Kommentar

GDV trifft im Loblied auf Garantien viele falsche Töne

„Fünf Gründe, die für Garantien sprechen“, hat der Versicherungsverband GDV auf seiner Webseite zusammengetragen. Doch hier balanciert der Verband auf einem schmalen Grat. Denn das Plädoyer liest sich streckenweise wie eine Horrorgeschichte über das vogelwilde Börsengeschehen – gespickt mit Verweisen auf „schlimmste Kurseinbrüche“ und „plötzlich zusammenschmelzende Vermögen“.
© dpa
Der Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse, die Anzeigetafel zeigt den Verlauf der Dax-Kurve.

Viele Versicherungsmakler und -Vertreter in Deutschland mühen sich in ihren Beratungsgesprächen damit ab, ihren Kunden zu erklären, dass sie doch ein bisschen mehr ins Risiko gehen sollten, um im Gegenzug von höheren Renditechancen zu profitieren, damit sie bis zum Rentenbeginn ihr Vermögen auskömmlich mehren können – jedenfalls stärker als, sagen wir, mit einem Tagesgeldkonto.  

Dabei können sich die Vermittler auf die Erkenntnisse renommierter Wissenschaftler stützen. „Garantien kosten, gerade in Niedrigzinszeiten, Renditepotenzial“, sagte Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften (IfA) aus Ulm, auf dem Pfefferminzia-Zukunftstag im September 2018 in Hamburg. „Ein gewisses Maß an Sicherheit geht auch ohne Garantie“, so Ruß weiter. Etwa über schwankungsdämpfende Bausteine in der Kapitalanlage.

Für die totale Sicherheit zahlten die Menschen „gerne und das meistens zu viel“, meint auch Professor Bernd Ankenbrand, Professor für konstruktivistisches Finanzmanagement.

Und nun das: „Der Tausch mehr Rendite in der Kapitalanlage gegen den Verzicht auf Garantien hat langfristig eklatante Nachteile“, verlautbart der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in einem Beitrag mit dem Titel: „5 Gründe, die für Garantien sprechen“. „Die Garantie ist tot? Von wegen“, so der kämpferische Beginn.

Um nicht missverstanden zu werden: Letztere Aussage dürfte garantiert auch Wissenschaftler Ruß unterschreiben. Der klassische Deckungsstock in der Lebensversicherung sei nicht tot, betonte er fast wortgleich in Hamburg.

Doch beim Studium der „5 Gründe, die für Garantien sprechen“ drängt sich der Eindruck auf, dass der Verband mit seinem Anliegen übers Ziel hinausschießt. Aber der Reihe nach:

„Die Deutschen wollen Sicherheit“, berichtet der GDV unter Grund 1, ganz so, als ob ein sicheres Gefühl der Anleger nur mit Garantien zu erzeugen sei. Selbst die Aussicht auf höhere Renditen bringe die Sparer nicht dazu, stärker ins Risiko zu gehen, heißt es weiter. Dabei verweist der Verband auf verschiedene Umfrage, die dies bezeugten.

So weit so gut. Diese Erkenntnis ist nicht falsch und auch nicht neu. Doch es überrascht dann schon, wie dieser Zustand achselzuckend hingenommen wird. „Die Deutschen ticken einfach so, ihre Vorsicht scheint Teil ihrer DNA“, heißt es dazu lapidar – als sei diese Haltung biologisch festgelegt, folglich auch nicht durch Argumente zu entkräften. Zumal es auch Studien neueren Datums gibt, die insbesondere bei jungen Menschen eine offenere Haltung gegenüber Aktien erkannt zu haben scheinen.  

Auch beim Lesen von Grund 2, „Kursschwankungen gefährden Durchhaltevermögen“, bleiben Restzweifel, ob hier wirklich mündige Bürger gemeint sind. „Beim Vermögensaufbau ist Durchhaltevermögen gefragt“, stellt der GDV klar. Viele Sparer könnten aber mit stark schwankenden Kursen von Wertpapieren nicht umgehen, so der Verband, weil sie erst einsteigen, „wenn die Märkte bereits lange gut gelaufen sind und geben schnell entnervt auf, wenn die Kurse einbrechen“.

Es folgt ein Beispiel: Bei zwei renditegleichen Anlageformen halten Anleger am ehesten bei derjenigen durch, die weniger im Kurs schwankt. „Was nützt das Versprechen langfristig höherer Renditen, wenn die Sparer zwischendurch aufgeben?“, schlussfolgert der Verband. Dass Sparer „zwischendurch aufgeben“ ist nun allerdings ein Problem, dass auch die klassische Lebensversicherung betrifft – gut jeder zweite Policeninhaber schafft es bekanntlich nicht ins Ziel und storniert seinen Vertrag vorzeitig.

Der dritte Punkt lautet „Planungssicherheit geht verloren“. Die Argumentation hier: Wenn es keine Garantien in der Altersvorsorge mehr gebe, bestehe die Gefahr, dass das Vermögen der Sparer kurz vor der Rente „plötzlich zusammenschmilzt“ und sie „deutlich weniger erhalten als gedacht“. Böse Zungen würden jetzt sagen: „Deutlich weniger erhalten als gedacht?“ – das dürften sich auch manche klassisch Versicherte gedacht haben, als sie ihre zu erwartende Ablaufleistung mit der ursprünglichen Hochrechnung verglichen haben.   

Um den Grusel noch etwas zu steigern, verweist der Verband sodann auf die „schlimmsten Kurseinbrüche“ am deutschen Aktienmarkt seit 1990: „2008 gab der Leitindex Dax um 40 Prozent nach, 2002 sackte er gar um 44 Prozent ab und 1990 betrug das Minus immerhin noch 22 Prozent. Selbst 2018 ging es um 18 Prozent nach unten.“

Zum Vergleich schauen wir uns doch mal die gesamte Entwicklung des Dax von 1990 bis 2018 an: Das Jahr 1990 beendete der Index mit einem Stand von 1.398 Punkten. 28 Jahre später, im Jahr 2018, standen 10.558 Punkte zu Buche – was einem Plus von 655 Prozent entspricht, wohlgemerkt inklusive des Krisenjahres 2018.

„Befürworter eines Wegfalls von Garantien argumentieren oft damit, dass Aktien über einen langen Zeitraum höhere Renditen abwerfen als andere Anlageformen“, berichtet der GDV unter Punkt vier, allerdings seien „Überrenditen von Aktien keinesfalls sicher“, wie der Blick nach Japan zeige. „Der japanische Leitindex Nikkei notiert heute noch immer unter dem Stand von Ende der 1980er-Jahre.“

In Deutschland sehe die Situation zwar anders aus, räumt der Verband ein, dennoch sei es „trügerisch, die Entwicklung der Vergangenheit einfach in die Zukunft fortzuschreiben“. Und hier kann man dann wieder uneingeschränkt zustimmen.

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Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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