Kommentar zu Telematik-Tarifen

„Kommt bei der Hausrat dann bald die Kameraüberwachung?“

Über den Sinn oder Unsinn von Telematik-Tarifen wird gerade kräftig diskutiert. Auch Maklerin Katharina Heder hat eine Meinung hierzu. Sie ist zwar sonst gegenüber technischem Schnickschnack durchaus aufgeschlossen, sieht in den Telematik-Tarifen aber unter anderem eine Gefahr für den einzelnen Versicherten und das Fahrverhalten auf Deutschlands Straßen insgesamt.
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Fahren wegen der Telematik-Tarife bald alle ganz langsam? Ist Dauer-Stau dadurch programmiert?

Aktuell gibt es einige Themen, deren Diskussion auch in Fachkreisen nicht einfach zu verfolgen sind. Der Grund dafür sind unterschiedliche Ansichten zu Datenschutz und aus meiner Sicht fehlende Weitsicht zu den Folgen der Entscheidungen. Im Fokus steht dabei für mich die Frage von Telematik-Tarifen.

Dazu scheint es mir nötig, kurz darauf einzugehen, aus welcher Perspektive ich diesen Beitrag schreibe: Ich bin noch unter 30 Jahre alt. Ich bin neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen. Man könnte auch sagen, dass ich ein Early Adopter bin und neue Technik in meinem Umfeld bei mir als Erstes angeschafft wird. Trotzdem sehe ich die Frage von Telematik-Tarifen überaus kritisch. Dabei spielt für mich persönlich die Frage nach den Folgen eines solchen Tarifs eine entscheidende Rolle.

Verkehrsdelikte sind an der Tagesordnung

Es könnte so einfach sein, sagen die Experten: Kunden werden danach tarifiert, wie sie sich verhalten. Geht man in die Lebensrealität mit dieser Auffassung, lohnt es sich bewusst zehn Minuten dem Verkehrsfluss an einer belebten Straße zu folgen. Mindestabstand? Bei dunkelgelb schon stehen bleiben? Fußgänger in Ruhe die Straße überqueren lassen? All das sind Auszüge dessen, was wir oft unbewusst im Alltag an Risiko im Auto in Kauf nehmen. Man ist im Stress, die Kinder schreien auf der Rückbank oder persönliche Sorgen lassen den Kopf woanders sein als im Hier und Jetzt.

Dazu erklärte mir ein Polizist unlängst im privaten Gespräch, dass es aus staatlicher Sicht einfach sei. Niemand, der den Kopf nicht frei habe, dürfe ein Kraftfahrzeug führen. Dazu merkte er selbst an, dass die Realität leider oft anders aussehe und die ansteigenden Unfallstatistiken dies bezeugen. Wenn die Realität von dem Idealbild mit nachweislichen Folgen so deutlich abweicht, bedeutet das auch, dass derlei Fehlverhalten ungeachtet der Ursachen Eingang in die Ermittlung der Prämie nehmen.

Aus Anreiz wird Fehlschlag

Der gesetzte Anreiz durch besonders umsichtiges Fahrverhalten zusätzliches Geld zu sparen, kann so für den Durchschnittsfahrer schnell zum Fehlschlag werden. Dies ist umso mehr dann der Fall, wenn beispielsweise bei einem Auffahrunfall mithilfe eines Telematik-Tarifs ein Mitverschulden des Vorausfahrenden dokumentiert werden kann. Am Ende ist dies vor allem für einen Beteiligten ein Vorteil: den Versicherer.

Dieser kann durch die genauere Erhebung von Daten nicht nur die Prämie individuell kalkulieren und damit das Risiko, das er übernimmt, minimieren. Er kann auch in strittigen Schadenfällen schneller eine Mithaftung geltend machen, wenn der Unfallgegner über eine Telematik-Vorrichtung verfügt.

Vorteil im Wettbewerb

Was den Wettbewerb angeht, so bietet diese Möglichkeit ungeahnte Möglichkeiten. Klassische Versicherer haben keine Chance, gegen die bessere Schadenquotelung und die vermeintlich niedrigeren Prämien anzuargumentieren. Das spricht dafür, dass eine flächendeckende Einführung aus betriebswirtschaftlicher Sicht erfolgen wird. Anders gesagt steigt der Druck auf all jene Versicherer, die kein Telematik-Angebot besitzen. Hier kann die Konkurrenz mit (niedrigeren) Prämien, zusätzlichen Angeboten und einer besseren Balance zwischen Prämien und Schadensregulierung punkten.

Weiterhin stellt sich mir bei der Telematik-Diskussion eine weitere Frage: Ändert Sie das Fahrverhalten der Autofahrer? Natürlich gibt es hierzu bislang keine Erfahrungswerte. Stellt man sich jedoch vor, wie sich solches Verhalten auswirkt, sehe ich vor mir eine ganze Reihe von Autos, die allesamt etwas zu langsam fahren. Warum? Ganz einfach: Sie wollen nicht riskieren mehr Prämien bezahlen zu müssen, weil sie zu schnell unterwegs sind. Die Konsequenzen der ohnehin schon überfüllten Straßen – Staus ohne Ende – möchte wohl niemand wirklich ertragen.

Kein Plädoyer für Raser

Trotzdem gibt es eine Vielzahl von Menschen, die sich bereits für einen solchen Tarif entschieden haben und damit zufrieden sind. Es mag auch durchaus Fahrer geben, die damit einen wirklichen Vorteil erlangen – nämlich all jene über die sich heutzutage viele Autofahrer aufgrund ihrer besonders vorsichtigen und umsichtigen Fahrweise aufregen.

War dies nun ein Plädoyer für Raser? Mitnichten. Tatsächlich verhält es sich doch eher so, dass bei viel Licht auch Schatten fällt. Dies ist beispielsweise der Fall bei Fahranfängern. Aufgrund ihres nicht vorhandenen Datensatzes sind diese Fahrer schwer einzuschätzen und haben bereits heute hohe Versicherungsprämien zu verzeichnen. Diese dürften künftig ansteigen. Dabei kommt dem begleiteten Fahren ab 17 Jahren eine besondere Rolle zu: Wie genau möchte ein Telematik-Tarif dies zwischen Eltern und Kindern einordnen? Am Ende dürfte die Familie als Versichertengemeinschaft insgesamt eine höhere Prämie zahlen. Da hilft auch das umsichtigste Fahrverhalten von Eltern und Kindern wenig.

Hausrat und Kameraüberwachung?

Für mich sind diese Perspektiven und deren mögliche Konsequenzen, auch wenn dabei noch viel im Unklaren ist, Grund genug den Initiativen in vielerlei Hinsicht kritisch gegenüber zu stehen. Tatsächlich ist die Digitalisierungsinitiative von Versicherern begrüßens- und wünschenswert. Man muss aber auch die Frage stellen, ob eine Bündelung der Ressourcen in diesen Bereichen dem Vermittler wirklich dienlich ist.

Vielleicht – so jedenfalls meine persönliche Meinung – wäre es zunächst wichtiger gewesen,  mithilfe von Apps die Beratung von Kunden zu vereinfachen, bevor man die Tariflandschaft in Lebens- und Sachversicherungen umkehrt. Sollte übrigens demnächst jemand auf die Idee kommen, man könne die Hausratversicherung durch Kameraüberwachung besser tarifieren, bin ich gespannt, ob gegen Prämienersparnis auch dort ein Interesse da ist.

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