Kommentar

„Ein hohes Alter muss nicht mit jahrelangem Leiden verbunden sein“

Sind Raucher oder Nichtraucher „teurer“ für eine PKV? Dieser Frage gingen die deutschen Aktuare vor kurzem nach. Gesundheitsexperte Joachim Haid findet das Ganze zu kurz gedacht. Versicherer sollten sich vielmehr vom Leistungserbringer zum Gesundheitsmanager des Kunden entwickeln und dessen gesunden Lebensstil fördern.
© Joachim Haid
Joachim Haid ist Riester-Experte, Softfin-Chef und nun auch Urheber seines eigenen Gesundheitsprogramms PaleoMental.

Vor kurzem veröffentlichte Pfefferminzia einen Artikel, der sich der Frage widmete, ob Raucher in der privaten Krankenversicherung (PKV) mehr Kosten verursachen als Nichtraucher. Der Artikel bezog sich dabei auf eine entsprechende Analyse der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). In diese Diskussion möchte ich mich einklinken.

Mir geht es dabei speziell um diese beiden Sätze:

„Mit dem Alter steigt das Krankheitsrisiko und folglich die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Das alles führt dazu, dass die sogenannten Kopfschäden mit dem Alter deutlich ansteigen.“

„Die höchsten Krankheitskosten fallen bei den meisten Personen in den letzten Lebensjahren vor dem Tod an – dann treten die schweren Erkrankungen auf, die einer intensiven (stationärer) Behandlung bedürfen. Diese Beobachtung trifft sowohl für Raucher als auch für Nichtraucher zu, wie die Autoren betonen.“

Das ist statistisch und versicherungstechnisch erst einmal richtig, ist allerdings auch zu kurz gedacht. Denn viele der schweren Erkrankungen im hohen Alter sind vermeidbare Zivilisationskrankheiten, welche durch einen entsprechend gesunden Lebensstil vermieden, oder zumindest deutlich abgemildert werden können. Gerade Raucher sind hier besonders betroffen.

Das ist ein bisschen ein Henne-Ei-Thema: Führe ich einen gesunden Lebensstil, steigt zwar die Lebenserwartung an, es reduziert sich aber auch das Risiko, an Zivilisationskrankheiten zu erkranken. Die durchschnittlichen Kopfprämien erhöhen sich bei steigender Lebenserwartung nur dann, wenn man Themen isoliert betrachtet und daraus eine Korrelation ableiten möchte:

Kunde hört auf zu Rauchen, oder raucht gar nicht —> Lebenserwartung steigt —> Gesamtkostenbelastung steigt, weil statistisch gesehen im Alter die Kosten stark ansteigen

Hier wird die Ursache für den Anstieg der Kosten im Alter, jahrelanges Anhäufen von Schädigungen durch einen ungesunden Lebensstil, in der statistischen Kalkulation mitberücksichtigt, obwohl die Ursache gegebenenfalls beseitigt wurde.

Was ist der Grund dafür?

Weil man hier nur ein einzelnes Risiko isoliert betrachtet: das Rauchen. Wenn ein Versicherungsnehmer Nichtraucher, aber stark übergewichtig ist, ist wenig bis gar nichts gewonnen. Hier ist das Risiko von Zivilisationskrankheiten im Alter ebenfalls sehr groß, die durchschnittlichen Kopfschäden steigen an. Größe und Gewicht werden aber nur bei Antragstellung berücksichtigt; im späteren Vertragsverlauf nicht mehr.

Heute wird bereits vom ständigen Sitzen als dem neuen Rauchen gesprochen. Ärzte sprechen daher auch vom toxischen Sitzen. Aber auch das Gegenteil davon, nämlich übermäßiger Ehrgeiz beim Sport kann das Gesundheits- und Kostenrisiko erhöhen. Klassisches Beispiel ist hier eine Herzmuskelentzündung bei zu frühem Sportbeginn nach einer Erkältung.

Es ist nicht richtig, dass eine höhere Lebenserwartung zwangsweise mit exponentiell steigenden Krankheitskosten korreliert. Manchmal höre ich von Menschen den Spruch „Lieber den Jahren mehr Leben, als dem Leben mehr Jahre geben“. Gemeint ist damit: „Lieber den Jahren mehr Leben, als dem Leben mehr Jahren mit Leiden geben“.

Das ist, mit Verlaub, häufig eine Rechtfertigung für einen ungesunden Lebensstil („Ich habe eine lebensbejahende Figur“) und eine Ausrede, diesen nicht verändern zu müssen. Mit einem gesunden Lebensstil kann man dem Leben durchaus mehr gesunde Jahre geben. Ein hohes Alter muss nicht mit jahrelangem Leiden verbunden sein!

Es wird Zeit, umzudenken!

Der (Schadens-)Ausgleich im Kollektiv ist dann fair, wenn für die Personen des Kollektivs ein vergleichbares Risiko besteht und es sich um nicht selbst verursachte Risiken/Schäden handelt.

Wer nicht nur vor der Antragstellung, zum Beispiel einer PKV, ein gesundes Leben führt und ohne Zuschläge versichert werden kann, sondern auch während der Vertragslaufzeit, reduziert das Risiko von hohen Krankheitskosten im Alter. Wer während der Laufzeit jedoch zu einem ungesunden Lebensstil wechselt, erhöht das Risiko und damit statistisch die Kopfschäden. Dies bleibt jedoch unberücksichtigt. Wenn ich darauf jedoch selbst Einfluss nehmen kann, es aber nicht tue, oder noch schlimmer, es durch Fehlverhalten provoziere, kann das dann nicht eine Art selbst verursachter Schaden sein?

Gesunden Lebensstil belohnen

Bei der Absicherung eines biometrischen Risikos ist es deshalb unfair, erhöhte Risiken/Schäden durch persönlichen, ungesunden Lebensstil unberücksichtigt zu lassen und dies auf das gesamte Kollektiv zu verteilen. Fairer wäre es, einen gesunden Lebensstil zu belohnen und vor allem zu fördern.

Es wird Zeit, dass Versicherer davon wegkommen, reiner Leistungserbringer zu sein und dazu übergehen, der lebensbegleitende Gesundheitsmanager des Kunden zu werden.

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Autor

Joachim Haid ist Gründer des Gesundheitsprogramms PaleoMental®, zudem Gesundheitscoach und Heilpraktiker in Ausbildung.

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