahren war die Sparte geprägt von einem Preiskampf – geht dieser Trend weiter?
Der Preiskampf ist noch nicht zu Ende. Allerdings zeigt unsere Erfahrung, dass die Makler nicht nur über den Preis beraten. Aus diesen Gründen haben wir unsere BU überarbeitet. Es ging uns dabei nicht um den Preiskampf, sondern um Kundenorientierung. Denn aus unserer Sicht gibt es keine profitablen und weniger profitablen Berufe. Wir haben knapp 6.000 Berufe gelistet, viele Tätigkeiten entwickeln sich weiter. Zum Beispiel die Chirurgie. Dort werden Patienten heute minimalinvasiv behandelt, vermehrt werden Roboter eingesetzt. Die Grundlage der Versicherung ändert sich, in zehn Jahren benötigt ein Chirurg wohl kaum noch seine Hände. Demnach ändert sich auch sein BU-Risiko. Ein anderes Beispiel ist der Dachdecker. Viele Versicherer haben Angst, dass er vom Dach fällt. Aber Dachdecker setzen mittlerweile Drohnen ein, um das Dach zu prüfen, der Beruf wird ungefährlicher. Bei unserer Kalkulation denken wir also um Jahre voraus und halten unsere BU-Prämie weiterhin über die Laufzeit stabil.
Ist die BU aufgrund erhöhter Leistungsfälle weniger profitabel geworden für Versicherer?
Im Gegenteil, wir haben in den vergangenen Jahren trotz deutlich mehr Leistungsfällen höhere Margen gesehen. Es gibt zwar immer mehr psychische Erkrankungen als BU-Ursache, aber alle anderen Auslöser wie etwa Wirbelsäulenprobleme haben deutlich abgenommen. Ich glaube daher, dass der Markt bei den Prämien noch nachbessern wird, man wird unserem neuen BU-Konzept nacheifern. Wir haben 300 Berufe günstiger oder ganz neu eingeführt, das sind nicht zwingend Ausbildungsberufe, aber reale Tätigkeitsfelder wie zum Beispiel der Drohnenpilot. In etwa 15 Prozent der Fälle ist die Versicherung dadurch günstiger geworden, dies geben wir an die Kunden weiter.
Welche Berufe sind branchenweit ausschließlich über die Continentale versicherbar?
Exklusiv sind bei uns 25 Berufe versicherbar. Dazu zählen zum Beispiel der Drohnenpilot, der IT-Berater für Künstliche Intelligenz oder der Feelgood-Manager. Letzterer Beruf kommt aus den USA und wird in großen Unternehmen eingesetzt. Der Begriff umschreibt Experten, die das Arbeiten in allen Bereichen nachhaltig verbessern und die konstruktive Zusammenarbeit fördern sollen. Dazu gehört zum Beispiel Gesundheitsunterstützung für das tägliche Leben.
Welche Leistungsverbesserungen bieten Sie nun in der BU-Versicherung an?
Wir sind kundenorientierter und flexibler. Bei der Umorganisation seines Betriebes oder der Praxis erhält der Kunde bis zu zwölf Monatsrenten. Einzelne Reha-Maßnahmen übernehmen wir auch bis zu 2.000 Euro. Falls der Gesetzgeber die Regelaltersgrenze verändert, passen wir das Endalter der BU jetzt ohne neue Gesundheitsprüfung im Vertrag an. Und schließlich kann der Kunde bei uns beliebig oft der Beitragsdynamik widersprechen, ohne das Recht auf die Dynamik zu verlieren. Mit dem Karriere-Paket sprechen wir Berufseinsteiger und Studenten an. Damit kann der junge Versicherte unter anderem die BU-Rente ohne Gesundheitsprüfung bis auf maximal 2.500 Euro verdoppeln, wenn er in den Beruf einsteigt. Darüber hinaus kann er nun nicht nur nach einer Weiterbildung, sondern auch nach einem Berufswechsel prüfen lassen, ob ein günstigerer Beitrag möglich ist. Mit dem Plus-Paket leisten wir direkt auch während der Prüfphase, wenn jemand an Krebs erkrankt ist oder einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatte bis zu 15 Monate.
Was kennzeichnet Ihren digitalen Antragsprozess?
Wir haben viel Wert daraufgelegt, Beratungs- und Antragsprozesse zu optimieren und die Kommunikation mit Kunden und Ärzten zu verbessern. Seit Oktober 2018 haben wir den eGesundheitsDialog im Antragsprozess eingeführt. Wenn wir vertiefende Fragen an Ärzte haben, senden wir eine E-Mail und die Ärzte können interaktiv über unser Portal antworten. Seit Juli 2019 bieten wir diesen Service auch unseren Kunden an. Wir versenden keine Papierberge mehr, sondern spezifische Fragen. Für die Antworten braucht ein Arzt meist nur zehn Minuten, der Kunde sogar nur zwischen einer und fünf Minuten. Wir fragen Ärzte und Kunden somit viel zielgerichteter und erhalten die Antworten elektronisch.
Wie erfolgreich ist diese Art der Kommunikation?
66 Prozent aller Ärzte füllen unsere Fragenbögen online aus. Etwa die Hälfte der Fragen wird nach 18 Uhr beantwortet, das heißt nicht das Vorzimmer, sondern der Arzt übernimmt das eigenhändig. Das Verfahren ist effektiv und wir erhalten keine Beschwerden mehr. Das ist indes noch kein Branchenstandard, mit dem eGesundheitsDialog sind wir hier Pionier. Bei unserem Direktversicherer Europa haben wir mit einem ähnlichen Konzept einen eGesundheitsCheck eingeführt. Hier können Kunden eine Risikolebensversicherung mit elektronischer Risikoprüfung online abschließen. In 75 Prozent der Fälle mit positivem Ergebnis. Damit halten wir den Aufwand beim Kunden möglichst gering.
In der Branche gibt es einen Trend, die Grundfähigkeitspolice als Alternative zur BU herauszustellen. Was halten Sie davon?
Während der BU-Begriff normiert ist und die Versicherten schützt, ist das beim Grundfähigkeitsschutz nicht der Fall. Dort kennen Sie nur die Schadensursachen, aber Sie wissen nicht, ob sie deswegen arbeitsunfähig werden. Der wichtigste BU-Auslöser, die psychischen Erkrankungen, ist zudem nicht in allen Grundfähigkeitsversicherungen berücksichtigt. Es gibt viele Unwägbarkeiten: Was ist eine Krankheit, wie ist sie definiert, wie schwer muss sie sein, damit eine Leistungspflicht erfolgt? Wenn sich hier eine Norm herausbildet, wäre das für die Continentale vielleicht interessant, bisher empfinde ich dieses Konzept aber als Überforderung des Kunden, die gefährlich werden kann.
Inwiefern gefährlich?
Stellen Sie sich vor, ein Makler bietet einem Dachdecker einen Grundfähigkeitsschutz für 40 Euro Beitrag an, weil er glaubt, der Kunde könne nicht das Doppelte für eine BU bezahlen. Falls der Dachdecker im Leistungsfall abgelehnt wird, geht dieser vor Gericht und sagt, er habe beim Vermittler eine BU angefragt, aber keine angeboten bekommen, obwohl er versicherbar gewesen wäre. Das wäre schlimm. Denn die allermeisten Berufe sind über eine BU versicherbar, auch zu einem akzeptablen Preis. Nur ein ganz kleiner Personenkreis wie etwa Stuntmen sind nicht versicherbar. Diese würden aber wohl auch keine Grundschutzpolice erhalten.
Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.