Pfefferminzia: Das DIW hat jüngst eine Untersuchung veröffentlicht, die zeigt, dass baldige Rentner auf deutliche Lebensstandard-Lücken zusteuern. Auch mit privater Vorsorge und Riester- und Rürup-Renten könnte man das Problem allenfalls leicht abmildern, heißt es dort. Steckt die Altersvorsorge der Deutschen in der Krise?
Thomas Pollmer, Leiter Produktmanagement Leben, Continentale: Ja, das tut sie in Teilen sicherlich. Die Frage ist jedoch, wo man die Ursache für diese Krise suchen muss? Würde ein weiteres Produktkonzept für die Altersvorsorge irgendetwas ändern? Sicherlich nicht unbedingt an der Einstellung und der Motivation der Menschen, Altersvorsorge zu betreiben und mehr Kapital für die eigene Absicherung aufzuwenden. Ist denn wirklich die Angebotsvielfalt das Problem oder nicht vielleicht eher das unzureichende Bewusstsein zum Bedarf für private Altersvorsorge? Und wie positioniert sich eigentlich die Politik in Berlin, um diesen Bedarf zu kommunizieren? Die Deutschen scheinen ja die Anforderungen an ihre Vorsorge systematisch zu unterschätzen – sonst würden mit Sicherheit nicht so viele der eingangs erwähnten Bald-Rentner ein Problem haben.

Guntram Overbeck, Leiter Produktsteuerung Leben, Helvetia: Das Problem ist vor allem hausgemacht – und zwar von der Politik EU-weit. Die Niedrigzinspolitik hat zur Folge, dass die ältere Generation aufgrund klassischer Verträge nun diese Schwierigkeiten hat. Zugleich besteht hierzulande der Irrglaube, dass Aktien Teufelszeug seien – man sieht das sinnbildlich bei der Riester-Rente und in der betrieblichen Altersversorgung (bAV), wo es nach wie vor die verpflichtende Beitragsgarantie gibt. Anlageformen, die auch in der Niedrigzinsphase noch gute Erträge bringen, werden leider in die Ecke gestellt. Gleichwohl war auch die Versicherungsbranche viel zu lange zu garantieorientiert.
Malte Wolter, Produktmanager für geförderte Vorsorge, Condor: Wir denken hierzulande in der Altersvorsorge normalerweise immer an staatliche Unterstützung. Wir haben aber das Problem, die Geringverdiener und die gebrochen Erwerbstätigen zu erreichen. Deutschland hat in Europa gewisser Weise eine Sonderstellung, denn hier gibt es etwa für Selbstständige keine Verpflichtung zur Altersvorsorge. Da kommt eine ganze Menge auf uns zu – zumal die Konjunktur nicht ewig gut laufen wird. Für diese gesellschaftlichen Gruppen existieren bislang leider keine adäquaten Rahmenbedingungen. Ja, es gibt die Rürup-Rente, die wird aber viel zu wenig genutzt. In der betrieblichen Altersversorgung wurde das Thema immerhin angegangen – jetzt muss man abwarten, was daraus wird.

Michael Hinz, Marktmanager Freie Vertriebe der Signal Iduna: Sie fragten eingangs, ob die Altersvorsorge der Deutschen in einer Krise steckt? Das würde ich verneinen, aber die Art des Sparens steckt sehr wohl in einer Krise. Die Deutschen suchen sich leider zu oft die falschen Instrumente zum Sparen aus. Vom Geldvermögen der Bürger in Höhe von 5,8 Billionen Euro sind allein 2,3 Billionen Euro in Sparanlagen investiert – davon allein 500 Milliarden Euro in Tagesgeldkonten. Zwar liegen gut 2,1 Billionen Euro bei Versicherungen und Pensionskassen, trotzdem steckt noch viel zu viel Geld in unrentablen Anlagen, die überhaupt nicht geeignet sind für die Altersvorsorge. Das ist definitiv ein Beraterthema.
Christian Nuschele, Vertriebschef Standard Life Deutschland: Ich würde Ihre Frage definitiv mit Ja beantworten. Ich sehe durchaus eine Krise – und dafür gibt es Gründe. Altersvorsorge bedeutet immer auch Konsumverzicht. Und in diesen Zeiten Geld zurückzulegen erscheint vielen Menschen nicht sonderlich attraktiv. Leider ist die Altersvorsorge, wie sie in Deutschland betrieben wurde und immer noch wird, eine Geschichte vieler Missverständnisse. Es gibt eine große Anzahl von Kunden, die mit der Wertentwicklung ihrer Verträge nicht glücklich sind. Hinzu kommt diese unglaubliche Komplexität und Vielfalt der Produkte in Deutschland: fünf oder sechs Möglichkeiten zur bAV und gefühlt unendliche Möglichkeiten in der privaten Altersvorsorge.

Bedeutet Vielfalt nicht auch mehr Möglichkeiten für eine individuelle Vorsorge?
Nuschele: Wenn Vielfalt zu einer Komplexität führt, in der ein Kunde nicht mehr versteht, für was er sich damals eigentlich entschieden hatte, dann ist es kein Gewinn. Dann ist es ein Beraterthema. Dann brauchen wir aber auch eine Beraterkultur, die es ermöglicht, diese Beratung regelmäßig beim Kunden liefern zu können.
Und diese Beraterkultur gibt es so nicht?
Nuschele: Nein, nicht in der Breite. Diese finden Sie bei wohlhabenden Kunden definitiv, diese finden Sie auch bei Kunden, die beispielsweise zu Finanzplanern gehen – und auch viele Vertreter, Vermittler und natürlich Makler nehmen das Thema durchaus sehr ernst. Aber wenn ein Maklerunternehmen 1.000 Kunden pro „Business Writer“ betreut – da kann keine nachhaltige und dauerhafte Beratung stattfinden. Zumindest nicht flächendeckend.

Pollmer: Laut Studien kommen auf 1.000 Kunden in Deutschland aktuell im Schnitt drei Versicherungsvermittler – Tendenz leider abnehmend. An der Einschätzung von Herrn Nuschele hinsichtlich der Beraterdichte ist also etwas dran. Gute Beratung braucht natürlich auch Zeit – Zeit für den Berater, sich entsprechend zu bilden. Und Zeit, um sich der Bedarfsanalyse und Lösungserarbeitung mit dem Kunden zu widmen. Insofern rückt dies die Diskussion um ein Provisionsverbot im Rahmen eines Lebensversicherungsreformgesetzes II umso mehr in ein bizarres Licht. Berater und Beratung braucht es, um dem Problem zu begegnen. Und es braucht eine Lobby für unsere Branche. Der Gesetzgeber hat mit Riester-, Rürup-Rente und bAV viele gute Lösungen kreiert. Wenn aber die Politik die einst geschaffenen Lösungen und deren Anbieter permanent infrage stellt, wirkt das in höchstem Maße demotivierend für die Menschen.
Hinz: Die Kunden selbst verstehen die Produkte nicht mehr so ohne Weiteres. Die Berater verstehen diese aber sehr wohl. Und ich finde es erfreulich, dass die Qualität in der Beratung nach meinem Dafürhalten zunimmt und dass die Vermittler auch zunehmend erkennen, wie wertvoll ihr Kunde über den gesamten Zeitverlauf gesehen ist. Dass war zum Beispiel in den 90er Jahren bei Weitem nicht so. Wir sehen entsprechend, dass die Stornoquoten fallen. So gesehen rutscht der Vermittler immer stärker an den Kunden heran – und bleibt auch näher bei ihm.
Wolter: Dass ich als Makler überlebe, hat nur damit etwas zu tun, dass ich dem Kunden einen Mehrwert durch Beratung biete – denn die reinen Produkte bekommt dieser im Zweifel auch woanders. Dafür bekommt der Makler auch seine Vergütung mit der er sich auch absetzen muss von dem, was man im Internet kaufen kann.

Herr Wolter, Sie sagten vorhin: Die Geringverdiener werden kaum erreicht. Nun befürworten die Autoren des DIW eine kapitalgedeckte Zusatzrente nach dem schwedischen Fondsmodell. Wäre das eine Lösung?
Wolter: Ein Fonds allein ist nur ein Werkzeug. Im Kern geht es um die Frage, wie man die Leute erreichen kann. Das heißt, wie man einen Impuls schaffen kann – zum Beispiel durch Anreize, wie eine staatliche Zulage oder eine Verpflichtung zur Vorsorge. Ich glaube aber nicht an die „One fits all“-Lösung. Dafür sind die Ansprüche zu unterschiedlich.
Overbeck: Die Idee eines Staatsfonds ist grundsätzlich erst einmal positiv, denn es steckt immerhin das Wort „Fonds“ drin. Das Problem sind die damit verbundenen gesetzlichen Vorgaben und die konservativen Anlagevorschriften. Man denke nur an die Effektivkostenquote, die keiner versteht und die ihren eigentlichen Zweck, eine Vergleichbarkeit zu schaffen, nicht erfüllt. Daran merkt man, dass staatliche Eingriffe oft sehr problematisch sind. Beispielsweise auch bei den Vorgaben zu den Risikoklassen: Ein Vermittler soll laut VVG nach Zielen und Risikotoleranz beraten. Aber das, was draußen stattfindet, ist nur die Erfassung der Risikotoleranz. Es wird also gefragt: Welches Risiko sind Sie bereit zu tragen? Wenn der Vermittler Glück hat, verortet sich der Kunde in Risikoklasse 2 oder 3. Wer dann nicht dokumentiert, dass der Kunde mit einem Garantieprodukt in Risikoklasse 3 sein Sparziel höchstwahrscheinlich verfehlt, geht die gleichen Haftungsrisiken ein wie bei einer fehlenden Abfrage der Risikotoleranz. Fragen Sie doch mal Leute auf der Straße: Es gibt einen garantierten Weg, mit dem Sie Ihr Sparziel zu 100 Prozent verfehlen oder einen anderen Weg, bei dem Sie eine gute Chance haben, Ihr Ziel zu erreichen. Da wird so mancher Kunde ins Grübeln kommen. Darauf setzen wir auch in den Schulungen: Man kann immer unterschiedliche Wege wählen, aber man muss als Kunde bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.